Herumfliegende Worte

Vermutlich werde ich das kluge Kind in einem Jahr erst wiedersehen. Hab ihm noch rasch einen Floh ins Ohr gesetzt, sich ein Notizbüchlein anzulegen und darin zufällig gehörte Gesprächsfetzen zu sammeln. Diese Sammlung wäre hübsch zu lesen. Meine Freundin Lisette war beim Stadtbummel nicht ansprechbar, sobald sie irgendwo in der Nähe ein paar Gesprächsfetzen erhaschen konnte. Meist bleib sie dann stehen und tat so, als müsse sie an Ort und Stelle etwas Wichtiges tun, um in Wahrheit noch mehr vom Gespräch zu erlauschen.

Einmal habe ich kurz hintereinander drei Gesprächsfetzen aufgefangen. Danach war ich in Sorge, einen Bekannten zu treffen oder etwas Ungewöhnliches zu sehen, – dann würden die Gesprächfetzen unweigerlich im Orkus des Vergessens versacken. Diese Sorge zwang mich, die Zitate im Stehen zu notieren und ich vermisste dabei eine Unterlage. Es wäre prima, wenn in den Innenstädten hier und dort Stehpulte angebracht wären. Ein solches Stadtmöbel für Notizen fehlt.

Meinen liebsten Gesprächsfetzen hörte ich einmal auf der Kölner Domplatte. Ein junger Mann sagte zu einem alten: „Reg dich nicht auf, Onkel Franz, ich mach das schon.“ Aus irgendeinem Grund ist dieser Satz für mich wie Poesie. Einen anderen Gesprächsfetzen sammelte ich am Aachener Markt auf. Vor dem Lokal Postwagen, gleich neben dem Standesamt, hatte sich eine staatsgemachte Hochzeitsgesellschaft versammelt. Ein Mitvierziger sprach auf zwei Frauen und einen Mann ein, zeigte einer imaginären Person mit heftiger Geste einen Vogel, beugte sich vor und sagte empört: „… und feiert da Silvester!“ Warf sich in die Brust und fuhr fort: „ Ja gut, Okay, dat issss ..!“ Die Worte, der Mann, man hätte die Rolle nicht besser besetzen können. Jedenfalls dachte ich mir, egal, um wen es geht, man sollte als Außenstehender nie so heftig urteilen. Man ist dann grundsätzlich im Irrtum.

Im Regionalexpress nach Aachen sagte eine lebhafte Oberstufenschülerin über eine als bedrohlich empfundene Lehrerin: „Die guckt mich an, und alle Gedanken, die in meinem Kopf waren, sind einfach weg!“ Das wirft die Frage auf, ob man überhaupt Gedanken auf Vorrat im Kopf hat gleich Kartoffeln in einem Korb – und ob man die Lehrerin besser zwangspensionieren sollte.

Professor Coster hat sich mal keine Hose kaufen können, weil er ungewollt Zeuge eines Gesprächs zweier Hosenverkäufer wurde, von denen der eine dem anderen gesagt hatte: „Ich sage dir mal, was sie mir per SMS geschrieben hat: Sie findet schön, dass ich träume, sie mag wie ich sie ansehe, …“ – hier in Gänze zu lesen:

Im Cafe sprach eine alte Dame mit einer Kellnerin, die ihr mit den Krücken half. „Ne, ne, dat jehört sich nicht!“, sagte die Alte immer wieder. Was genau sich nicht gehörte, konnte ich nicht herausfinden. „Das gehört sich nicht“, wird sowieso mit den derzeit Alten aussterben. Die nachfolgenden Generationen haben nämlich sehr divergierende Ansichten darüber, was sich wie gehört. „Das gehört sich nicht“ gehört in eine Welt des Anstands. Diese Welt ist dabei, im Orkus des Vergessens zu verschwinden. Der Soziologe Herr Putzig würde sagen, dass andere Formen des Anstands gültig werden. Was sich gehört, wäre eine Frage der kulturellen Vereinbarung. Da hätte er auch wieder Recht.

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11 Kommentare zu “Herumfliegende Worte

  1. Ich höre neuerdings dauernd „quasi“: „…und dann hab ich quasi gesagt…“ – „…und er hat dann quasi das Auto gestartet…“
    Es ist grauenhaft (und passt nie!). Deine Sätze sind schöner. Du hast mehr Hörglück als ich.

    Gefällt 1 Person

    • Beim Schreiben baue ich „quasi“ [gleichsam, sozusagen] als Füllwort gerne ein. Es macht eine Aussage verbindlicher. Gesprochen habe ich „quasi“ meines Wissens nie. Die Sammlung dessen, was du „Hörglück“ nennst, kommt zustande durch ständiges Notieren. Die Aussage der Oberstufenschülerin hatte ich wieder vergessen, obwohl letzten Donnerstag erst gehört. Ich fand sie wieder beim Blättern in meinem Notizbuch.

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      • Wenn man es richtig benutzt, ist es doch völlig in Ordnung. Nur in Sätze wie die Beispielsätze gehört es nun wirklich nicht. Genauso wie „zwecks“, das neuerdings auch gerne mal sinnlos eingefügt wird.
        Übrigens habe ich auch diverse Wörter, die ich nur beim Schreiben, nicht aber beim Sprechen benutze. Besonders altmodischere, die sich ausgesprochen irgendwie eigenartig anhören, aber geschrieben genau das ausdrücken, was man gerade sagen möchte.

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