Der Berufstourist und die Frau mit den Bandscheiben – Wahrer Bericht von einer Forschungsreise

Hätte er einen Globus und wäre darauf jedes Land, das er bereits besucht hat, rot eingefärbt, dann gäbe es kaum noch andere Farben als Rot, also nur wenig von ihm unberührtes Land. Sein exzessiver Tourismus hat über die umweltschädliche Komponente hinaus eine sozial extrem schädliche Seite, ausufernde Erlebnisberichte, mit denen er jedes Gespräch unterdrückt, ja unmöglich macht. Am Ende der Tischreihe waren gut sechs Personen gezwungen, ihm zuzuhören. Selten wagte jemand anderes, das Wort zu ergreifen. Es gab aber auch kaum Gelegenheit dazu. Man musste brutal in eine Atempause hineingrätschen, was ja immer den Charakter eines Gewaltakts hat. Was derweil im Kopf dieses Berufstouristen vorging, wäre zu erwägen. Gab es eine bewusste Meta-Instanz in seinem Kopf? Dachte er auch nur einen Augenblick darüber nach, wie verheerend seine Agieren für die Gesprächskultur war? Vermutlich nicht. Auf die Frage, ob er in letzter Zeit so etwas wie Flugscham empfunden hatte, sagte er ohne nachzudenken: „Nö.“

Es musste also eine unbewusste Meta-Instanz geben, eine, die ihm Sinnfragen ersparte, ja, sogar brutal unterdrückte, was Zweifel hervorrufen könnte. Seine erzwungenen Zuhörer waren ihm nichts als blanke Gesichtsflächen für seine Projektionen. So erstaunte er beim Händeschütteln zum Abschied mit der Aussage: „Schön, dich nochmal gesehen zu haben.“ Was bedeutete das? Etwa: “Schön noch einmal uneingeladen auf deiner inneren Bühne getanzt zu haben?“ Ein Kollege sagte später, es erstaune ihn das Selbstbewusstsein, mit der der Berufstourist seine banalsten Erlebnisse raumgreifend vortrug. Aber geht es hier nicht weniger um Selbstbewusstsein als um einen psychischen Defekt? Da er doch alles andere ist als sich selbst bewusst. Glaubt der Mann tatsächlich, man reise von überall her heran, um seine Berichte zu hören? Nein. Er denkt nicht darüber nach, ergreift nur die Gelegenheit, seiner inneren Leere zu entkommen. Nicht einmal das käme ihm nah. Warum innere Leere?, würde er denken. Ich bin doch randvoll mit Erlebnissen. Aber die Einsicht fehlt. Es fehlt das geistige Durchdringen. Er ist nur ein Depp mit einem vollgestempelten Reisepass.

Einer wie er müsste schreiben, müsste schreibend eine Schar imaginäre Leserinnen vor Augen haben und könnte sich dann in aller Ruhe ausbreiten. Schon als wir noch Kollegen waren, bin ich nach allen Ferien vor ihm geflohen. Einmal erwischte er mich doch. Als er anhub zu erzählen, sagte ich: „Schreib das bitte für unser Jahrbuch auf!“ Das tat er auch, und es waren wirklich zwei schöne Reiseberichte. Einer ging über die Mönchsrepublik Athos,eine Halbinsel, auf der keine Frauen geduldet sind, auch keine weiblichen Haustiere. Der andere hieß: „Stirb nie in Surigao!“, was ich nicht im Traum vorhatte und tunlichst auch an anderen Orten vermeiden werde.

In Duisburg besteigt eine voluminöse Dame den ICE und nimmt schnaufend den Sitz hinter mir ein, wozu sie ihre Nachbarin erst hochscheuchen muss, um auf ihren reservierten Fensterplatz zu gelangen. Dann schimpft sie los, weil es ihr nicht gelingt, den Sitz nach hinten zu kippen: „Ich kann unmöglich so sitzen – mit meiner Hüfte, den Bandscheiben und meinem Rücken.“ Ich bin schon genervt. „Die Bandscheiben habe ich ja von meiner Mutter bekommen.“ Gewiss als Weihnachtsgeschenk, ach nein, sie sind ererbt. Bald unterbreitet sie der wildfremden Frau neben sich die gesundheitlichen Probleme ihrer 84-jährigen Mutter. Ich schätze mich glücklich, daran partizipieren zu dürfen. Als sie zwischendurch mitteilt, ihr Mann habe sich nach 38 Ehejahren von ihr scheiden lassen, frage ich mich, warum so spät? Ihre ausführlichen Einlassungen über Art und Konsistenz von Brötchen und welchen Belag sie zu gewissen Tageszeitungen bevorzuge und vehement ablehne, wären für mich ein Grund, eine Stinkbombe zu zünden und mich aus dem Staub zu machen. Leider habe ich keine bei mir und weiß auch nicht, ob ich woanders einen freien Fensterplatz finde. Also muss ich mich fügen. Derweil telefoniert sie ungerührt mit ihrer Schwiegertochter, wo sie zu Besuch gewesen war, obwohl der Wagon ein ausgewiesener Ruhebereich ist. Es geht um Enkelin Carolina. „Hat Carolina noch lange geweint, als ich weg war?“
„Nein, es ging gleich in fröhliches Lachen über, als du um die Ecke warst.“

An der unreflektierten Selbstbezüglichkeit und der viel zu höflichen Duldung wird diese Welt zugrunde gehen.

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