An einem Sonntagmorgen im Februar

Allmorgendlich klappe ich den Tagesschau-Feadreader auf und schaue nach, was in der Welt geschehen ist, ob nicht vielleicht ein irrer Diktator meinen Planeten weggesprengt hat, derweil ich schlief. Eigentlich müsste ich keine der Schlagzeilen lesen, denn wenn das Internet noch da ist und auch der Feadreader der Tagesschauredaktion, könnte ich mich beruhigt zurücklehnen. Was da sonst noch in der Welt passiert ist, betrifft mich ja gar nicht. Es ist im ununterscheidbaren Nebeneinander von Schreckenskunde und Banalitäten reines Entertainment.

Ja, diese Schlagzeilen im Feadreader eröffnen nicht mal Nachrichten im Wortsinne von „Nachricht“ = Wonach man sich zu richten hat. Nicht mal, wenn da etwas übers Wetter stünde, müsste ich mich danach richten, denn wenn ich noch im Schlafanzug am Rechner sitze und kalte Knie habe, muss mir die Tagesschauredaktion nicht mitteilen, dass es draußen bitter kalt ist, obwohl die Sonne scheint. Andererseits wäre ganz hübsch, wenn dort stünde:

Obwohl das nicht geschieht, klappe ich allmorgendlich den Feadreader auf und werfe einen orientierenden Blick auf die Liste. Vermutlich will sich in mir etwas vergewissern, dass die ganze Welt noch steht, nicht nur Hamburg und das Gebäude der Tagesschauredaktion. Hab ich nicht mal im Braunkohletagebau ein Dorf gesehen, um das herum man alles weggebaggert hat? Nur einen schmalen Damm für den Zuweg hatte man stehengelassen. Sonst war da rundum Loch, also Abgrund. Das ginge natürlich auch mit der Tagesschauredaktion oder Hannover, also schweift mein Blick über die Schlagzeilen, nur zur Beruhigung. Gestern oder vorgestern machte mich diese Schlagzeile stutzig:

Und ich dachte: „Wer oder was ist Ledecka?“ Klar, unter Parallel-Riesenslalom kann ich mir etwas vorstellen, hab das sogar schon mal gesehen. Man fährt auf einem Brett stehend so schnell es geht einen beschneiten Hang hinunter, aber nicht geradeaus, sondern in irrwitzigen Kurven und das zu zweit, also nicht auf einem Brett wie damals diese fünf Kanadier auf einer Gitarre gespielt haben, sondern nebeneinander auf verschiedenen Strecken, die mit Stangen abgesteckt sind. Auf der Schneedecke sieht man je eine andersfarbige Linie, die quasi den Idealweg kennzeichnet. Wer zuerst unten ist, hat gewonnen. Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es zwei Läufe, wobei die Strecken getauscht werden, weil natürlich die Ideallinien zwar gleich lang sein können, aber die Bodenverhältnisse nicht identisch sind, und wo nur Hundertstel über Sieg oder Niederlage entscheiden, genügt ja ein kleiner Hubbel. So weit, so klug.

Aber geht so Geschichtsschreibung? Geschrieben sind ja nur die farbigen Linien, also mehr gesprüht als geschrieben, und zwar von ungenannten Helfern und nicht von Frau oder Herr Ledecka. Sie/er ist nur drauf rumgefahren. Wenn das der Tagesschauredaktion schon einen Eintrag ins Geschichtsbuch wert ist, dann sind es meine kalten Knie auch und dürfen, ja, müssen vermeldet werden. Immerhin habe ich 458 Wörter reines Deutsch darüber verfasst.
Schönen Sonntag!

Und hier nochmal der legendäre Riesenslalom der Fünf auf einer Gitarre:

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19 Kommentare zu “An einem Sonntagmorgen im Februar

  1. Geht mir ja auch so. Ich, Moment, muss gerade meine Tagesschau-App prüfen, irgendwer soll ein Ministerium bekommen, falls es eine Regierung geben sollte, fühle mich also auch verpflichtet, dem Geschehen zu folgen und mir etwas dabei zu denken. Bzw. mich darüber zu ärgern. Es wäre mir übrigens sehr lieb, wenn Geschichte in Zukunft zu einem erheblichen Teil von Sportlern geschrieben würde, der Rest ist oft ohnehin nicht mal gut fürs Geschichtsbuch. Anmerkungen über deine kalten Beine wären mir auch recht. Oder die Verspätungen bei Sesselliften im Sauerland. Das sind schlechte Nachrichten, die mir den Tag nicht lange verderben. Womit ich nicht gesagt haben möchte, dass deine kalten Beine mich nicht zu Tränen gerührt haben.

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    • Geschichtsschreibung nur von Sportlern und sonst nichts zu melden außer Verspätungen bei Sesselliften im Sauerland, da skizzierst du eine ideale Welt. Hält der Mensch das aus oder erklären frustrierte Sessellift-Touristen vor lauter Langweile dem Sauerland den Krieg?

      Dich zu Tränen zu rühren, lag nicht in meiner Absicht. Da ich selbst nah am Wasser gebaut habe, musste ich wegen dieser Nachricht von dir leider viel weinen und habe alle Tempos schon verbraucht.

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  2. „Wer oder was ist Ledecka?“
    Das ist eine berechtugte Frage. Ich bin jemand, an dem Sportnachrichten vorbeirauschen, ohne von mir bemerkt zu werden. Ich weiss auch nicht, wer in der Fussballbundesliga mitspielt. Doch, wenn jemand eine Goldmedaille holt oder irgendwo eine besondere sportliche Leistung vollbracht hat, dann wundert es mich immer, dass die Namen dieser Sportler so selbstverständlich normal ausgesprochen werden, als ob man sie schon immer gekannt hat: „Ledecka hat Gold geholt.“ Ich glaube, darüber schreib ich mal was. Dankeschön für den Anstoß, lieber Jules.

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  3. Pingback: Ledecka holt keine Kartoffeln |

  4. Doch! Die Welt wurde heute früh gegen 0:00 Uhr gesprengt. Direkt nach dem Wort zum Sonntag. Aber niemand hat es bemerkt. Alle eingeschlafen. Seelig. Und nu? Einfach weiterleben. Tun wir so, als hätten wir’s nicht bemerkt. Interessiert ja sowieso niemanden, nicht wahr. Denn sonst hätte es auch gleich direkt in der BamS gestanden. Aber die prüfen die Nachricht noch, ob sie nicht von der Titanic verschickt wurde …

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    • Ich habe schon früher vermutete, dass alle Berichte vom Weltuntergang übertrieben sind., Bei angenehmen Temperaturen könnte man sogar draußen sitzen, und es ist auch ein Gerücht, dass es draußen nur Kännchen gibt. Ob das in der BamS gestanden hat und ihr von der Titanic untergeschoben wurde, kann ich nie prüfen, weil ich die BamS nicht mal beim Ragnarök anfassen würde.

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