Humorkritik – Schlafmanntaste schmerzlich vermisst

Kategorie zirkusDie Kanäle des Privatfernsehens verschmähe ich aus Gründen der Psychohygiene und glaube mich deshalb geschützt. Die Gefahr, dass mir Jauche oder Gekröse in die Stube schwappt, ist gering. Doch letztens habe ich mir eine Kabarettsendung auf SWR III angesehen. Es trat auf Florian Schröder, der mal ein guter Kabarettist hätte werden können, wenn er nicht auf die Masche gekommen wäre, sich über Leute zu erregen und komplizierte Wortkaskaden auf seine Zuhörer niedergehen zu lassen, an denen er gewiss lange feilen und für die vorzutragen er lange üben musste. Derlei artistische Passagen finde ich so spannend wie Jonglieren oder Autoverfolgungsjagden. Ich schlafe ein …

… und schrecke nach einer Weile hoch, weil Guido Cantz über den Bildschirm geistert. Herrje, und ich wurde nicht richtig wach, war machtlos, den Apparat auszuschalten. Vor allem rätselte ich eine Weile wie in Trance, wieso dieses Fleisch gewordene Grinsen aus Köln-Porz in einer Kabarettsendung auftritt. Sollte er über Nacht zum Kabarett konvertiert sein? Aber dann lobhudelte ihn ein Kölner Karnevalspräsident, er würde nicht aus der Bütt, sondern von der Bühne aus agieren und sein Publikum einbeziehen. Dann wurde eine Szene eingespielt, wie der Spaßvogel von der Karnevalsbühne mit einer Frau im Publikum interagierte, die wohl auf dem Klo gewesen und auf ihren Platz zurückstrebte. Nach einem verbalen Geplänkel gab er vor, erst jetzt zu bemerken, dass es sich um die „Gattin des Ministerpräsidenten“ handelte, seiner Zeit in NRW Jürgen Rüttgers (CDU) aus Pulheim. Bei diesem abgekarteten Spiel musste ich beinah brechen. Immerhin dachte ich: „Scheiß Lackschuhkarnevalisten!“ Immerzu wanzen sie sich an die hohe Politik ran, was nicht schwer ist, denn Politiker haben es gerne, wenn Karnevalisten sich wie läufige Hunde an ihrer Wade schrubben.

Seltsam genug ist die gutgelaunte Föttchenwackelei von Karnevalisten und der Niveaulimbo der Comedians kompatibel. Cantz kann beides. Aber es sind verschiedene Rollen. Der Büttenredner ist der Clown der Eliten aus Politik und Wirtschaft, der Comedian bespaßt Leute, die eigentlich nichts zu lachen haben, weil sie von den Eliten verarscht werden. Übrigens wird dieses Publikum immer größer. Ich will nichts Abfälliges über die Heerscharen sagen, die in überdimensionierte Hallen rennen zu den Programmen bekannter Comedians. Aber dass es im Land der Kantschen Aufklärung derart viele Dumm- und Stumpfsinnige gibt, erschreckt mich jedes Mal aufs Neue.

Andererseits hat mir gestern ein Freund erzählt, beim Ansehen der Kabarettsendung “Die Anstalt“
habe er sich einen fetten Weltschmerz eingefangen. Zweifellos ist es anstrengender, wenn einem vor Augen geführt wird, wie die herrschenden Eliten die Welt nach ihrem Gusto umbauen. Viele spüren die Rücksichtslosigkeit und beobachten, wie dreist es geschieht. Das halten sie nur aus mit dem dümmsten Witz, den ein Comedian aus der Gosse aufgeklaubt hat. Von da grinst mich dieses Guido Cantz an, und ich bin dem Ohrfeigengesicht wehrlos ausgeliefert. In Zügen gibt es eine Totmanntaste, die, wenn sie nicht regelmäßig gedrückt wird, eine Notbremsung auslöst. Da wünsche ich mir für mein TV-Gerät eine Schlafmanntaste, ersatzweise eine Doofmannsperrtaste. Aber sowas erfindet mal wieder keiner.

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12 Kommentare zu “Humorkritik – Schlafmanntaste schmerzlich vermisst

  1. Gäbe es die Taste und könnte die GfK auch noch messen, wer wann gedrückt hat, wir wären der Demokratie ein entscheidendes Stück näher gekommen. So viel Teilhabe ist bei Wahlen nicht vorgesehen. Zu Florian Schröder: Ich hatte auch mal andere Erwartungen, aber jede Gesellschaft bekommt die Komiker, die sie verdient, so wie sie eben auch die Journalisten und Wissenschaftler bekommt, die ihr bestätigen, dass alles gut ist und nur noch besser werden kann. Da kann man manchmal über die Zeitung lachen und sich über die Komiker ärgern.

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    • Ich würde eine Lösung bevorzugen, die nur mein TV-Gerät betrifft, also meine Sehgewohnheiten nicht an die GFK sendet. Bekommen wir wirklich von unseren Medien und Politikern, was wir verdienen? Was haben wir denn Schlimmes getan? Vielleicht hätten wir lauter protestieren müssen gegen die Einführung der gigantischen Verblödungsmaschinerie Privatfernsehen. Aber es hätte vermutlich ebensowenig genutzt, wie jetzt gegen TTIP und CETA zu protestieren. Gegen massive wirtschaftliche Interessen kommen wir einfach nicht an.

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      • Ich höre gerade Robert Harris. Harris hat eine Trilogie über das Leben Ciceros verfasst. Natürlich ist das kein wissenschaftliches Werk, aber die Manipulierbarkeit der Menschen und der demokratischen Systeme, wenn man den römischen Senat als demokratische Institution sehen will, ist schon so früh so deutlich geworden. Was wir Schlimmes getan haben? Wir kommen, wie du sagst, nicht gegen massive wirtschaftliche Interessen an, das ist sehr wahrscheinlich richtig. Aber wir versuchen es nicht einmal. Brot und Spiele.

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  2. Manchmal bin ich froh, für das Fernsehen im Moment einfach keine Zeit zu haben. Es scheint mir, nicht viel zu verpassen. Nicht einmal selbst darüber ärgern muss ich mich. Du übernimmst es für mich, lieber Jules und ich kann entspannt und lächelnd deinen Text lesen. Solch eine Schlafmanns Taste wäre allerdings etwas feines. Oder eine die warnt: „Stopp. Sie sehen seit 2 Stunden Mist. Schalten Sie jetzt um oder Sie werden zwangsabgeschalten.“

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  3. Ich bin jeden Tag froh, seit 7 Jahren gar keinen Fernseher zu besitzen. Obwohl ich Zeit genug hätte. Das was ich sehen will – und das ist nicht viel aber dafür auserlesen – guck ich am PC.

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