Dicke Leute, kurze Beine und bildhafte Konnotationen

Lang ist’s her, da ging über den Aachener Markt eine Fünfergruppe. Ein sehr dicker Mann führt sie an. Er deutet auf den Karlsbrunnen, seine schwergewichtige Frau, seine beiden adipösen Töchter und der beleibte Schwiegersohn gucken folgsam hin, und der dicke Mann sagt:
„Die Schüssel da – sechs Tonnen!”
Donnerwetter, das hatte ich nicht gedacht. Ich hätte beim Betrachten des Karlsbrunnens überhaupt niemals an Tonnen gedacht. Wenn man aber selbst wie eine Tonne durchs Leben geht, muss man an Gewicht denken. Immerhin war seine Frau fast so dick wie er. Da musste ich wieder an die Behauptung eines Freundes denken, Frauen seien geborene Fraternisierer, was aber gar nicht zum Thema gehört.

cover-truthaehneIn der Vorzeit, als es noch Schallplatten gab, habe ich für die Band eines Freundes mal ein Plattencover gezeichnet. Im Hintergrund ist eine Frau auf einem Balkon zu sehen (größer: klicken). Ein Kollege schaute sich das Cover an und fragte: „Steht die Frau auf einem Stuhl?“
„Nö“, sagte ich, „da ist gar nix, die Frau ist ja nur gezeichnet.“
Trotzdem habe ich mich zuerst ein bisschen geärgert, dass er die Frau kritisierte. Dann dachte ich, dass er Recht hatte. Der Kollege hatte nämlich ziemlich kurze Beine und hatte sich zum Maßstab genommen. Bei Plastiken oder Bildern geht es nämlich wie bei Wörtern: Sie haben eine lexikalische Bedeutung und individuelle Gefühlswerte.

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