Ich Tarzan – du böse! Über Verstand und Denkfaulheit

kategorie alltagsethnologieAn der Fußgängerampel rennt ein junger Mann bei Rot los. Einer im Firmen-T-Shirt eines Anstreicherbetriebs rennt hinterher, besinnt sich aber, als plötzlich die Autos aus zwei Richtungen auf ihn zu brausen. „Upps, beinah ein Anstreicher weniger“, dachte ich, hatte aber etwas anderes zu denken. An der Supermarktkasse stehend, hatte ich den Aufmacher des hannöverschen Magazins „Stadtkind“ gelesen: Über das allmähliche Verkümmern des gesunden Menschenverstands. Was mochte das bedeuten? Was ist „gesunder Menschenverstand“ überhaupt? Wie und warum kann er verkümmern? Ist’s eventuell eine Zeiterscheinung? Vielleicht hilft es, den Begriff philosophisch zu fassen. Für Kant besteht „gesunder Menschenverstand“ aus den Elementen:
1. „Selbstdenken“, 2. „An der Stelle jedes andern denken“,3. „Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken“ (in: Kritik der Urteilskraft), angewandt auf das Ampelbeispiel:

1. Selbstdenken – würde den Anstreichers daran hindern loszulaufen, weil jemand es vormacht.
2. An der Stelle jedes anderen denken – bei Rot die Straße zu überqueren, bringt andere in Gefahr, indem es einen Nachahmungsreflex auslöst. Wer an der Stelle jedes anderen denkt, wartet auf Grün.
3. Jederzeit mit sich einstimmig denken – Angenommen, er würde durch Loslaufen bei Rot einen Verkehrsunfall auslösen. Dann könnte er sein eigenes Verhalten rückblickend nicht mehr gut heißen, würde mit sich nicht übereinstimmen.

stadtkindWarum der gesunde Menschenverstand im Begriff sei, allmählich zu verkümmern, wäre damit aber nicht zu klären. Letztlich habe ich mir die Zeitschrift gekauft, weil ich sehen wollte, wie der Autor der These argumentiert hat. Der Artikel ist eingeordnet als „Polemik“. Nach wenigen Sätzen war mir klar, dass der Autor sich keine Gedanken gemacht hatte über den Begriff „gesunder Menschenverstand“. Er hatte nassforsch die eigene gemäßigt linke Position mit dem gesunden Menschenverstand gleichgesetzt, ganz naiv im Sinne der Denkschablone: „Ich Tarzan, du böse“ und polemisierte gegen eine Einstellung, wie man sie bei AfD-Wählern vorfindet. Die Wahlerfolge der AfD sind ihm ein Indikator für das Schwinden des gesunden Menschenverstands. (In diesem Sinne wäre natürlich die Rolle unserer Medien zu problematisieren. Indem sie jeden Schwachsinn verbreiten, den AfD-Politiker von sich geben, werten sie ihn auf und machen ihn zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion, was hier nicht geschehen soll.) Doch eine politische Werthaltung mit gesundem Menschenverstand gleichzusetzen, wie der Autor es tut, ist problematisch. Sie erlaubt, allen Andersdenkenden einen kranken Verstand zu attestieren. Im Extremfall werden Abweichler einer Doktrin für geisteskrank erklärt. Derlei ist in der Sowjetunion geschehen, wo Dissidenten in Irrenheilanstalten gesperrt und „behandelt“ wurden.

Lohnt es trotzdem, über die These von der Verkümmerung des gesunden Menschenverstands nachzudenken? Wenn ich Kant richtig verstehe, sind seine Kriterien unabhängig von einem komplexen Wertesystem gemeint. Gemeint ist vernünftiges Verhalten, vernünftig für den einzelnen, aber auch vernünftig für das Sozialwesen. Möglicherweise steht dem eine wachsende, um sich greifende Denkfaulheit entgegen. Denken wird ersetzt durch Gefühl, womit wir beim Nazi-Begriff vom „gesunden Volksempfinden“ sind. Empfinden ist Fühlen, Denken ist nicht erforderlich. Wer das bloße Empfinden als Basis seines Urteils nimmt, nutzt seinen Verstand gar nicht. Mit ihm lohnt es auch nicht zu diskutieren, weil er über die Dinge urteilt, wie sie sich für ihn anfühlen. Wenn Politiker und unsere Leitmedien sich zunehmend auf Stimmungsmache verlegen und Politik personalisieren und emotionalisieren, bedienen sie genau diese Denkfaulheit (Vergleiche „Die Rolle der Fernsehduelle in den USA  – Stärke zeigen – und keinesfalls schwitzen!“ auf Tagesschau.de  vom Tage.) Denkfaule sind leicht irrezuleiten. Indem Denkfaule Wahlen beeinflussen, ist Denkfaulheit durchaus gefährlich  für ein Sozialwesen, gefährlich auch für den Betroffenen. Wer nicht selbstständig denkt, wird geistig träge und verblödet am Ende, womit ich jetzt nichts gegen Anstreicher gesagt haben will, die bei Rot über die Straße laufen.

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