Adventskalender – 16. Türchen – Acht Omas uzen einen Igel – aber warum?

tür16Blick auf den Aachener Münsterplatz – Foto und Gif: Trithemius

Weil er die Karteikarten versehentlich vor- und rückseitig beschrieben hatte, habe er ein geplantes Buch nie geschrieben, berichtet der Linguist Harald Weinrich in der Vorzeit des Computers – leider zu spät. Da war mir schon derselbe Fehler unterlaufen. Es ist mühsam, die Übersicht über ausgelegte Karteikarten zu behalten, wenn Wichtiges auf Rückseiten steht. Auf Karteikarten zu notieren, ist überhaupt eine altmodische und unhandliche Technik. Schon der Gedanke, alles abzutippen schreckt, weshalb da noch viele Themen schlummern, die unausformuliert sind. Und dann: Ist eine Karteikarte erst mal falsch eingeordnet, findet man sie so gut wie nie wieder. Deshalb will ich auch gar nicht so recht aufschreiben, warum die Omas den Igel ärgern, wo es doch draußen so ungemütlich ist. Freilich hatte ich mir auferlegt, vom schändlichen und zugleich segensreichen Tun der Omas zu berichten. Das beschloss ich, als ich heute Morgen darüber nachdachte, dass der menschliche Körper nicht besonders lernfähig ist.

karteikartenMein ausgelagertes Gedächtnis (größer: bitte klicken) –  Foto: Trithemius

Balifasan

Es gibt keinen Balifasan nicht, no Sir. Doch wir brauchen ihn später noch. Ich habe mir wieder einen Bart gestattet, hab mich quasi meinem Körper sowie der Jahreszeit ergeben. Denn wann immer ich mir das Gesicht einschäumte, um anschließend den Barthobel drüber zu ziehen, hatte ich mich gefragt, warum sich mein Körper nicht merken konnte, dass ich keinen Bart mehr tragen wollte. In der Nacht, wenn ich schlafend ganz woanders unterwegs war, dann begann er zu arbeiten, schob heimlich neue Stoppeln hervor, und jeden Morgen zeigte der Blick in den Spiegel, dass er es schon wieder getan hatte. Wieder war eine Rasur zu leisten, mit all ihren diffizilen Verrichtungen. Welch eine Verschwendung von Energie und Ressourcen, die am Ende noch irgendwo anders fehlen, beim Ritzen in Stein beispielsweise und ganz besonders im Oberstübchen. Dort wenigstens prägt sich etwas ein, Wünsche, Vorstellungen, Erinnerungen, Erfahrungen und Wissen. Wissen vermittelt sich über Sprache, doch damit es bleibt, ist eigentlich zuviel Aufwand erforderlich.

Vermutlich liegt es daran, dass der Mensch für die heutigen Zeiten gar nicht gemacht ist, sondern sich immer noch für das harte Leben in der Eiszeit wappnet, Bart und Pelz wachsen lässt und ständig auf der Lauer ist, irgendwas zu raffen, um Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen. In diesem Leben ist nicht viel Muße gewesen, und ein Anlass für Buchwissen erst recht nicht. Der Mensch der Eiszeit hat nicht geschrieben, sondern Bilder geritzt oder gemalt. Er wollte die sichtbare Welt bannen, um endlich Einfluss auf seine Geschicke nehmen zu können. Mit dieser Form des magischen Denkens ist unser Gehirn vertraut; darum ist es auch immer anfällig für magische Vorstellungen. Buchwissen ist nicht sonderlich bildreich, weshalb es auch „trocken“ geschmäht wird. Es will kaum in den Kopf, und sollte sich einer die Buchstabenfolge a o u e i merken, muss er sie viele Male memorieren, um sie seinem Gedächtnis beizubiegen, zumal sie mit der erlernten alphabetischen Vokalenreihe a e i o u konkurriert.

Acht boshafte Omas

Eisig ging der Wind von Nordost, drang durch Mantel, Haar und Fell bis auf die Knochen, früh stiegen die Schatten aus dürren Wiesen und Gesträuch, da geschah es, dass acht Omas durch leichtes Schneegestöber aus dem Park nach Hause eilten. Deshalb kam ihnen der Igel nicht zupass, der zur Unzeit über den Weg schlich. Als es die nahenden Schritte spürte, drückte das Tierlein sich eng in die dünne Schneedecke und machte sich starr. Da nahm eine der Omas ein Stöckchen, um den Igel ein wenig zu scheuchen. Die anderen sieben wollten nicht nachstehen, und was in der Folge mit dem armen Igel geschah, …

Gut, es passierte im Dienst der Wissenschaft, wir brauchten eine Merkhilfe. In Irland, auf der Insel Man, in Wales, in Cornwall, auf den Hebriden und dem schottischen Festland, überall finden sich seltsam behauene Steine, senkrecht aufgestellte schmale Stelen, die an ihren Kanten Ritzungen tragen. Der Runenforscher Helmut Arntz datiert sie auf eine Zeit zwischen 300 und 650 unserer Zeitrechnung.

Ogma oder Ogmios, der gallische Schutzgott der Barden und Gelehrten soll diese Runenschrift erfunden haben, weshalb sie Ogham-, Ogam- oder Ogom-Schrift heißt. Die Römern nannten Ogmios “Herkules von Gallien”. Er ist dargestellt als Greis, dessen Zunge am Ohr des Zuhörers angekettet ist – die Personifikation der Macht der Rede.

Raubkopie, aus: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Bd. 54, Halle 1935, Reprint New York, London 1971, S.312-413; raubkopiert, gebunden und gestaltet von: Trithemius

Die geheimen Zeichen des Ogmios

Die meisten der Ogham-Stelen sind Grabsteine, doch einige könnten auch Besitzmarken sein, wo beispielsweise nur Namen eingeritzt sind. Die Steine heißen nach dem gelehrten Altbischof Cormac mac Cuilennain (831-908) „gall“. Das Wort bezeichne einen aufrecht stehenden Steinpfeiler, wie man sie nach dem Zeugnis der Heldensage den Verstorbenen zu setzen pflegte. Die Runenreihe ist anders als das Alphabet in vier Gruppen (Geschlechter) zu je fünf Runen gegliedert.
ogom

In der letzten Gruppe stehen die Vokale, und zwar in der Reihenfolge a-o-u-e-i. Acht Omas Uzen Einen Igel. Die Zeichen sind senkrecht auf die Steinkante geritzt, wobei die Schreibrichtung variieren kann. Alle Zeichen tragen bedeutungsvolle Namen, die überwiegend dem Pflanzenbereich entnommen sind und mit ihrem eigenen Lautwert anlauten. Helmut Arntz vermutet, dass diese Namen mnemotechnischen Zwecken dienten. Sie sind also Eselbrücken, Bilder wie die acht uzenden Omas, mit denen ich mir die Reihenfolge der Ogham-Vokale merke. Die anderen Eselsbrücken:

1) Balifasan
2) Hoch die Tassen, cheers Quasimodo
3) Müde ging zur Ruh

Die vom Ohr gelöste Zunge

Für eine literarische Verwendung sind die Ogham-Zeichen kaum geeignet. Sie lassen sich aber bequem durch Handzeichen wiedergeben. Und daher könnte es sein, dass die Ogham-Zeichen ursprünglich erfunden wurden, um in Gegenwart von Nichteingeweihten geheime Mitteilungen auszutauschen. Die Geste steht am Anfang der Schrift. Sie war unmittelbar an den Menschen und die augenblickliche Situation gebunden. Das war lebendige Kommunikation, im Gegensatz zu den starren Kerben in einer Steinkante oder der Druckerschwärze auf Papier. Was hier zu lesen ist, besteht nicht einmal aus körperhafter Farbe. Ein Text im Internet ist jedem Leser weiter entfernt als man glauben mag. Deshalb verlangt es uns besonders im Internet nach Bildern. Denn die entkörperte Sprache hat es schwer.

Guten Morgen und schönen Tag

Türchen 16.2

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17 Kommentare zu “Adventskalender – 16. Türchen – Acht Omas uzen einen Igel – aber warum?

  1. beeindruckend.
    so viele Worte auf einer Karteikarte
    so viele Karteikarten säuberlich aufgestellt in Reih und Glied

    Ich kante einen, der sammelte Staub, fein säuberlich in Tüten eingeschweißt, in Ordnern abgeheftet und ordentlich katalogisiert. Damit hatte auch er mich beeindruckt.

    Dir auch eien guten Morgen und einen schönen Tag 🙂

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  2. Manche Sätze bleiben einem in Erinnerung, weil sie besonders hübsch oder klug sind. Bei andern weiß man nicht warum. Ich bin mir sicher, dass „Acht Omas uzen einen Igel“ bei mir bleiben wird. Wer weiß wann ich es einmal gebrauchen kann.
    Die Karteikarten in der geöffneten Kiste gefallen mir. Sie erinnern an gut sortierte Gedanken. Selbst wenn ein Karte falsch eingeordnet wird, weiß man dass sie irgendwo in Kasten sein muss. Sie kann nicht so leicht flüchten wie ein Gedanke.

    Gefällt 3 Personen

    • Das letzte klingt tröstlich, liebe Mitzi. In der Praxis ist es so: Ich schreibe einen Text über einen Aspekt der Schrift, meist aus der Erinnerung, und drei Wochen später finde ich zufällig eine Karteikarte, worauf alles besser, nämlich genauer und näher am Gegenstand mit prima Beispielen steht. Dann ärgere ich mich, bessere meinen Text nach – und keinem fällt es noch auf, weil er längst von der Startseite verschwunden ist.
      Wann könntest du „Acht Omas uzen einen Igel gebrauchen“? Vielleicht wenn du mal eine Nachricht nach dem Positionsprinzip verschlüsseln willst. Die Vokale stehen in der 4. Gruppe. Demnach ist a= 4.1, o=4.2 usw. Du brauchst aber noch die Zeichen aus den Gruppen der Konsonanten. Vielleicht fallen dir da bessere Merksätze ein als meine Wörter?
      3.1.4.5.2.3.3.4.4.5 = Mitzi (die Punkte zwischen den Zeichen sind Trugpunkte, dass man nicht gleich sieht, wie die Zeichen gruppiert sind. Man könnte aber auch alle Punkte weglassen und wie eine große Zahl schreiben 3 145 233 445 – schon zählt Mitzi in die Milliarden 😉 )

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      • Wer weiß, welche neuen Leser, in den Archiven des Blogs wühlen und so auf einen überarbeiteten Text stoßen. Aber ich weiß, was du meinst. Es ist ärgerlich hinter etwas zu verbessern und kaum einer sieht es.
        Die Zeichen für die Konsonanten kann ich nicht nachvollziehen. Selbst wenn ich den Satz nicht verwenden werde, weiß ich jetzt was uzen bedeutet 🙂

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  3. Ob Karteikasten oder Computer: das Problem ist heute vielfach, die abgelegte Information wiederzufinden. Aber …

    „Acht Omas uzen einen Igel“ Vielleicht ist dies ja der Schlüssel zum Wiederfinden oder das Generalpasswort, um alle Konten dieser Welt zu knacken? Die Weltherrschaft an sich zu reißen?

    Ich bin dann mal weg … 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • Über das Verlegen der Dinge habe ich schon mal Professor Coster einen Vortrag halten lassen. Ich könnte ihn eigentlich im Adventskalender nochmal zeigen. Mal sehen. Da warten noch so viele. 😉
      Digitale Texte sind ja leicht über die Suchfunktion aufzufinden, aber ich suche oft viele Stunden nach Bildern, weil sie nicht ordentlich benamst sind. Über deine Idee vom Oma-uzen-Satz als Schlüssel musste ich herzhaft lachen. Viel Vergnügen mit der Weltherrschaft!
      Obwohl – da gibt es Konkurrenz:

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    • Das freut mich, liebe Dorothea. So ist das Foto schon für was gut. Die Ordnung meiner Kartei ist freilich nur äußerlich. Ich bin zeitweise sehr nachlässig gewesen beim Wiedereinsortieren von genutzten Karten, so dass ich zwar von mancher Information weiß, sie aber nicht zu finden vermag. Ideal wäre, alle Karten einzuscannen und in ein digitales Karteisystem einzuordnen. Aber das wäre sicher eine Arbeit von Monaten, und während dieser Zeit dürfte ich nichts anderes machen. Dazu kann ich mich nicht überreden. Danke für den Link! Deine mnemotechnischen Zettel würde ich gern einmal sehen.

      Gefällt 1 Person

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