Einladung zur Teestunde – heute mit Tee und Gebäck

teestunde im teestübchen
Früh sinkt dieser Tage die Dämmerung herab. Da tut es gut, sich gemütlich zum Tee zu versammeln. Teestunde ist eine neue Rubrik im Teestübchen. Darin will ich zum Nachmittagstee in loser Folge Plaudereien über Schrift und Sprache veröffentlichen, zu denen ich herzlich einlade. Ich habe nämlich nicht immer nur im Aldi-Prospekt gelesen, wie manche vielleicht vermuten, sondern mich gut 30 Jahre forschend, nachdenkend und schreibend mit der wunderbaren Welt von Sprache und Schrift beschäftigt.

Schauen wir uns zunächst das Teehaus oben an. Es scheint etwas für verspielte Menschen zu sein. In der Praxis bewährt sich die Form nämlich nicht. Nach dem Aufbrühen bekommt man den aufgequollenen Tee nicht recht aus dem Häuschen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass der Tee nicht genug Raum hat, sich zu entfalten.

Benutzt man das Teehaus, dann wird das Wasser zum Tee, indem die Teestoffe in Form des englischen Wortes für Tee austreten, um sich erst dann im Wasser zu verteilen. Der Vorgang ist sprachtheoretisch interessant. Gemeinhin hat die schriftliche Form eines Wortes nichts gemeinsam mit der Sache, die es bezeichnet. Das Wort „Teebeutel“ sieht beispielsweise nicht aus wie ein Teebeutel. Da aber die Löcher im Dach das Wort “TEA” formen, wird bei jedem Aufbrühen das Wort TEA ins Wasser geschrieben. Hier liegt also ein schriftmagischer Gedanke zu Grunde. Das Zeichen für “Tee” vermischt sich mit der bezeichneten Flüssigkeit Tee. Eine Steigerung dieser magischen Idee wäre es, eine Schreibfeder in den so aufgebrühten Tee zu tunken, um das Wort “Tee” damit zu schreiben.


Russisch Brot

leibniz-abc“Woher die russischen Buchstaben stammen, die man bis 1914 als schmackhaftes Gebäck zu essen bekam, weiß ich leider nicht”, bekennt der Altphilologe Franz Dornseiff (1888-1960) in seinem schmalen, aber grundlegenden Werk: “Das Alphabet in Mystik und Magie” (Leipzig, Berlin 1925). Das Essen von Schrift sei jedenfalls uralter magischer Brauch. Ein Vorbild findet sich bereits im Alten Testament, im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet. Gott Jehova erscheint ihm am Himmel und spricht: “‚Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!‘ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: ‚Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!‘ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig.” (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3). Der irische Hl. Columba soll der Legende nach Lesen und Schreiben gelernt haben, indem er einen Alphabetkuchen aß.

Zu Dornseiffs Zeit wurde Russisch Brot von drei Firmen hergestellt, von der Dresdener Waffelfabrik Gebrüder Hörmann (ab Ende 19. Jh.) und der Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen (seit 1906), zunächst als „Leibniz-ABC“. Die Dresdener Spezialitätenbäckerei Dr. Quendt produziert Russisch Brot seit 1845. Derzeit vertreibt sie ihr Produkt über die Handelskette EDEKA. Die Packung enthält nur die Buchstaben EDKA, weshalb sich kaum etwas damit schreiben lässt: DA, EDE, DEAD, DEKADE und, o Wunder, EDEKA.

Auf der Dr.-Quendt-Packung ist folgende Herkunftsgeschichte abgedruckt:

Russisch Brot packungAuf der Homepage der Firma findet sich eine zweite Version: Eine andere Geschichte erzählt von einem Empfang russischer Gesandter am Wiener Hof im 19. Jahrhundert. Dort hat der Hofbäcker anlässlich des hohen Besuches beim Wiener Kongress 1814/1815 ein Gebäck entwickelt, welches die russischen Gepflogenheiten – zur Begrüßung eines Gastes wird ein Stück Brot serviert – und dem feinen Geschmack der Wiener, verbinden sollte. So fand man ein nach Karamell schmeckendes Eiweißgebäck und nannte es Russisch Brot. Dass man zwei Erklärungen anbietet, macht sie nicht glaubwürdiger.

Beide Fassungen sind Ätiologische Sagen (Erklärungssagen). Mein Wiener Blogkollege noemix teilte mir Folgendes mit:

Im Österreichischen ist der Terminus »Russisch Brot« nicht geläufig, hier heißen die Kekse Patiencebäckerei und dienen bevorzugt als Christbaumbehang. Deswegen musste man sich mit dem Verzehr solange gedulden bis die Weihnachtszeit vorüber war und der Christbaum wieder abgeräumt und aus der Stube geschafft wurde, von daher soll sich die Bezeichnung (franz. patience = Geduld) ableiten.

Das widerspricht der Vermutung, dass Russisch Brot aus Wien stammt und russischen Gesandten gereicht wurde, zumal Russisch Brot dann kyrillische Buchstaben haben würde. Demnach erscheint plausibler, was mir am 24. Mai 1989 die Gebäckfirma Bahlsen brieflich mitteilte: Der Name Russisch Brot habe gar nichts Geheimnisvolles. Er leite sich von “Rösches Brot” her (rösch = knusprig). Die Bezeichnung “Russisch Brot” beruhe auf einer volksetymologischen Umdeutung. Man bedankte sich für mein Interesse an dem “knackigen und knusprigen Gebäck, das im wesentlichen aus Eiweiß, Zucker und Kakaopulver besteht” mit einer “Tüte ABC”. „Russisch Brot“ ist eigentlich „Rösches Brot.“ Die Entmystifizierung von Russisch Brot schien gelungen. Allerdings ging am selben Tag mein Auto kaputt.

Das schon ein bisschen ältere Video zeigt meinen jüngsten Sohn, den ich übereden konnte, für die Aufnahme Russisch Brot zu essen, obwohl ihm nicht danach war. Ein vorbildlicher Einsatz für Kunst und Wissenschaft!

Demnächst: Acht Omas uzen einen Igel, aber warum?

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15 Kommentare zu “Einladung zur Teestunde – heute mit Tee und Gebäck

  1. schon interessant, wie Du Russisch Brot wissenschaftlich sprachlich analysiert hast..und auch die Tee Informationen waren interessant, kennst Du Dich auch mit dem japanischen Tee Zeremonien aus ?
    Ich habe als erstes das Video gesehen und hab mich die ganze Zeit gefragt, was durch seinen Kopf ging! Auch beim 2. und 3. Mal ansehen, kann ich es nicht nicht fassen. Nur eine gewisse Freude, als es dem Ende zuging, ist erkennbar 😉

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    • Leider weiß ich nichts über die japanische Teezeremonie, bin schon froh, dass ich ein bisschen über die beiden japanischen Schriftsysteme weiß. Am Video finde ich erstaunlich, wie ernst er bleiben konnte, denn im Off haben wir dauernd gelacht.

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      • einer meiner Söhne spricht fliessend japanisch, aber über Teezeremonien weiss er auch nur, dass es recht kompliziert ist und festgelegte strenge Rituale hat. Ich werde bei Gelegenheit einmal selbst nachlesen !

        Dein Sohn hat es aber toll gemacht, wenn es den Begriff „neutral essen“ gäbe, wäre er ein Spezialist darin !

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  2. Die in den Tee getauchte Feder, mit der dann das Wort Tea geschrieben wird, hat die japanische Tee-Zeremonie wohl nicht zu bieten, aber ich habe vor vielen Jahren den Film Rituelen gesehen, der auf dem gleichnamigen Roman von Cees Noteboom basiert und habe mich bei deinem Text gleich daran erinnert, dass bei der Teezeremonie ein Teepinsel eine große Rolle spielt. Damit wird aber leider weder geschrieben noch gemalt, sondern nur Tee aufgerührt.
    Dein Sohn hat seinen mutigen Filmauftritt mit Buchstabenverzehr hoffentlich nicht mit Sprechdurchfall bezahlen müssen.

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    • Den Teepinsel habe ich schon mal im Film in einer solchen Zeremonie gesehen. Ich verbinde damit freilich keinen Teegenuss, denn für mich ist der Pinsel ein Gerät zum Malen oder Kalligrafieren. Mein Sohn hat zum Glück keine Schäden davongetragen.

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  3. Mir gefällt die Vorstellung von Buchstaben als Christbaum-Schmuck.
    Die vielen sprachlosen Paare könnten sich etwas erzählen, indem sie um den Baum laufen, auf Buchstaben zeigen und stumm Worte formen.
    Worte die man nicht mag, werden einfach aufgegessen.

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