Einiges über Edelfedern und seltsame Metaphern

Kategorie Medien„Endlich wieder mal eine Kurzgeschichte aus deiner Feder!“, wollte ich in einem Kommentar an den Kollegen Manfred Voita schreiben, besann mich dann aber und setzte „Feder“ in Anführungszeichen, weil mir die Metapher so unzeitgemäß vorkam. Es ist schon eine Weile her, dass ein Autor vor dem Schreiben sich eine Gänsefeder besorgen und zuschneiden musste. Seltsam, dass ausgerechnet das Gefieder eines Vogels, dem wir gerne das Attribut dumm anhängen, dass ausgerechnet die Federn der dummen Gans bei uns mit der Idee von Literatur verknüpft sind.

Wie der Gänsekiel zurechtzuschneiden war, damit er zum Schreibgerät wurde, zeigt die Anleitung aus dem Lehrbüchlein des barocken Schreibmeisters Wolfgang Fugger, erschienen 1553 (zum Vergrößern anklicken).

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (größer: Bitte klicken)

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften

Von der zugeschnittenen Gänsefeder ist das Wort Feder auf die stählerne Schreibfeder übergegangen, die in einen Federhalter gesteckt wurde, von da auf den Füllfederhalter, kurz Füller. Der Kolbenhubfüller, mit dem sich die Tinte aus dem Tintenfass in ein Reservoir laden lässt, kam erst um das Jahr 1900 in Gebrauch, zu spät, um noch Metapher zu werden, da parallel zum Füller die Schreibmaschine aufkam. Heute lassen sich versierte Schreiber, etwa Journalisten der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung, gern als „Edelfedern“ bezeichnen, nicht aber als „Edeltastaturen“ oder „Edelfüller“. Letzterer Begriff ist den sündteuren Schreibgeräten mit vergoldeter Schreibfeder vorbehalten, mit denen Vorstandsvorsitzende oder Politiker Dokumente zu unterzeichnen pflegen, deren Texte dienstbare Geister verfasst haben. Wer nämlich das prächtigste Schreibgerät hat, schreibt nicht selbst, sondern unterschreibt nur, was andere geschrieben haben. Anschließend kippt er sich einen edlen Tropfen hinter die Binde als selbsteigener „Edelfüller“. Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!

Spitze Zeichenfeder - Foto: JvdL

Spitze Zeichenfeder – Foto: JvdL

Dass die Metapher von der Feder so hartnäckig ist, liegt vielleicht an der weiterhin gebräuchlichen Zeichenfeder des Karikaturisten, der seine zu schmähenden Opfern „mit spitzer Feder“ karikiert. „Mit spitzer Feder“ kann auch eine Glosse verfasst sein, wenn sie herrlich zugespitzte Bemerkungen enthält. „Mit spitzer Tastatur“ hingegen gäbe kein überzeugendes Bild, denn eine Tastatur voller spitziger Dornen wäre doch zu schmerzhaft für den Benutzer. „Ein Mann der Feder sein“, meint gemeinhin einen Autor, ist aber nicht mehr zeitgemäß, denn korrekt durchgegendert wäre ungewollt komisch: „Mann und Frau der Feder sein.“ „Frau der Feder“ ginge auch nicht, weil man damit eher ein Flittchen mit Federboa assoziiert. Dieses schalähnliche Kleidungsstück ist übrigens nach der Würgeschlange Boa benannt.

Sorry, vom Thema abgekommen. Was sollte man schreiben, wenn ein Autor verstirbt? „Er hat die Tastatur abgegeben“ oder den Laptopp zugeklappt“ hätte niemals den anrührenden Charme der hingelegten „Feder“ wie beim Tode des berühmten Germanisten, Märchenforschers und Lexikographen Jacob Grimm. Das von ihm und seinem Bruder Wilhelm begonnene Deutsche Wörterbuch hat beim Eintrag „Frucht“ die berühmte Fußnote seines Nachfolgers Friedrich Ludwig Karl Weigand:

„Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen. das übrige bis zu ende des so weit geführten buchstabens ist meine arbeit. Weigand.“

Metaphern halten sich hartnäckig, vor allem wenn ihre ursprüngliche Bedeutung versunken ist. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner geht sogar soweit zu behaupten, dass alle unsere Wörter versunkene Sprachbilder sind. Das Wort „Stil“ beispielsweise geht auf das lat. Wort stilus zurück. Das römische Schreibgerät, mit dem in Wachtäfelchen geritzt wurde, hatte an seinem Ende eine abgeplattete Rundung. Damit konnte der Wachs wieder geglättet werden, wenn eine Stelle im Text korrigiert werden sollte. Den stilus zur Verbesserung eines Textes häufig umzudrehen, wurde angehenden römischen Schriftstellern angeraten. Diese Handhabung des stilus ging später auf die Vorstellung vom guten Schreibstil über. Der fällt ja auch nicht vom Himmel, sondern will durch Redigieren und Korrigieren erarbeitet sein.

Die Behauptung: „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“, geht auf Edward Bulwer-Lytton zurück. In seinem Historienroman ‚Die letzten Tage von Pompeji“ ist der reiche Grieche Glaukus zum Tod in der Arena verurteilt. Er soll nur mit einem stilus bewaffnet gegen einen Löwen kämpfen. Glaukus muss allerdings den Stift nicht einsetzen, denn der Löwe zieht sich ängstlich in seinen Käfig zurück, weil er den nahenden Vulkanausbruch wittert. Da scheint es, der Stift wäre mächtiger, als hätte Glaukus ein Schwert gehabt. Im Original heißt es: „The pen is mightier than the sword.“ Der Spruch ist also eigentlich ein Gag, wird aber durch die deutsche Übersetzung und die Gleichsetzung pen = Feder (nach lat. penna = die Feder) überhöht. Unsere „Edelfedern“ sollten sich also nichts einbilden. Beim Kampf mit  einem hungrigen Löwen würden sie jederzeit das Schwert vorziehen. Bricht ja nicht alle Tage ein Vulkan aus und tut die Arbeit.

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14 Kommentare zu “Einiges über Edelfedern und seltsame Metaphern

    • „Federn lassen“ kommt nach Lutz Röhrich vom BIld des gefangenen Tieres, dass wenn es sich betreit hat, Federn zurückgelassen hat, Mir fällt dazu eine übliche Praxis in der Daunenindustrie ein. Da werden Gänse bei lebendigem Leib gerupft, um an die Daunen, die unterste Federschicht, zu kommen. Heißt „Lebendrupf.“

      Gerne und danke fürs Lob.

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  1. Man könnte die Feder an den Nagel hängen. Genügend kleine Nägel vorausgesetzt, die dann Drahtstifte heißen. Wenn’s ein wenig edler und rostfrei sein darf, empfiehlt sich ein Produkt aus Messing.
    Da hängt sie dann und das ist immer noch besser, als wenn der Tod dem Schreiberling den Laptop aus der Hand geschlagen hätte. Oder das Ladegerät zerstört: »Sie sollten Ihre letzten Worte unbedingt jetzt abspeichern!«

    Der Geist der Zeit zerstört unerbittlich die romantischen Metaphern und behauptet dabei sachlich zu sein. Bezeichnenderweise ohne einen adäquaten Ersatz dafür zu liefern. Was hält einen toten Piloten am Boden, einen Rennfahrer fern der Kurve? Selbst dem Verkehrsopfer – mit 2,9 Promille um den Baum einer Allee gewickelt – wird nicht der finale Punkt gegeben oder die Pappe endgültig eingezogen.
    Es ist schön ziemlich dröge, das alles!

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    • So pessimistisch sehe ich das nicht. Die sprachliche Kreativität schafft unentwegt neue Metaphern, nur nicht unbedingt in erwünschten Sachbereichen. So kann ich mich köstlich amüsieren über das eiingenähte Zettelchen in Unterwäsche, das, wenn es über den Bund hinausragt „Arschfax“ heißt. Faxgeräte verschwinden, aber Arschfaxe gibt es quasi überbordend. Auch habe ich mich sehr amüsiert über ein von dir gerade erst verwendetes Bild, „Seit Chulz die Nahles beauftragt hat, die Agenda 2010 nach Kommafehlern zu durchsuchen, […].“ Schöner lässt sich nicht auf den Punkt bringen, was die SPD mit Schulz gerade für eine Posse aufführt.

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  2. Weder die Feder, die mit der blöden Gans verbunden ist, noch die Tinte, die sich erst spät vom Ruß emanzipieren konnte, können für sich in Anspruch nehmen, sonderlich edel zu sein. Egal, es geht nicht um das Werkzeug, oder doch, schon. Auch. Manchmal muss ich mit dem Bleistift schreiben, die Freiheit der Korrektur, die Beliebigkeit, wenn es um Anmerkungen, verbindenden Linien geht, da hatten Tinte und Feder schon noch einen Vorteil gegenüber der Tastatur. Wenn ich doch bloß anschließend noch lesen könnte, was mir da so leicht von der Hand ging. Federleicht.

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    • Edel waren diese Schreibwerkzeuge nicht, aber kostbar wie auch der Beschreibstoff Vellum.
      Du hast Recht: Das Schreibgerät wirkt sich auch auf den Inhalt aus, wie dein Bleistift-Besipiel zeigt. Als ich noch Tagebuch mit der Hand geschrieben habe, befolgte ich die Regeln, niemals zu korrigieren und alles so einfach wie möglich zu sagen. Das zwang mich zu stärkerer Sammlung und geistiger Durchdringung als heute beim digitalen Schreiben, wo alles erst mal provisorisch ist und spurlos verändert werden kann. Diese Plastizität ist ja beim digitalen Schreiben immer mitgedacht, so dass die Texte sich unterscheiden. Sie sind nicht zwingend besser, als wenn sie mit Bleistift oder Füller geschrieben wurden, aber anders.
      Mangelnde Geläufigkeit führt übrigens auch bei mir dazu, dass ich hanschriftl. Notizen manchmal nicht mehr lesen kann.

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    • Aber mit fremden Federn geschmückt hat sich die Berliner Zeitung in 1990-er Jahren. Weil der damalige Herausgebers der Berliner Zeitung, Erich Böhme, aus dem einstigen SED-Zentralorgan eine deutsche Washington Post machen wollte, kaufte er laut Zeit Edelfedern von „der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen, der Woche und der Wochenpost, von „Spiegel TV“ und Focus, Wirtschaftswoche und ZEIT. […] Fünfzehn bis zwanzig Millionen Mark“, so Herausgeber [falsch! Schröder war Chefredakteur] Dieter Schröder, stünden zur Verfügung.“ http://www.zeit.de/1997/08/berlin.txt.19970214.xml

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      • Im Österreichischen gebräuchlich ist übrigens der Ausdruck »Federn (vor etwas) haben« = sich (vor etwas) fürchten, ängstlich sein. Plauderwastl Peter Wehle (»Sprechen Sie Wienerisch«), dessen – häufig schlüssig widerlegten – etymologischen Stegreif-Spekulanzen & -Schwadronanzen man nicht immer glauben muss, will es von den Federbuschen auf früheren Gendarmerie-Uniformhelmen hergeleitet erklären: »Gendarmen sehen = Federn sehen = Angst kriegen«. Ich möchte aber eher vermuten, dass wohl irgendein jiddisch/rotwelscher Begriff dahintersteckt und mit (Vogel-)Federn gar nix zu tun hat.

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  3. September 1983, Jule geht nach Genf. In die Lehre.
    An meinem ersten Tag bekam ich (m)eine Schreibfeder. Sechs Monate hab ich mit nichts anderem geschrieben. Heute ist sie nur noch ein liebevolles Erinnerungsstück.
    Federn hab ich keine gelassen aber wie Glaukus hab ich mich ab und an schon gefühlt 😉

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