Des Talers wert? – Von wegen!

kategorie Mensch & NaturIch bin durchaus nicht immer einverstanden mit mir, no Sir. Was da beispielsweise in irgendwelchen meiner Hirnwindungen an Gedankenmüll rumliegt, stört mich manchmal gewaltig. Die schönsten Momente sind nur in fadenscheinigen Resten vorhanden, aber völlig überflüssiger Kram hat sich festgesetzt und ist selbst durch Umbenennung oder bessere Einsicht nicht zu entfernen. Heute kam ich mit dem Fahrrad vom Einkauf und hatte einen schweren Rucksack geschultert. Vor der Haustür nestelte ich mein Schlüsselbund aus der Jackentasche. Dabei fiel ein Ein-Cent-Stück aus der Tasche zu Boden und blieb für mich unerreichbar an der Hauswand liegen. Zwischen ihm und mir war das Fahrrad. Die Vernunft gebot, den Cent liegen zu lassen. Doch wider alle Vernunft trudelte der Müll plötzlich durch mein Denken und manifestierte sich als Kalenderspruch:

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“

Es heißt ja, das Gehirn sei von allen menschlichen Organen der größte Energieverbraucher. Ich musste machtlos mitansehen, wie ein Gutteil der Holzvorräte sinnlos verheizt wurde, Scheit um Scheit flog in die Flammen, nur weil ich der Vernunft gehorchend die Haustür aufschloss und mein Fahrrad durch den Flur auf den Hof schob. Nachdem ich es dort abgestellt und angeschlossen hatte, wurde noch immer am fröhlich lodernden Lagerfeuer gesungen: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, und ich musste mich ergeben, nochmals vor die Haustür treten und das blöde Centstück aufheben.

Lutz Röhrich im Wörterbuch der sprichwörtliche Redensarten verzeichnet den Spruch nicht mal. Fündig wurde ich im Redensarten-Index , und was lese ich dort, der Spruch geht auf Luther zurück. Ja, bin ich vielleicht evangelisch? Was Luther sich hinter den Kamin geschrieben hatte: „Wer den Pfennig nicht achtet, der wird keines Guldens Herr“, ist der pure Aberglaube. Memo an mich:

1. Ein Cent ist kein Pfennig nicht;
2. der Umkehrschluss stimmt überhaupt nicht. Wer arm ist, kann Pfennige achten bis er schwarz wird, er wird immer nur Pfennige besitzen;
3. es geht nur um die materielle Erscheinungsform. Denn beim Einkauf achte ich nie auf den Cent, sonst müsste ich nämlich täglich die Angebote der Läden vergleichen und dort kaufen, wo der Salat am billigsten ist.

Abschließend wäre zu fragen: Sind nur solche Pfennigsfuchser des Talers wert, solche die sich für zu schön und zu wichtig halten, eine Leistung oder ein Produkt angemessen zu bezahlen? Dann entsprechen also nur die Geizigen, die Raffkes, die Gierhälse dem Ideal. Egal, welch gnadenlose Ausbeutung von Arbeitskraft und Ressourcen, egal welch barbarische Tierquälerei, welches Elend die Geiz-ist-geil-Mentalität hervorbringt, die Schuldigen sind des Talers wert. Da enthüllt sich auch, was das bedeutet. Mit solchen Leuten wollte man doch lieber nicht gesehen werden oder mit den Worten einer Exfreundin: “In deren Richtung wollte ich mich nicht mal übergeben.“

Prima leben ohne einen Pfennig in der Tasche - Montage: JvdL

Prima leben ohne einen Pfennig in der Tasche – Montage: JvdL

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23 Kommentare zu “Des Talers wert? – Von wegen!

  1. Lieber Jules, ich vermute, dass du trotz des Memos an dich selbst, auch künftig dem Drang des Bückens nach einem Cent nicht widerstehen wirst. Mir geht es genauso. Man lässt das Geld nicht einfach liegen. Sinnlos hin oder her.
    Ich bin aber sehr froh, dass du das Rad zuerst aufgeräumt hast. Für einen kurzen Moment befürchtete ich, dass die Geschichte in einem Unfall enden würde. Dann wäre die Münze das Bücken wirklich nicht wert gewesen.

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  2. Den Spruch hat meine Oma immer gesagt, deshalb ist er richtig. Jawohl. Abgesehen davon frage ich mich – wenn der Pfennig / Cent es nicht Wert ist, dass man sich danach bückt, ab welchem Betrag lohnt es sich dann? Einen Hundert-Euro-Schein würde man sicher nicht liegen lassen. Aber was ist mit den ganzen Summen dazwischen?
    Hmmm… wir haben einen Mindestlohn in Deutschland von zur Zeit 8,84 €. Wenn man davon ausgeht, dass das Bücken nach einem beliebigen Betrag zwei Sekunden in Anspruch nimmt (es sei denn, man muss vorher sein Fahrrad wegstellen), dann ist der Betrag, ab dem das Bücken nach Geld wirtschaftlich sinnvoll wäre, so ungefähr bei 0,4 Cent. Das bedeutet natürlich, es lohnt sich IMMER; sich nach Geld zu bücken. Im Grunde wäre es sogar sinnvoller, sich hauptberuflich nach Geld zu bücken (alle zwei Sekunden einmal) als einen doofen Job mit Mindestlohn zu machen.
    Andersherum – wenn Du mehr als 18 Euro in der Stunde verdienst, ist es sinnlos, sich nach 1-Cent-Stücken zu bücken. Die 2-Cent-Stücke lohnen sich dann aber immer noch – die 1-Cent Stücke kannst Du dann ja für die Mindestlöhner liegenlassen…

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    • Interessante Rechnung, unter der Voraussetzung, dass am laufenden Band 2-Cent-Stücke am Boden liegen. Frühmorgens sehe ich oft diverse Flaschensammler. Sie kommen mit dem Fahrrad auf den Spielplatz und fahren die drei Abfallbehälter ab, oft vergeblich, weil die Konkurrenz schon da war. Soweit sie eine Bierflasche finden, wühlen sie für acht Cent im Müll. An guten Tagen, bei Straßenfesten und dergl., reichen sie vielleicht an den gesetzlichen Mindestlohn heran, aber Reichtümer lassen sich nicht ansammeln mit dem Geld, das man auf der Straße findet.
      Es geht mir nicht um die Frage, ob Centbeträge es wert sind, dass man sie von der Straße aufhebt, sondern ob sich ein charakterlicher Wert daran festmachen lässt wie der Spruch postuliert. Dass kein positiver Zusammenhang besteht, hoffe ich deutlich gemacht zu haben.
      Letzten sagte in einen Film ein offenbar reicher englischer Landadeliger mit Hinweis auf sein prächtiges Herrenhaus, es beweise, dass man es zu was bringen kann, wenn man sich „etwas anstrengt.“ Dagegen steht die Tatsache, dass hohe Vermögen vor allem ererbt sind. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) werden in Deutschland in Jahren 2015 bis 2024 3,1 Billionen Euro vererbt. Dafür braucht sich ein Erbe nicht mal zu bücken.
      Will sagen,das Sprichwort geht an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei. Hier wird ein verlogener Ethos beschworen.

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  3. Mir geht es mit zu Kindertagen eingetrichterten Redensarten auch oft so, wie Du es treffend beschreibst: sie tauchen in bestimmten Situationen, lästig wie Werbeunterbrechungen, ungefragt auf.
    Beispielsweise, wenn ich einen Butterbrotrest, den ich nicht aufgegessen habe, oder weil es die letzte trockne und verbogene Scheibe ist, in die Tonne werfe: „Brot wegwerfen ist eine Sünde!“ Dieser Satz aus Zeiten, in denen eine Scheibe Brot einen anderen Wert als heute hatte, ist sofort präsent – und ein Hauch schlechten Gewissens beschleicht mich dabei heute immer noch.
    Der zu ehrende Pfennig besaß auch einmal einen anderen Wert.
    Und heute?
    Heute steht vor der Tankstellenkasse ein Teller oder ein Körbchen, voll mit Cent-Stücken, die die Kunden dortlassen, weil Cent-Stücke das Portemannaie ausbeulen.
    In Holland erlebt man beim Einkaufen, dass Beträge einfach nur noch aufgerundet werden, das Kupfergeld bleibt liegen.
    Sparkassen erheben mittlerweile ein Gebühr dafür, wenn man Münzgeld bar in größerer Anzahl (ab 50 Stück) einzahlt.
    Vielleicht sollte der Spruch abgeändert werden.
    Wer den Pfennig nicht ehrt, weiß: er ist nix mehr wert.
    Liebe Grüße!

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    • Auch in Schweden werden Centbeträge auf- oder abgerundet, um die Centmünzen überflüssig zu machen. Ein entsprechender Modellversuch läuft derzeit in Kleve. Demgemäß ist die Idee, die Brautschuh mit gesammelten Cents zu bezahlen sicher der Horror jeder Schuhhandlung.
      „Brot wegwerfen ist eine Sünde!“ Der Satz zeigt vielleicht besser noch, wie sich die Werte verschoben haben. Laut einer Studie des WWF landen allein in Deutschland jedes Jahr rund 18,4 Millionen Tonnen an Nahrung im Müll.
      Deine Variante des Pfennig-Sprichworts gefällt mir gut. Ich vermute aber, dass Sätze wie der vom Pfennig oder Brot zwar uns noch quälen, aber irgendwann mit uns einfach aussterben werden.
      Liebe Grüße!

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  4. Lieber Jules,
    ich erkläre mir diese ganze Angelegenheit so:
    Egal ob Cent oder Pfennig, egal ob arm oder reich, egal ob ehren oder nicht, egal ob abergläubisch oder nicht, der Gedankenmüll ist ja nur ein Zimmer in unserem Gehirn. Es gibt ja noch sehr viele andere Zimmer – wichtige und unwichtige – sogar Kellerräume – aber alle sind durch Flure, Korridore und Treppen verbunden. Läge die Münze nun exakt auf dem Gedanken-Müllberg, könnte sie klaglos darin versinken und vergessen werden. Liegt sie aber im Verbindungsflur VOR dem Gedankenmüll und versperrt den Durchgang, dann blockiert sie jeden weiteren Weg und jede andere Tätigkeit im Hause. So hat man gar keine Wahl, sie aufzuheben und den Weg wieder freizugeben.

    Es kommt als nur darauf an, an welchem Ort man sie fallen lässt. Hätten Sie sie in der Küche verloren, wäre sie Ihnen aber spätestens beim Essen wieder aufgefallen. Meistens verliert man aber in der Küche keine Münzen, sondern eher Pralinen, angebrochene Schokoladentafeln oder Kekse, um die man sich spontan kümmern muss, damit es weitergeht!

    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      was Sie so anschaulich erklären, entspricht ziemlich genau dem Modell des Denkprozesses, das der englische Kreativitätsforscher Edward de Bono entwickelt hat. Manche Leute denken immer auf denselben Wegen, weil die Abzweigungen durch ein dickes NEIN blockiert sind. Also weg mit den NEINS, heben wir alle Centmünzen auf, denn nur so dringen wir vor zu den gedanklichen Pralinen. Danke für Ihren erbaulichen Kommentar.

      Beste Grüße,
      Jules

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  5. Dann ist der Groschen gefallen! Seltsam nicht wahr? Wenn der Groschen fällt, dann ist das positiv, wenn wir ihn aber liegenlassen, dann ist das nicht okay. Luther gab auch kein Versprechen, dass, wer den Pfennig achtet, den Gulden erhalten würde, er machte seinen Zeitgenossen nur den Pfennig schmackhaft. Das nämlich, was ihnen zustand. Kleingeld. Die schnelle Mark machten immer schon die Anderen.

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  6. Das wundert mich nicht, daß der Spruch auf Luther zurückgeht. In der christlichen Kirche gibt es die sogenannte Prädestinationslehre (darüber wird aber heutzutage nicht mehr gern geredet), nach der schon Im Voraus feststeht, wen der angeblich liebe Gott für das ewige Seelenheil und wen er für die ewige Verdammnis vorgesehen hat. In der Folge der Vorstellungen von Calvin, des christlichen Reformators und Zeitgenossen Luthers, war man der Meinung, das Gott einen kaum für die Verdammnis vorgesehen haben kann, wenn er es im Diesseits zuläßt, daß jemand ein erfolgreiches Leben führt. Also, die Schlußfolgerung scheint logisch: Je erfolgreicher jemand ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er zu den Auserwählten Gottes gehört. Wer also den Pfennig nicht ehrt, zeigt damit nur, daß er glaubt, nicht zu den Auserwählten zu gehören, und genau dieser Zweifel führt zu zusätzlichem Diskredit. All die überzeugten Pfennigfuchser, Schnäppchenjäger und Feilschler haben dagegen gute Chancen auf das ewige Leben im Himmelreich.

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  7. Wahrscheinlich hat man schon nach kurzer Zeit mehr Energie auf das Herumtragen einer Cent-Münze vewendet als man sich für den einen Cent Kalorien kaufen kann. Hartgeld, zumindest die kleineren Münzen, ist insofern vermutlich sowieso unsinnig oder zumindest ein bisschen paradox.

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      • Abschaffen würde ich das Kleinstgeld auch nicht wollen. Man kann die Welt sowieso nicht widerspruchsfrei einrichten, da sind so kleine Ungereimtheiten beim Kupfergeld zu vernachlässigen.

        Außerdem sammele ich das Zeug immer in einer Dose, und einmal im Jahr reicht es für einmal Kaffeetrinken gehen mit meiner Frau, gefühlt geschenkt. Da wäre es schade drum 🙂

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