Zauberspiegel, Aliens und graue Haare

Nach etwa meinem 40. Lebensjahr sichtete eine Nachbarin graue Haare bei mir. „Herr van der Ley, was sind Sie grau geworden“, sagte sie und machte mich unfroh, denn mir war das nicht aufgefallen. Jahre später im Aufzug eines Berliner Hotels mit Licht von oben sagte ein mitfahrender Hotelpage: „Es sieht schön aus, wie im Licht einige Ihrer Haare silbrig glänzen“, was ich irritierend fand, denn ich wusste nicht, dass es zu den Aufgaben eines Hotelpagen gehört, den Gästen Komplimente zu machen. Im selben Aufzug fuhr ich auch mal mit einer Japanerin. Obwohl ich höflich Abstand gehalten hatte, sagte sie beim Verlassen des Aufzugs etwas, das klang wie: „Fuck you!“

JvdL mit 47 im Hotel Berlin – Foto privat – größer: Klicken

Bald darauf hat mich eine schwierige Beziehung ziemlich rasch ergrauen lassen, was meine Spiegel zu Hause mir aber nicht zeigten. Im Spiegel sah ich braune Haare. Einmal saß ich beim Friseur und fragte erstaunt: „Was sind denn das für graue Löschen, die hier runter fallen?“ Der Friseur sagte mitleidlos: „Die sind von Ihnen.“ Die Haare wurden also erst grau, wenn sie nicht mehr auf meinem Kopf waren.
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Des Talers wert? – Von wegen!

kategorie Mensch & NaturIch bin durchaus nicht immer einverstanden mit mir, no Sir. Was da beispielsweise in irgendwelchen meiner Hirnwindungen an Gedankenmüll rumliegt, stört mich manchmal gewaltig. Die schönsten Momente sind nur in fadenscheinigen Resten vorhanden, aber völlig überflüssiger Kram hat sich festgesetzt und ist selbst durch Umbenennung oder bessere Einsicht nicht zu entfernen. Heute kam ich mit dem Fahrrad vom Einkauf und hatte einen schweren Rucksack geschultert. Vor der Haustür nestelte ich mein Schlüsselbund aus der Jackentasche. Dabei fiel ein Ein-Cent-Stück aus der Tasche zu Boden und blieb für mich unerreichbar an der Hauswand liegen. Zwischen ihm und mir war das Fahrrad. Die Vernunft gebot, den Cent liegen zu lassen. Doch wider alle Vernunft trudelte der Müll plötzlich durch mein Denken und manifestierte sich als Kalenderspruch:

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“

Es heißt ja, das Gehirn sei von allen menschlichen Organen der größte Energieverbraucher. Ich musste machtlos mitansehen, wie ein Gutteil der Holzvorräte sinnlos verheizt wurde, Scheit um Scheit flog in die Flammen, nur weil ich der Vernunft gehorchend die Haustür aufschloss und mein Fahrrad durch den Flur auf den Hof schob. Nachdem ich es dort abgestellt und angeschlossen hatte, wurde noch immer am fröhlich lodernden Lagerfeuer gesungen: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, und ich musste mich ergeben, nochmals vor die Haustür treten und das blöde Centstück aufheben.

Lutz Röhrich im Wörterbuch der sprichwörtliche Redensarten verzeichnet den Spruch nicht mal. Fündig wurde ich im Redensarten-Index , und was lese ich dort, der Spruch geht auf Luther zurück. Ja, bin ich vielleicht evangelisch? Was Luther sich hinter den Kamin geschrieben hatte: „Wer den Pfennig nicht achtet, der wird keines Guldens Herr“, ist der pure Aberglaube. Memo an mich:

1. Ein Cent ist kein Pfennig nicht;
2. der Umkehrschluss stimmt überhaupt nicht. Wer arm ist, kann Pfennige achten bis er schwarz wird, er wird immer nur Pfennige besitzen;
3. es geht nur um die materielle Erscheinungsform. Denn beim Einkauf achte ich nie auf den Cent, sonst müsste ich nämlich täglich die Angebote der Läden vergleichen und dort kaufen, wo der Salat am billigsten ist.

Abschließend wäre zu fragen: Sind nur solche Pfennigsfuchser des Talers wert, solche die sich für zu schön und zu wichtig halten, eine Leistung oder ein Produkt angemessen zu bezahlen? Dann entsprechen also nur die Geizigen, die Raffkes, die Gierhälse dem Ideal. Egal, welch gnadenlose Ausbeutung von Arbeitskraft und Ressourcen, egal welch barbarische Tierquälerei, welches Elend die Geiz-ist-geil-Mentalität hervorbringt, die Schuldigen sind des Talers wert. Da enthüllt sich auch, was das bedeutet. Mit solchen Leuten wollte man doch lieber nicht gesehen werden oder mit den Worten einer Exfreundin: “In deren Richtung wollte ich mich nicht mal übergeben.“

Prima leben ohne einen Pfennig in der Tasche - Montage: JvdL

Prima leben ohne einen Pfennig in der Tasche – Montage: JvdL

Trocken oder nass – Wo beten nicht hilft

Wenn Frühling und Sonnenschein mich locken, fahre ich mit dem Rad durch den Georgengarten zur Mensa auf dem Conti-Campus. Ich muss freilich vor 12 Uhr da sein, denn zwischen 12 und 13 Uhr wird es schlagartig derart hömmele voll in der Contine, das es schwer ist, einen Platz zu finden. Letztens saß ich dicht an dicht mit welchen, die ihrem geschniegelten Auftreten nach von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hereingeschneit waren. Aus dem allgemeinen Lärm wehten gelegentlich Gesprächsfetzen an mein Ohr. Man sprach tatsächlich über Tischgebete.

Einer verkündete, dass bei ihm zu Hause keine Mahlzeit ohne Tischgebet denkbar wäre. Und er sagte eines auf, das offenbar exemplarisch war: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“ Die dabei sitzende Studentin staunte und schwieg andächtig. Da wollte sich ihr Gegenüber ein bisschen locker hervortun und sagte, sein Vater würde so beten: „Trocken oder nass, deo gratias!“ fertig.

“Trocken oder nass”? Tischgebete beziehen sich in der Regel auf den Gegenstand der Mahlzeit. Gläubige Menschen danken Gott für das, was sie auf dem Teller haben. Bei welchen Gerichten stellt sich denn die Frage nach trocken oder nass? Ich kam nicht gleich drauf, aber es ist Hunde- und Katzenfutter. Man hat ja schon mal gehört, dass manche aus den besseren Kreisen ziemlich geizig sind. Dass welche im dicken Mercedes bei Aldi vorfahren, geht ja noch, aber kann Gott es gut heißen, wenn die Herrschaften armen Rentnern das Futter streitig machen? Was war das hier für ein wunderliches Völkchen?

Ich weiß natürlich nicht wirklich, ob sie Wirtschaftswissenschaft studieren, dachte aber es würde schon passen, denn diese seltsame Studienrichtung hat viel mehr mit Glauben als mit Wissenschaft zu tun. Schon allein, dass man bis zum Ausbruch der Finanzkrise unverbrüchlich an die “Unsichtbare Hand” geglaubt hat, die den Markt regelt und all die Verrücktheiten ausgleicht, die geldgierige Menschen angerichtet haben, ist ja ein verkappter Gottesglaube. Und wenn deutsche Ökonomen unverdrossen propagieren, dass der Sparkurs für die in Schwierigkeiten geratene Mittelmeerländer das einzige Heilmittel wäre, obwohl doch die reale Entwicklung zeigt, dass deren Bevölkerung verelendet, die Wirtschaft schwindet und die Schulden wachsen, dann hat es wohl was mit Aberglauben zu tun, nah am Irrsinn. Den nämlich definiert Albert Einstein so: “Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.” Sollte Katzenfutter, trocken oder nass, nicht munden, muss man es ohne Not kein zweites Mal probieren. Da hilft nicht mal beten.

Musiktipp
The Mighty Mighty Bosstones
The Impression That I Get