Zwischen Fünf und Zehn und ein lachender Mund (2)

Zwischen fünf und zehn träumte ich etwas Seltsames. Ich war eine Sorte Praktikant in einem Unternehmen für Luxus-Events. Alles, was dort für die reiche, verwöhnte Kundschaft geplant wurde, war erlesen und teuer. Den Mitarbeitern waren bei ihren Ideen gar keine Beschränkungen auferlegt, weder hinsichtlich des Preises, der Machbarkeit oder des Sinns. Was das letzte betrifft, bekam ich aber einen kleinen Konflikt mit. Ein Mitarbeiter hatte den Käufern von Luxusautos mit vergoldeten Karosserien abverlangt, vor der Inbesitznahme des Autos einen Aufsatz zu schreiben. Diese Idee wurde allgemein als absurd angesehen und weil der Mitarbeiter in meinem Traum nicht auftauchte, konnte er seine Idee nicht verteidigen. Die anderen zerrissen sich das Maul darüber, aber natürlich auf distinguierte Weise, denn ein lautes Wort hörte man in unserem Unternehmen nie.

Wir hatten für eine verwöhnte Gesellschaft einen ganz besonderen Fußweg in die Innenstadt angelegt. Der war natürlich kurz, weil er keinerlei Mühe machen durfte. Es gab auf ihm kein Stäubchen, das ein Stolperstein hätte sein können, und es lag ein Teppich aus, in den ein Spruch, ein Satz eingewirkt war. Den hatte ich erdacht. Er war wegen seiner erlesenen Sprache mein ganzer Stolz. Leider hat ihn die verwöhnte Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen.

Es war ungefähr so wie zur Fronleichnamsprozession auf unserem Dorf. Der Pastor in festlicher Gewandung trug die Monstranz durchs Dorf. Er wurde von zahlreichen Messdienern begleitet und vier Ehrenmännern in schwarzen Anzügen umringt, die den Baldachin trugen, um Priester und Monstranz zu schützen. Vielleicht hat es ja Zeiten gegeben, dass faule Eier wider Priester und Herrgott flogen. Und Bauern mit Mistgabeln und Dreschflegeln … Der Grund für den Baldachin ist jedenfalls vergessen, nur der Brauch hatte sich erhalten. Auf den Straßen war ein schmaler Teppich aus Blumen, und Leute der oberen Wyckgasse setzten traditionell ihren ganzen Stolz darin, einen Teppich aus farbigem Sägemehl auszustreuen. Er war dicht, Zentimeterhoch, an den Kanten hart begrenzt, und das verschieden eingefärbte Sägemehl formte die prächtigsten Bilder und Symbole. Als Kind habe ich immer davon geträumt, einmal einen Fuß auf diesen prächtigen Teppich zu setzen, einmal einen Fußabdruck darauf hinterlassen zu dürfen. Aber das durfte nur der Priester mit der Monstranz, alle anderen mussten seitlich des Teppichs gehen.

In meinem Traum war der Teppich nicht so klar definiert. Ebensowenig meine eingewirkte Sentenz. Beides wurde ja nicht beachtet. Schon war der Teppich achtlos überschritten, schon traf die Gesellschaft in den luxuriösen Räumlichkeiten am Zielort ein, wo sogleich der Champagner floss. Zur Gesellschaft gehörten zwei berühmte Künstler mit einem Gefolge schöner, rassiger Weiber. Für die Künstlergesellschaft hatten wir eine Kirche ausgesucht, die für ihre farbigen Fresken und Fensterbilder berühmt war, die ein Bauhauskünstler gestaltet hatte, den man nur in eingeweihten Fachkreisen kannte.

Der unangefochtene Anführer der Künstlergruppe war der Maler Baselitz. Er hatte nichts gemeinsam mit dem realen Maler Baselitz. In meinem Traum sah ich ihm ins Gesicht, als er die Tür zur Kirche öffnete und ein wunderbar farbiger Glanz herausströmte und sein Gesicht verklärte. Baselitz hatte ungleiche Augen. Eines war deutlich größer und von einer überirdischen Strahlkraft. Sogleich war ich in seinen Bann gezogen und musste mir eingestehen, dass Berühmtheit wohl manchmal auch berechtigt ist, weil die allgemeine Anerkennung, die Begeisterung für ein Werk, die exorbitanten Preise, die es erzielt, das alles sich in den jeweiligen Menschen ansammelt und ihnen da zur Verfügung steht, wovon sie gelegentlich etwas aufblitzen lassen. So ein Blitz aus sozialer Energie hatte mich aus dem größeren Auge getroffen, bevor Baselitz die Kirche betrat und das Portal hinter ihm und seinem lustigen Gefolge ins Schloss fiel.

Von den anderen aber, von denen, die sich nur im Luxus ergingen, von denen kam ein wenig Kritik. Dass nämlich paradiesische Zustände wie wir von der Eventagentur für sie geschaffen hatten, dass diese Zustände durchaus kritisch zu sehen wären, indem sie den Menschen, für die sie gemacht sind, nichts abverlangen, was dazu führen würde, dass diese Personen degenerieren und total verblöden und letztlich überhaupt nicht mehr verdienen, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen.

Da erwachte ich, und meine Uhr grinste mich an.

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Zwischen Fünf und Zehn und ein lachender Mund (1)

Die Uhr zeigte einen Lachmund, als ich heute Morgen zum zweiten Mal aufwachte. Das erste Mal wars fünf Uhr gewesen; ich hatte mich noch mal hingelegt, war wieder eingeschlafen, und wie ich aufwache, lacht meine Uhr mich an. Ja, ist denn die Zeigerstellung acht nach zehn, die den Lachmund markiert, nicht längst privatisiert und in den Dienst der Juweliere und Uhrenverkäufer gestellt? Doch doch, schon in der Frühzeit des Irrenparadieses der Konsum- und Warenwelt hat man diese harmlose Zeigerstellung für Werbe- und Verkaufszwecke vereinnahmt.

Was nämlich ein unglaublicher Glücksfall ist, aufzuwachen genau um acht Minuten nach zehn, einen Lachmund zu sehen und heiter in den Tag zu starten, haben die Händler und Schacherer entzaubert, indem sie die Zeigerstellung zum Regelfall gemacht haben. Grinsende Standbilder auf den Zifferblättern ausgelegter Uhren sollen die Kunden zu jeder Tageszeit günstig stimmen und zum Kauf anreizen. Es ist wie ein Topf mit vierblättrigem Klee, der einem zu Neujahr in den Supermärkten hinterher geworfen wird. Welch ein Glücksfall und welch eine Freude, wenn wir als Kinder auf grünen Wiesen ein vierblättriges Kleeblatt fanden. Kann man dieses Glück bannen, indem man vierblättrigen Klee in Töpfe sät und zwischen Knalltüten und Knallbonbons zum Kauf anbietet? Es gab ja eine Zeit, da wollte alle Welt eine Uhr mit Digitalanzeige haben. Da schien es, dass die Uhrenhändler das unschuldige Acht nach Zehn aus ihren Klauen lassen mussten. Aber inzwischen sind ja die Analoganzeigen wieder chic, und Digitaluhren ahmen das Ticken einer Unruh nach, die sie gar nicht mehr haben. Zunächst aber müssen sie zum Wohl der Uhrenhändler grinsen.

Zwischen Fünf und Zehn träumte ich etwas Seltsames. Aber die Schilderung des Traums ist einfach zu lang, so dass ich ihn vielleicht morgen nachreiche.

Das analoge Ziffernblatt

Vor längerer Zeit schon war mir aufgefallen, dass ich in meiner Wohnung kein elektronisches Gerät mehr mit Sieben-Segment-Anzeige habe. Ein Weile habe ich darauf geachtet, wo sie im öffentlichen Raum noch zusehen ist. Die Preistafeln der Tankstellen in meiner Nähe setzen die Ziffern aus Pixeln zusammen. Nur aus der Ferne erinnern sie an die klassische Sieben-Segment-Anzeige. Als in den 1970-er Jahren die Digitaluhren auf den Markt kamen, waren sie bald so populär, dass die Analoguhren mit Ziffernblatt und Zeigern aus der Mode kamen. Die Digitalanzeige mit Ziffern aus je sieben Segmenten war der letzte Schrei und stand für die revolutionäre Entwicklung der Quarzuhren aus Fernost.

Leider kann ich vorerst nicht über die Sieben-Segment-Anzeige schreiben, denn ich habe meine Aufzeichnungen damals zwar herausgesucht, sie aber beim Aufräumen so nachhaltig verkramt, dass meine Suche bislang erfolglos geblieben ist. Was ich im Augenblick zur Hand habe, sind Notizen zur Analoganzeige, dem Ziffernblatt der Uhr. Da die Analoganzeige mit Ziffernblatt und Zeigern der Digitalanzeige voraus ging, aber nicht völlig verdrängt wurde und heute alternativ gebräuchlich ist, liegt es sowieso näher, zuerst über sie zu schreiben.

Ich erinnere mich noch gut, dass Anfang der 1980-er Jahre die bis dahin den Weltmarkt beherrschende Schweizer Uhrenindustrie in eine Krise geriet. Quarzuhren aus Fernost mit Digitalanzeige überschwemmten den Markt, und man warf der Schweizer Uhrenindustrie vor, sie habe die technische Entwicklung verschlafen. Als Reaktion darauf kam 1983 die Swatch-Uhr auf den Markt. Sie zeichnete sich durch billige Herstellung, Plastikmaterial und poppige Farb-Gestaltung aus., die auch das analoge Ziffernblatt mit einbezog. Die Swatch-Uhr hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Analoganzeige nicht in Vergessenheit geriet.

Begünstigt wurde das, weil das Ziffernblatt in die Altagskultur eingeflossen ist, was sich zeigt in bildhaften Vorstellungen, sprachlichen Metaphern und Wendungen: „Es ist fünf vor zwölf!“ für „höchste Zeit.“ Die älteste deutsche Talksendung (seit 1974) heißt „3 nach 9“, wobei zumindest die Assoziation drei nach neun Uhr geweckt wird. Die Geisterstunde ist zwölf Uhr. 00:00 Uhr vermittelt dagegen keine gruselige Vorstellung. Das Ziffernblatt kann der Orientierung dienen, beispielsweise wenn ein blinder Skifahrer von seinem Begleiter Richtungsangaben analog zum Ziffernblatt erhält. Das Ziffernblatt kann Kompass sein, indem man den großen [Update, nein], den kleinen Zeiger auf die Sonne ausrichtet. Wie das geht, ist hier erklärt. Die Besteckablage Zwanzig nach Vier signalisiert, dass der Gast mit dem Essen fertig ist (Nachweis castorpblog)

Wir benutzen noch heute die Richtungsangabe „im Uhrzeigersinn (UZS), gegen den Uhrzeigersinn. Der uns geläufige Uhrzeigersinn ist übrigens ein Relikt der Sonnenuhr, deren Schatten ebenfalls rechtherum läuft. Eventuell spielt hier noch die Vorstellung hinein, dass die Dinge ihren rechten (richtigen) Verlauf nehmen sollen. Ein Beispiel für die Anschaulichkeit des Ziffernblattes ist die Lehre von der richtigen Stellung der Hände am Lenkrad, „zehn Minuten nach zehn“. Auf zehn nach zehn stellt der Juwelier die Uhren seiner Auslage, weil das angeblich einen lachenden Mund symbolisiert und als positiv bejahend angesehen wird. Auf dem alten Vordruck „Gesprächsnotiz“ erlaubt das Ziffernblatt die rasche Kennzeichnung der Uhrzeit. Eingedenk der Tatsache, das sich die Arbeitszeit auf den Nachmittag erstreckt, heißt es nicht 12, 1, 2 usw., sondern 12, 13 bis 18 Uhr. Die Zählung der Nachmittags- und Abendstunden ist von der Digitalanzeige übernommen. Falls ich meine Aufzeichnungen finde, wäre das die kommende Folge.