TV-Kritik – Bares für Rares – Wir verramschen alles

Eine komplett hirn- und kulturlose Unterhaltungsshow sendet das ZDF derzeit auf seinen Kanälen rauf und runter. Die Sendung gilt bereits als Nachrichtenquelle, über die der Kölner Express oder das boulevardeske Blatt Der Westen gerne berichten. „Bares für Rares“ moderiert der geschäftstüchtige Exfernsehkoch Horst Lichter. Für die Sendung schleppen alltägliche Menschen Gegenstände heran, um sie von Expertinnen und Experten schätzen zu lassen, um sie anschließend einer Gruppe von Händlern zum Kauf anzubieten, getreu der neoliberalen Ideologie, dass alles zur Ware werden kann.

Die Show gehört in das Genre Scripted Reality. Was aussieht wie ein abgefilmtes Geschehen, zeigt sich schon beim Auftritt der potentiellen Verkäufer als genau geplant. Eingangs einer Fallszene sieht man die Leute mit den Dingen herankommen, die sie meistbietend verschachern wollen, vorgestellt von einer sonoren Stimme aus dem Off. Gezeigt werden auch Leute, die nicht in der Sendung als Verkäufer auftreten, sondern in den Räumen der Show in Schlange anstehen, und man weiß schon, dass sind die Arschnasen, die von Lichters Redaktion nur als Staffage gebraucht werden. Gewährsleute berichten, sie hätten für die kurze Szene des Eintreffens derart oft ankommen müssen, dass sie die Lust verloren hätten und nach Hause gegangen wären, wobei eine derartige Souveränität schon preiswürdig ist. Bei den meisten überwiegt jedoch die Eitelkeit, mal im TV auftreten zu können. Dann ist es auch egal, was mir ebenfalls von einem Gewährsmann berichtet wurde, dass manch einem einfach ein Gegenstand in die Hand gedrückt worden wäre, zusammen mit der Geschichte, die er erzählen sollte. Das alles abgekartet ist, zeigt sich auch bei der sogenannten „Expertenschätzung.“ Was die durchweg kompetent wirkenden Experten scheinbar aus dem Kopf an Detailwissen über einen Gegenstand abspulen, ist das Ergebnis ausführlicher Recherche, darum auch so erstaunlich zuverlässig als Expertise und beim Schätzwert.

Höhepunkt der Expertenschätzung, Horst „dann bin ich der Horst“ Lichter zieht „die begehrte Händlerkarte“ (O-Ton Lichter) von irgendwo hinten, möglicherweise aus der Gesäßtasche, doch es könnte genauso gut ein gerade eingetroffenes Arschfax sein. Auch das stereotype Statement der Anbieter „Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“ lässt den Betrachter schaudern. Obwohl wer einem Prominenten mal die Hand geschüttelt hat, sie stolz vorzeigt mit „Ungewaschen!“, wäre doch ein „Hier, direkt vom Hintern von Horst Lichter!“ ein bisschen extravagant. In dieser sonst so sorgsam geskripteten Realityshow wird nicht gezeigt, was nach dem Verkaufsakt mit der „begehrten Händlerkarte“ geschieht. Wandert sie zurück an/in Lichters Hintern? Das könnte lästig werden, denn sie scheint aus hartem Karton zu sein und ist wohl unten noch mit einer Leiste verstärkt. Zumindest müsste „die begehrte Händlerkarte“ aus Hygienegründen immer wieder erneuert werden, denn nie ist sie von Lichter etwa krumm gesessen oder glänzt schmantig von den vielen Fingern durch sie gegangen ist.

„Die begehrte Händlerkarte“ ist die Eintrittskarte zum Händlerraum. Dort sitzt ein Panoptikum fünf skurriler Typen aufgereiht, bereit zum Kauf der Dinge und dabei die geringstmögliche Summe zu bieten, um daraus erklärtermaßen den größten Profit zu schlagen. Nach Begutachtung des Gegenstands hebt ein erbärmliches und absolut würdeloses Schachern an. Außen in der Reihe der Krämerseelen sitzt ein kleinwüchsiger Mann aus Bayern, Ludwig Hofmaier – genannt Handstand-Lucki, der als junger Mann schon mal auf den Händen nach Rom gelaufen ist und jetzt mit Antiquitäten handelt. Sein Antipode ist am anderen Ende der Pferdehändler Walter Heinrich Lehnertz, Spitzname Waldi, der durch betont prolentenhaften Auftritt seine Heimatregion Eifel authentisch zu vertreten glaubt. Wie Lichter kokettiert er mit seiner Kulturlosigkeit. Was zählt, ist Kohle. Gemälde, deren künstlerischen Wert Waldi nicht erkennt, heißen bei ihm sinnfrei „Prügel.“ „Gib mir mal den Prügel rüber!“ Das sogenannte „Bietergefecht“ zwischen den Händlern scheint nicht getürkt zu sein. Hier ergeben sich manchmal Situationen, wie sie sich kaum planen lassen, zumal die Händler im realen Leben wirklich mit Antiquitäten handeln und einschätzen können, welche Käufer in ihrem Handel wie viel zu geben bereit wären. Kommt ein Kauf zu Stande, wird das Geldzählen auf dem Tresen als Ritual inszeniert, wodurch der schändliche Charakter des Schacherns um und Verramschens von Werten noch einmal ungeschminkt hervortritt.

Die potentiellen Verkäufer entstammen allen Schichten. Da werden Funde vom Sperrmüll genauso angeboten wie Familienerbstücke, von den Vorfahren getreulich bewahrt, damit ein missratener Spross sie verhökern kann. „Wir verkaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen.“ Das wird gerne euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt.“ Auf den Altar der Geldgier und Publicity-Geilheit kommt Schmuck, an denen einst das Herzblut von Menschen hing, genauso wie überteuert gekaufte Schmuckstücke, von denen man erfährt, dass sie im häuslichen Tresor gelagert waren. Lichter behandelt vor der Kamera die Tresorbesitzer wie die Habenichtse gleichermaßen mit ausgesuchter Freundlichkeit. Die Rolle des einfachen Gillbacher Jong, der relativ talentfrei durch Glücksfälle, Getue und Schnäuzer zu Fernsehruhm gekommen ist, macht sein ganzes Kapital aus, denn es signalisiert, dass jeder dahin gelangen kann, ganz zufällig – als banaler Flohmarktfund, wenn er nur bereit ist, seinen Hintern zu verkaufen.

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Heult doch – alle!

Kategorie zirkusDie Handlungsfähigkeit der EU stünde auf dem Spiel, tönte es gestern im regierungstreuen Verlautbarungsorgan „heute-journal“ (ZDF). Die kanadische Handelsministerin, Chrystia Freeland, sei „unter Tränen“ abgereist, nachdem der Abschluss des unterschriftsreifen Handelsvertrags CETA am Widerstand des wallonischen Regionalparlaments vorerst gescheitert ist. „Wir sind doch Freunde“, bekundete sie ihr Unverständnis der wallonischen Bockigkeit. Dass man in der EU die ablehnende Entscheidung eines demokratisch gewählten Parlaments nicht akzeptieren will, zeigte sich am Statement Angela Merkels: „Bei uns dauert es eben manchmal länger.“ Das enthielt ja die Botschaft: „Wir Konzernfreunde finden schon einen Weg.“ Ähnlich äußerte sich der Premier der belgischen Zentralregierung Charles Michel: „Wir sitzen noch am Verhandlungstisch, und wenn man am Tisch sitzt, dann muss man wild entschlossen sein, alles zu tun, um der Lösung eine Chance zu geben.“ Entsprechend nennt FAZ.net die demokratische zustande gekommene Ablehnung „Proteste“, als ginge es um ein paar aufgebrachte Milchbauern, die wichtige Zufahrten mit ihren Treckern blockieren. Passend hatte man bei heute einen ausgemergelten wallonischen Biobauern gezeigt, der ein paar kümmerliche Feldfrüchte in der Hand hatte, bei dem jeder dachte, den und das kann man getrost vergessen.

Ach, sie halten uns ja für so dumm. Sie glauben, wir sind kleine Mädchen, denen man was vom Pferd erzählen kann. Weniger blumig hatte sich der wallonische Ministerpräsident Paul Magnette, im Zivilberuf Politikwissenschaftler, geäußert, dass man bei der EU glaube, er hätte CETA nicht verstanden. Magnette kritisiert, was auch Hundertausende Bürger der EU als Bedrohung ihrer Demokratien ansehen, die Regeln zum Investorenschutz, die Schiedsgerichtsbarkeit für Investoren und die mögliche Privatisierung von hoheitlichen Aufgaben. Was wir verstanden haben: Unsere Volksvertreter wollen einen Teil ihrer Zuständigkeit aus der Hand geben und dem freien Spiel von Konzerninteressen ausliefern.

Ich war in die heute-Sendung geraten, weil ich die anschließende Heute-Show sehen wollte. Dass den Autoren dieser Satire-Show kein Wort zum CETA-Trauerspiel eingefallen war, ist schwer vorstellbar. Möglicherweise hatte man aber keine Zeit und musste wichtigere Themen behandeln wie die Tatsache, dass die Käufer von VW-Dieselfahrzeugen in den USA entschädigt werden, in Deutschland aber nicht, was wieder mal zeige, dass US-Behörden es mit dem Konsumentenschutz ernster meinen als unsere. Eine interessante Darstellung von Moderator Oliver Welke, weil CETA von Kritikern als trojanisches Pferd angesehen wird für TTIP, den Handelsvertrag mit den USA. Wir lernen, die Verträge können so schlecht nicht sein, zumindest nicht für den, der einen VW-Diesel besitzt und US-Bürger ist.

Blödes Schwenkfutter - Quelle: ZDF-Heute-Show

Blödes Schwenkfutter – Quelle: ZDF-Heute-Show

Schon bei der Heute-Show zuvor, am 14. 10. waren mir Zweifel an der Zielrichtung der ZDF-„Satire“ gekommen. Da setzte man sich mit den Hasstiraden auf Facebook auseinander, deren Löschung Bundesjustizminister Maas verlangt. Dem Zuschauer wurde vermittelt, dass es dem Männlein im Kommunionsanzug nicht gelingt, sich mit seinen Vorstellungen bei Facebook durchzusetzen. Maas gegen Facebook wäre als würde Margot Käsmann gegen beide Klitschkobrüder boxen. So weit, so lustig. Doch zuvor, als die Kamera über das Publikum strich, das bei jeder abgehandelten Ungeheuerlichkeit klatschend und jubelnd auf den Sitzen hüpft, und sich freut, auch mal im Fernsehen zu sein, da fand das ZDF nichts dabei, den facebook-Account der Heute-Show einzublenden.

In Österreich ist die Verbindung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Facebook verboten.
Ist ja auch Schleichwerbung für einen Konzern. Doch wenn es um Konzerninteressen geht sind wir alle längst verkauft und nur noch blödes Schwenkfutter – im Zirkus des schlechten Geschmacks.