Hörst du es Rauschen? – Kommunikationsstörungen

Ob der Brief der Großmutter aus der unten gezeigten Zeitungsnotiz bei pünktlicher Zustellung etwas bewirkt hätte, ist fraglich. Möglicherweise hätte er das Leben des Adressaten nicht verändert. Wirklich tragisch ist hingegen der Fall einer Nonne. Sie hatte als junge Frau vergeblich auf einen Brief ihres Freundes gewartet und war aus enttäuschter Liebe ins Kloster gegangen. Der Brief wurde Jahrzehnte später gefunden, als man ein altes Postgebäude abriss. Er war wohl einst zu Boden gefallen und zwischen die Dielen gerutscht.

In der Kommunikationswissenschaft zählen derlei Probleme zum Rauschen, den möglichen Störungen der Kommunikation auf dem Übertragungsweg zwischen Sender und Empfänger. Mehrere Kommunikationskanäle beseitigen das Problem nicht, weil jedes Kommunikationsmedium von möglichen Störungen begleitet wird. In der Summe nimmt das Rauschen sogar zu. Das bedeutet, dass man eine briefliche Nachricht zwar auf einem zweiten Kommunikationsweg absichern kann. Aber auch die E-Mail: „Ich habe dir einen Brief geschickt.“ könnte auf vertrackte Weise verlorengehen. Im Zug wurde ich einmal ungewollt Zeuge eines Gesprächs. Ein junger Homosexueller schilderte einer Freundin  Probleme mit seinem Freund. Er hatte ihm abends eine WhatsApp-Liebesnachricht geschickt, aber den ganzen Abend über keine Antwort bekommen. Ihn beunruhigte die Tatsache, dass sein Geliebter aber ständig online gewesen war, zu sehen an einem grünen Punkt. Jetzt verdächtigte er seinen Freund, dass er mit einem anderen gechattet hatte und ihm folglich untreu wäre. Die Sache bereitete ihm enorme Liebesqualen.

Ähnliche Online-Statusmeldungen gibt es auch bei Facebook. Als ich mich dabei erwischte, dass ich in eine ausbleibende Antwort trotz Online-Statusmeldung ebenfalls etwas hinein interpretierte, habe ich mich bei Facebook wieder abgemeldet. Derlei wollte ich nicht erleben, getreu dem Sprichwort „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

Heute las ich bei Heise online, etwas über Stilles Tracking, mit dem eifersüchtige Partner die Bewegungen des andere verfolgen können. Selbst beim Stillen Tracking kann es Rauscheffekte geben. Wo Misstrauen herrscht, bieten all die Möglichkeiten des heimlichen Stalkings keine Sicherheit, sondern vergrößern die eigene Unruhe.

Als ich erst kurz in Hannover war, bin ich neugierig mit dem Fahrrad umher gefahren, um zu sehen, was Hannover und sein Umland zu bieten hatte. Was mir gefiel, habe ich gefilmt. Einmal hörte ich in der Nähe des Mittellandkanals eine Band proben. Ich suchte den Probenraum und filmte die Band [im Video bei 4:21]. Weil ich das Video bei YouTube veröffentlichen wollte, fragte ich nach einer Kontaktmöglichkeit. Das ging bei der Band nur über Myspace. Also meldete ich mich dort an. Man kann dort den Beziehungsstatus angeben. Ich hatte zwar eine Beziehung, wohnte aber getrennt, weshalb ich acht- und arglos „Single“ anklickte. Einige Wochen darauf konfrontierte mich die Freundin damit. Sie habe das „zufällig“ gefunden und verdächtigte mich jetzt, ich hätte Myspace benutzt, um mit anderen Frauen zu flirten.

Ein klassischer Fall von Rauschen, und das Vertrackte ist, man kann sich gegen derlei Unterstellungen nicht verteidigen. Da ich völlig unschuldig war, jetzt grundlos verdächtigt wurde und sie sich nicht vom Gegenteil überzeugen ließ, habe ich die Beziehung beendet. Zum Glück, denn Rauschen ist in der menschlichen Kommunikation allgegenwärtig, besonders in der Fernkommunikation und kann sich, wo kein Vertrauen herrscht, verheerend auswirken.

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Dahinter sitzt immer ein dummer Kopf

„Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden“, hat Wolf Schneider, Stilpapst des Journalismus, vor Jahren in Blogs gefunden. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung und 2010 mitverantwortlich für den Internetauftritt der SZ, sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, eine erstaunliche Selbstauskunft. Natürlich meinte er nicht sich, sondern jene „halbgebildeten Laien“, die „aus Idealismus“ oder „weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen“, und Gregor Dotzauer dünkelt im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf“ angezettelt hätten.

Inzwischen hat sich die Kritik auf die „pseudonymen Existenzen“ des Mikroblogging wie Facebook, Instagram und Twitter verlagert. Medial sind Blogs in der Bedeutungslosigkeit versunken. Als wechselseitiges Medium haben Blogs nur eine beschränkte Reichweite und sind keine ernsthafte Konkurrenz für den bezahlten Journalismus. Der „Kulturkampf“ tobt woanders. Der YouTuber Rezo hatte der CDU mit seinem Zerstörungsvideo den Kampf angesagt, und allen voran sprang FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum übers hingehaltene Stöckchen. Mit dem gleichen törichten Furor (Teestübchen berichtete) wie einst Graff und Dotzauer drehte er seine Zeitung zur Klatsche und schlug zunächst auf die Rezipienten des Videos ein („Jeder Klick ein Armutszeugnis“), dann auf den jungen Mann, denn Rezo kann vor allem eines vorweisen: Reichweite. Von den inzwischen 15,1 Millionen Aufrufen seines Videos kann ein FAZ-Redakteur nur träumen. Die verkaufte Auflage der FAZ liegt bei 230.000 Exemplaren. Selbst bei großzügiger Schätzung der Mehrfachnutzung eines Exemplars wird die Millionengrenze kaum erreicht. Etwa 60 Prozent der Leserinnen/Leser interessieren sich laut Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) für Innenpolitik, wobei von Altenbockum nicht einmal davon ausgehen kann, dass sie seinen von Polemik triefenden Sermon überhaupt lesen mögen. Auf Twitter entspann sich kürzlich ein „Beef“ zwischen von Altenbockum und Rezo. Inzwischen hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier von Altenbockums irrwitzigen „Kulturkampf“ dokumentiert und seine Falschbehauptungen sowie die schwachbrüstige Argumentation zerpflückt.

Jasper von Altenbockum, mentally sitting behind the linotype setting machine (symbol image) Gestaltung: JvdL

Man fragt sich, wie einer Ressortleiter Innenpolitik bei der FAZ wird. Ein scharfer Verstand scheint nicht die Voraussetzung zu sein, wohl eher emsiges Networking, mit den richtigen Leuten, Golf zu spielen, und die Fähigkeit, sich ohne Scham an die Mächtigen ranzuwanzen. Wer wie von Altenbockum vor dem Aufkommen des Internets als Journalist ausgebildet wurde, sitzt geistig am liebsten hinter der Linotype-Setzmaschine, beweint das Schwinden der eigenen Bedeutung und schimpft auf jene ruchlosen Okkupanten, die ihm die Luftoberhoheit über die Köpfe streitig machen.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1991 hat der Medienphilosoph Vilém Flusser das Ende der Schriftkultur vorausgesagt. Obwohl das Internet noch in den Anfängen steckte, von YouTube, Instagram, Snapchat und den alles bestimmenden Algorithmen noch nichts zu sehen war, prophezeite Flusser, die Schrift werde von Bild und Zahl in die Zange genommen und an Bedeutung verlieren. Letztlich hat die Auseinandersetzung um das Rezo-Video nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension, sondern zeigt auch das Ragnarök der Schriftkultur. Nur die tragischen Helden im nicht zu gewinnenden Kampf hätte man sich nicht unbedingt vorgestellt als geifernde alte Männer vom Schlage Jasper von Altenbockum.

Beobachtung auf Höhe der Hasenpfote

Zuerst sei er nur überrascht gewesen von der Ähnlichkeit der Frau im Publikum der Kabarettsendung mit seiner verflossenen Geliebten. So ein Gesicht gäbe es vermutlich nicht zweimal. Ihr Gesicht sei „zierlich“, hatte der Optiker vor mehr als vier Jahren im Schwabinger Brillenstudio gesagt, als er ihr von einem zu mächtigen Brillengestell abriet. „Ein zierliches Gesicht“, das habe er damals gedacht, sei ein zutreffendes Attribut. Vier Jahre habe er sie nicht mehr gesehen. Jetzt habe da eine im Publikum gesessen, halb verdeckt hinter den auftretenden Kabarettisten mit eben so einem zierlichen Gesicht, aber mit langen blonden Haaren. Er habe sie als Brünette gekannt. Und kurz vor ihrer Trennung habe sie sich einen Bob schneiden lassen, ich wisse schon, die Haarspitzen bis zum Kinn. Ob ich wüsste, wie lang die Haare des Menschen im Jahr wachsen könnten? 15 Zentimeter? Das wären ja 60 Zentimeter in vier Jahren! Die Länge könnte hinkommen, und aus einer Brünetten könne mit Hilfe der Friseurhandwerkskunst leicht eine Blonde werden.

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Erinnerungen an Lisette – ab heute wieder erlaubt

lisette2Lisette? Sie lebt jetzt ein ganz anderes Leben. Und ich bin ja weggezogen. Unsere Trennung liegt jetzt zehn Jahre zurück. Vor einem Jahr habe ich sie noch mal getroffen. Sie ist schön wie eh und je. Da wollte sie nichts mehr wissen von der großen Liebe, die mal zwischen uns war, meinte, es wäre ja alles nur Sex gewesen. Aber ich habe noch dieses Lied, das mir Bilder in den Kopf setzt, wie wir es im Bett liegend gehört hatten, nebeneinander in wunderbarem Einvernehmen im Fluss unserer Gedanken. Und ich erinnere mich, wie sie sich an meinem Geburtstag über ein Geschenk freute, das sie für mich gekauft hatte, und derweil ich es auspackte vor lauter Übermut einen Kopfstand an meinem Bücherregal gemacht hat. Und da ist noch die Zimmerpalme, die ich Josie getauft habe. Mit dieser Palme, auch einem Geschenk von Lisette, habe ich eine seltsam innige Verbindung. Später werde ich mal davon berichten, weil Josie auch Einfluss auf mein Schreiben hat. Heute geht es um „Instant Street“.

Mit, besser zu diesem Lied der belgischen Rockgruppe dEUS habe ich vor Jahren ein Video gemacht. Als ich gerade in Hannover war, habe ich die Gegend mit dem Fahrrad erkundet und einiges vom Rad aus gefilmt. Es war nicht so einfach, denn ich hielt die Kamera mit einer Hand. Das Video war eine Weile nicht in Deutschland zu sehen, weil ich dreist die urheberrechtlichen Ansprüche von dEUS verletzt hatte.

Gestern bekam ich eine erfreuliche E-Mail, die in der Fülle der Kommentarbenachrichtigungen beinah untergegangen wäre. YouTube schrieb mir, der „urheberrechtliche Anspruch auf dein Video dEUS – Instant Street wurde zurückgezogen.“

Deshalb kann ich es heute im Teestübchen zeigen. Das Video wurde schon fast 53.000 mal angesehen. Es ist eigentlich eine Fahrt „zwischen Leine und Maschsee“ durch den Vorfrühling. Instant Street beginnt verhalten und melodisch, um dann in seinem zweiten Teil immer wilder und rauschhafter zu werden. Die Musik hat etwas absichtsvoll Schräges, das mir gut gefällt. Es ist noch eine Weile hin zum Vorfrühling, aber das heutige Wetter ist ein Versprechen darauf. Dazu viel Vergnügen!