Fibonacci – (2) Wuppertal

Schon eine ganze Weile wusste ich nicht, wo wir uns befanden. Ich guckte gens Zugfenster in die Schwärze, sah mich selbst, wie ich vergeblich versuchte, hinaus zu schauen. Was ist eigentlich los mit den Ingenieuren, die Eisenbahnwaggons planen? Setzen sie sich niemals selbst hinein? Fahren sie niemals bei Nacht von Stadt zu Stadt? Haben sie sich noch nie gefragt, wo mag ich wohl sein? Und etwa gedacht: Hoffentlich sind wir schon hinter Wuppertal, dieser schier unendlichen Stadt im finstren Talgrund, die den Reisenden nicht weglassen will. Obwohl doch jeder, der einmal versehentlich ausgestiegen ist in Wuppertal, sehnsüchtig auf dem Bahnsteig steht und hofft, der nächste Zug möge kommen?

Ich meine, haben solche Eisenbahnplanungsingenieure sich noch nie gewünscht, bei einer nächtlichen Zugfahrt hinaussehen zu können, um etwas zu erkennen von der nächtlichen Welt, damit sie sich verorten können auf ihrer inneren Landkarte?

In den alten D-Zügen konnte der Reisende sein Abteil verdunkeln. Über dem Zugfenster war ein freundlicher Kippschalter, und legte man ihn um, erlosch das Licht im Abteil. Augenblicklich erschien hinter dem Zugfenster die nächtliche Landschaft, dunkle Horizontlinien eines Waldes, ein einsames Haus, schier endlose Äcker und Plagdiere unterm Mondlicht, Hecken wie schwarze Schablonen vor dem Sternenhimmel, dann eine Gruppe von Häusern, wo Leben war, zumindest Licht in einem Hof, ein dunkler Weiler unter schwarzen Kastanien, ein stilles Dorf, ein weiteres mit Laternen die Straße hoch, Schrebergärten, in denen die Arbeit ruht, aber Schornsteine rauchen, dann die Vorstadt mit ihren rottigen Bauten und düsteren Gestalten an den Straßenecken. Ein Vorort-Bahnhof fliegt vorbei, ein Beamter in Uniform steht salutierend auf dem Bahnsteig und lässt den D-Zug passieren.

Genug. Ich muss mich konzentrieren. Warum gestattet die Bahn dem Reisenden keinen Blick mehr in die nächtliche Welt? Sind die Ingenieure verdummt, verblödet über ihren eigenen Entwürfen? Oder haben sie ausführen müssen, was Bahnchefs von ihnen verlangt haben? Waren die putzigen Kinder der Ingenieure bedroht, mussten die Ingenieure die grässlichen Pläne ausführen, um ihre Familien zu retten? Steht also hinter allem eine Absicht? Gibt es einen Grund zu verhindern, dass der Reisende sich orientieren kann bei einer Fahrt über Gleise durch die Nacht? Warum ist auch der Blick ins nächtliche schwarze Schienennetz verwehrt? Sollen wir uns nur nach Ansagen richten, auf Bildschirme und Laufschriften achten und nicht mehr selbst schauen, um einen eigenen Begriff von der Welt zu haben?

Das eintönige Tocktock der Räder an den Nahtstellen der Schienen. Tock tock, tocktocktock.

Tam tam, tamtamtam, tamtamtam tam tam.

Teil 3

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 2)

Folge 1 hier

Was ist gruselig an Wuppertal? Als Kind bin ich mal im Wuppertaler Zoo gewesen und auch mit der weltberühmten Schwebebahn gefahren. Weil die Stadt sich in den engen Talgrund der Wupper quetscht, ist da kein Platz für eine Straßenbahn. Stattdessen hängen die Bahnen in 12 Metern Höhe an einem Schienensystem, das ziemlich genau dem Verlauf der Wupper folgt, eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst aus dem Jahr 1901. Die Streckenlänge beträgt 13 Kilometer, und noch viel länger scheint die Stadt zu sein. Selbst wenn du mit dem ICE hindurch rauschst, scheint Wuppertal kein Ende zu nehmen, und du hast das Gefühl, diese Stadt will dich nicht weglassen. Und dann, gerade hast du dich gegruselt angesichts der steilen Straßen und der hohen hässlichen Häuser, von denen sie gesäumt sind, gerade hast du dich geschüttelt, weil du dir Leben in diesen Häusern vorgestellt hast, irgendwelche Lebensformen, die einem nur in etwa menschlich vorkommen, da hält der ICE auch noch im schäbigen Wuppertaler Hauptbahnhof, einer Ansammlung von mit Brettern vernagelten Ruinen. Vor dem Hauptbahnhof, stadteinwärts, hat es jahrelang ein riesiges Loch gegeben. Ich staune darüber, Arbeiter in orangefarbenen Warnjacken zu sehen und dass sie es offenbar geschafft haben, das Loch zu schließen. Andererseits sah ich sie schon im vergangenen Februar daran arbeiten. Wieso sind die Arbeiten in sieben Monaten nur geringfügig fortgeschritten? Eventuell reißt das Loch, wenn es gerade geschlossen ist, über Nacht wieder auf, gleich einer schwärenden Wunde, an der alle ärztliche Kunst versagt. Ich frage mich, welchen Menschenschlag drängt es, in so einen feuchten, finsteren Talgrund wie den der Wupper zu ziehen? Warum blieben sie nicht auf den luftigen und manchmal sogar sonnigen Höhen des Bergischen Landes? Vor Jahren traf ich einmal im ICE den psychedelischen Dichter und Zeichner grotesker Dinge Eugen Egner. Er fuhr bis Wuppertal mit.
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