Die beste Weise, sich zu erden

Nebenan schlief Franzi. Er war aufgestanden, damit sie noch einmal in den Schlaf finden konnte, nachdem sie sich gut zwei Stunden unterhalten hatten. Er hätte ewig so weiterliegen mögen, wie ihre kleine Hand ganz leicht auf seiner Brust ruhte, wobei ihr Mund leise runde Wörter formte, die wie Perlen im nächtlichen Zimmer aufstiegen und sich in der Dunkelheit verloren.
„Das Leben ist kein Schneckenschubsen“, hatte sie gesagt, bevor sie wieder einschlief. In ihrem Wortschatz fanden sich viele Wörter mit Alliterationen oder besser Stabreimen.

Er hatte begonnen, eine Liste aufzustellen, aber auf dem Zettel waren noch mehr Aufzählungspunkte als Beispiele. Auch von Lisettes Idiolekt hatte er damals eine Wortliste angelegt. Kürzlich hatte er sie wiedergefunden.
„Lexikon der idiomatischen Wörter und Wendungen einer ungewöhnlichen Frau“
Doch der Zauber ihres Idiolekts war verschwunden gewesen. „Flottikarotti“, „Schwing die Hufe!“, „Tanke“, „tapern“, „Putz von den Wänden kratzen“, „volle Lotte“ … Aus ihrem Mund hatte das toll geklungen. So losgelöst von ihr, aus der Distanz vieler Jahre, wirkte das nur noch derb auf ihn. Da half auch nicht, dass er die Wörter syntaktisch und semantisch zugeordnet hatte: „töm tö töm tö töm; Interjektionskette, Trochäus; Weiterführung des Unsagbaren, vielsagend.“ Das alles waren nur noch Buchstaben auf Papier und sagte ihm nichts mehr. So wird es auch Franzis Wörtern ergehen, dachte er traurig.

In der Küche kocht er sich einen Kaffee. Wie er die Hände an der heißen Tasse wärmt, sieht er durchs Fenster hinab auf den Gehweg unten. Da liegt eine weiße Plastiktüte, bauscht sich plötzlich auf und wälzt sich um und um, irgendwie träge – wie ein Mensch, der nicht in den Schlaf finden kann. Dann liegt sie still, dann schiebt sie sich an den Zaun, schmiegt sich in die Ecke, als wollte sie Schutz suchen vor dem heftigen Wind, der den Weg entlang pfeift. Der ist durch die Isolierverglasung des Küchenfensters kaum zu hören, und denkt er ihn weg, dann hat die blanke, weiße Plastiktüte tatsächlich ein nächtliches Eigenleben.

Was wissen wir schon von der Welt, denkt er. Überall können wir Eigenleben vermuten, wo uns die Beweggründe verborgen bleiben. Wo wir Aktion vermuten, ist in Wahrheit Reaktion, nicht so einfach zu durchschauen wie bei der Tüte unten. Selbst menschliche Handlungen sind Reaktionen auf neuronale Prozesse im Gehirn. Auch bei diesen unbewussten Prozessen ist der Anlass nicht fassbar. Wie ein nächtlicher Wanderer im Gebirg, der unbedacht einen Stein lostritt. Der trudelt durchs Denken, reißt hie und da etwas mit und bewirkt Ideen, Gefühle und Handlungen, aber bewirkt auch diese rätselhaften Taten ohne erkennbaren Zweck, die an unsere tierische Vergangenheit erinnern, ein plötzliches Fassen an die Nase, das grundlose Schürzen der Lippen, ein unnützer Gang zum Fenster. Das alles sind Reaktionen. So ist also das ganze Weltgeschehen nur Reaktion, und da wundert nicht, dass der Mensch sich einen Erstbeweger ausdenkt, damit er einen Sinn im Chaos der Reaktionsketten findet. Doch wie der Weg das Ziel ist, sind die Reaktionsketten Ursache und Zweck zugleich. Das zu verstehen, brauchen wir keinen kosmischen Anschubser. Die Idee eines verursachenden Gottes ist letztlich nur horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum.

Ich muss mich erden, sonst rutsche ich wieder aus der Welt, dachte er und legte sich zurück ins Bett neben die schlafwarme Frau.

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postfaktisch – dümmste unter den prämierten Würsten

Kategorie zirkusMein in Leipzig lebender Sohn teilte mir am Telefon mit, „postfaktisch“ sei Internationales Wort des Jahres geworden. Ich hatte keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Trotzdem steht seine Aussage im Konjunktiv I, einer sogenannten „Distanzform.“ Es gibt im Deutschen deren vier insgesamt. Mit einer Distanzform zeigen wir an, dass wir die Aussage eines anderen zitieren. Da mein Sohn mir keine Quelle genannt hat, habe ich ein wenig recherchiert. Spiegel.de meldete hier: „Die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries hat am Mittwoch auf ihrer Webseite ihr internationales Wort des Jahres bekannt gegeben. Es handelt sich um den Begriff „post-truth“, auf Deutsch übersetzt mit ‚postfaktisch‘.“ Und weiter: „Oxford Dictionaries definieren den Begriff als Beschreibung von „Umständen, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Bezüge zu Gefühlen und persönlichem Glauben.“

Das ist die hübsch einseitige Definition von „postfaktisch“, die sowohl unseren Medien gefällt als auch Politikern wie Frau Merkel. Um dahinter zu kommen, was daran grundsätzlich zu kritisieren ist, sehen wir uns an, was „faktisch“ bedeutet oder genauer, was ein Faktum ist. Das aus dem Lateinischen entlehnte Wort meint „etwas Tatsächliches, Verifiziertes.“ Verifizierung (von lat. veritas ‚Wahrheit‘) ist der Nachweis, dass ein vermuteter oder behaupteter Sachverhalt wahr ist.

Wir kennen aus dem Alltag Tatsachen unserer physikalischen Wirklichkeit. Ans Fenster prasselt der Regen. Ich öffne es, sehe hinaus, werde nass, und habe die audiovisuellen Wahrnehmungen um eine haptische ergänzt, womit die Beobachtung mit allen Sinnen überprüft wäre und somit die faktische Feststellung ist, dass es regnet. Angenommen, mein Sohn teilt mir am Telefon mit, dass es in Leipzig stark regnet, und ich traue ihm, obwohl ich nicht selbst verifizieren kann, ist auch seine Mitteilung für mich faktisch. Wenn am nächsten Tag in der Zeitung stünde, dass für Leipzig weiterer Starkregen angekündigt sei, dann würde ich für eine geplante Reise nach Leipzig einen Schirm mitnehmen, denn der Wetterbericht ist eine Nachricht im etymologischen Wortsinne: Nachricht = „Wonach man sich zu richten hat.“

Der Mensch richtet sich nach dem selbst Erlebten und nach den Berichten, denen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zukommt. Wer den Wetterbericht verwerfen würde und deshalb ohne Schirm in einen Starkregen geriete, verhielte sich im oben definierten Wortsinne postfaktisch. Aber wer tut das? Wohl kaum jemand.

Aber in der Definition heißt es „objektive Fakten“ hätten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung. „Objektive Fakten“ sind jene, die man durch eigenes Erleben oder durch Nachrichten vertrauenswürdiger Personen gewinnt. Ob es regnet oder nicht, ist ein einfacher Sachverhalt. Was aber beispielsweise auf einem entfernten Kriegsschauplatz geschieht, und wie das Geschehen zu bewerten ist, ist hochkomplex. Dem kalifornischen Senator (von 1917-1945) Hiram Warren Johnson wird das geflügelte Wort zugeschrieben: „Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.“ Es ist also klug, allen Berichten, die uns medial aus einem Kriegsgebiet erreichen, zu misstrauen. Dieses Misstrauen hat sich ausgedehnt auf viele Bereiche, nicht zuletzt, weil uns durch das Internet inzwischen andere Quellen als die TV-Nachrichten oder Zeitungen zur Verfügung stehen, etwa Augenzeugenberichte aus aller Welt. Die klingen manchmal anders als das, was in der Zeitung steht. Doch die Skepsis gegenüber Zeitungen ist keine junge Erscheinung. Der amerikanische Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce (1842 – 1914) höhnte schon Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem sarkastischen Wörterbuch: The Devil’s Dictionary

„Erfrischend: Einen Menschen treffen, der alles glaubt, was in den Zeitungen steht.“

Derart erfrischend naive Menschen sind selten geworden. Doch verleugnen die weniger Naiven die Fakten? Laufen sie vor den Bus, weil der Automobilverkehr nicht in ihr Weltbild passt? Natürlich gibt es Eiferer, die sogar das Offensichtliche leugnen.

postfaktisch im Duden - Scan und Schriftmontage JVDL (größer: Bitte klicken)

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Doch in der Regel ist Misstrauen gegenüber jeder Information aus zweiter und dritter Hand angebracht, sogar vernünftig. Das Modewort „postfaktisch“ stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Medien und Politik schieben ihren Glaubwürdigkeitsverlust den Leuten in die Schuhe. Spiegel.de wundert sich, dass der Duden das Wort noch nicht in die Wortliste aufgenommen hat. Abgesehen davon, dass ein Wort nicht wichtig ist, weil es prämiert wurde wie eine Thüringer Wurst, hätte ich einen Vorschlag, wie der Duden das Wort verzeichnen und erklären sollte. Zu sehen links – ein fake, denn der Duden verzeichnet kein Dummdeutsch.