Immer diese Machenschaften

Um sich abzulenken, greift er gern nach einem Wörterbuch, schlägt es wahllos auf und liest sich fest. Diesmal ist es der Duden-Band „Richtige Wortwahl.“ Er liest den Eintrag „Machenschaft“ und muss kurz lachen. „Machenschaften“ gehört in seinen passiven Wortschatz, will sagen, er kennt es, ohne es je benutzt zu haben. Die Bedeutung (Denotation) des Wortes ist im Wörterbuch umschrieben. Woher kommen jedoch die Gefühlswerte und Assoziationen (Konnotation), die ihn lachen ließen, ohne dass er das Wort je aktiv benutzt hätte?

Es gibt in Beziehungen den Unglücksfall, dass flammende Liebe einseitig in Gleichgültigkeit und sogar Abneigung umschlagen kann. Was man zuvor anziehend fand, verliert den Reiz, und am Ende kann man nicht mal mehr des Partners unwillkürlichen Lebensäußerungen ertragen, etwa hören, wie er atmet.

aus: Duden, richtige Wortwahl

Als die Mutter seiner Kinder sich von ihm abzuwenden begann, immer schlechter auf ihn zu sprechen war, ohne dass er ihr einen konkreten Grund gegeben hatte, begann sie, ihm „Machenschaften“ zu unterstellen. Der Vorwurf „Deine Machenschaften!“ machte ihn ratlos, weil er nicht wusste, was gemeint war. Besonders irritierte ihn, dass sie nie von einer Machenschaft sprach, sondern immer von Machenschaften. Eine Machenschaft hätte er noch in den selten besuchten Abgründen seiner Seele finden können, aber gleich ein ganzes Bündel dunkler Unternehmungen, da wusste er beim besten Willen nicht, was gemeint war. Sie half ihm nicht, indem sie seine angeblichen Machenschaften spezifizierte, so dass er sich hätte vor den Kopf schlagen können und erleichtert ausrufen: „Ach, das meinst du! Das muss ja auch nicht sein“, und fortan hätte er diese Machenschaft vermieden. Zum Schluss wurde ihm der Pauschalvorwurf „Deine Machenschaften“ egal, denn die Wortbedeutung hatte sich durch ständige Wiederholung entleert. Die Machenschaften hatten sich in eine Horde Gespenster verwandelt. Und gegen nichtstoffliche Wesen ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Sie jedoch war verliebt in diese Gespenster, verliebte sich aber bald wieder in ein stoffliches Wesen.

Er hatte die Sache schon vergessen, aber das Wörterbuch rief die Konnotationen wach. Sie trudelten durch sein Denken wie ein Stein im Gebirg, den ein unachtsamer Wanderer losgetreten hat. Auch nicht ohne Komik: Der Brocken hätte ihn eigentlich treffen und verletzen können, aber war an seinem unfreiwilligen Humor abgeprallt.

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