Eichhörnchens Gespür für Schnee

Große Aufregung gestern Mittag in und um meinen Küchenbaum. Ständig flogen Amseln und Krähen umher und zunächst wunderte ich mich nur über ihre Unruhe, dann sah ich das magere Eichhörnchen. Es hockte in einer Astgabel des Küchenbaums und knabberte eifrig an seinen Vorräten. Ab und zu fiel etwas ab vom Eichhörnchentisch, da waren die Amseln meistens schneller als die Krähen am Boden. Bei den Bäumen weiter hinten sah ich das zweite Eichhörnchen. Auf der Suche nach dem anderen sprang es von Ast zu Ast von Baum zu Baum. Das erste aber saß versteckt hinterm Stamm, um in Ruhe knabbern zu können. Einige Stunden nach dieser Fressorgie begann es zu schneien. Jetzt verstand ich die Aufregung. Ich weiß nicht, wie es geht. Aber das Eichhörnchen schien zu wissen, dass seine Vorräte bald von einer Schneedecke begraben sein würden und fraß sich nochmal richtig satt. Gute Idee, es ist mager genug, weil es nämlich ständig von dem anderen, offenbar einem Männchen, gejagt wird. Vor ihm versteckt es sich. Ich wüsste gern,wie in seiner Weltwahrnehmung die Vögel aussehen. Es ließ sich von ihnen nicht stören, aber musste doch eine Ahnung haben, dass sie ihm wegfressen würden, was es in seinem Fresseifer fallen ließ, weshalb es zweimal flugs zu Boden eilte, den Stamm hinab bis zur Baumwurzel, wo es die gefallenen Reste aufklaubte, um wieder hinauf zu seinem Fressplatz zu flitzen. Eichhörnchen bewegen sich üblicherweise stoßweise, doch diesmal war fürs Verharren keine Zeit. Alles wurde in großer Eile erledigt.

Schneebedeckt – Foto: JvdL

Wenig später drangen von draußen fröhliche Kinderrufe an mein Ohr. Ich schaute hinaus, und alles war weiß. Da dachte ich, dass die weiße Pracht im Tierreich vermutlich wenig Freude hervorruft. Viele Lebewesen geraten jetzt in Not. Auch unsere Vorfahren haben das Bedrohliche des Winters mal gespürt, haben in ihren Hütten gehockt und geahnt, als es zu schneien begann, dass die Natur lebensfeindlich geworden war. Wohl dem, der genug Vorräte angelegt hatte. Doch weil nicht bekannt war, wann der Winter enden würde, wurde die Raffgier zur wichtigen Überlebensstrategie. Heutzutage dreht diese eiszeitliche Prägung leer, ist zwar kulturell überformt, doch noch in uns, so dass sie bei Gelegenheit wieder aufbrechen kann.

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Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Diesen Strip von mir aus grauer Vorzeit, der mal Saturday Night Fever hieß, habe ich letztens wiedergefunden. Ich nahm mir vor, dazu eine Textcollage zu verfassen über den Kontrast, in der warmen Stube zu sitzen und unterwegs sein bei Eiskälte, und die Einzelbilder des Strips als Vignetten zu nutzen. Frostknackende Kälte vermissen wir derzeit noch, aber ich  wollte die Collage nicht länger zurückhalten.

mensch-im-mantel1„Hyggelig“ ist das dänische Wort für Gemütlichkeit. Die Entsprechung im Deutschen wäre „heimelig“, aber anders als heimelig ist hyggelig ein nationales Stereotyp der Dänen. Man möchte die Nordleute fast beneiden, denn hyggelig lebt vom Kontrast zwischen warmen Stuben und einer ungestüm kalten Natur. Man muss sich beeilen, die Tagesgeschäfte zu erledigen, denn derzeit geht die Sonne noch früh unter. Wenn die Dämmerung aufzieht, mache ich es mir hyggelig, hülle mich in eine bequeme Hose, schlüpfe in eine flauschige Hausjacke, entzünde freundliche Lichter, schaue an den Heizkörper gelehnt schaudernd aus dem Fenster und freue mich am Kontrast zwischen drinnen und draußen. Zwischen den beiden Umständen steht grammatisch nur die Konjunktion „und“ und physikalisch eine Fensterscheibe aus Isolierglas. Unsere germanischen Vorfahren nannten das Fenster „Windauge“, was noch weiterlebt im engl. „Window“. Das Fenster war also die erste Erweiterung des menschlichen Auges. Doch wenn der Wind kalt wurde, kam Zug auf das Auge und es musste verhängt und durch Läden verschlossen werden. Die Sitte, den eisigen Wind mit transparentem Glas fernzuhalten, kannten schon die Römer, kam aber nördlich der Alpen erst im Mittelalter auf. Weiterlesen