Einfach mal vor die Tür

Bei den besseren Häusern an der Wittekindstraße nahe dem Lichtenbergplatz sind in einem Karton wieder Bücher ausgesetzt. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick hinein, lese auf dem Buchrücken eines weinroten Leineneinbands Jan Graf Potocki und weiß sofort, was es ist: „Die Handschrift von Saragossa.“ Dieses Meisterwerk der Phantastik mit seiner komplexen Erzählstruktur von Rahmenhandlung und unzähligen in einander verschachtelten Binnenerzählungen habe ich Ende der 1970-er Jahre als hübsche zweibändige Insel-Taschenbuchausgabe gekauft und gelesen.

Aber das hier ist ein echtes Ostergeschenk. Ich frage mich, wer ein solches Buch vor die Tür setzt. Das würde ich nicht mal mit Herders sprachphilosophischen Schriften tun. Das Buch hatte ich mir zu Hause gegriffen, um im Park etwas lesen zu können. Nun muss ich beide Bücher tragen. Auch Herders Schriften sind mir quasi in die Hände gefallen. Ursprünglich gehörte das Buch der Aachener Stadtbibliothek. Die hatte eine Zweigstelle in meiner Schule. Ein städtischer Bibliothekar hatte es ausgemustert. Ich dachte: „Mal sehen, was Herder mir zu sagen hat“ und nahm es an mich. Leider macht mir Herder immer schon mit den ersten Sätzen Verdruss, weshalb mein guter Wille erneut versandet. Ich kanns nicht lesen! Vermutlich liegt es an der großartigen Geste, mit der Männer wie er zu schreiben beginnen, an dieser selbstverliebten Geschwätzigkeit, die einem auch aus Goethes Farbenlehre entgegenschlägt. Ich liebe die Bescheidenheit großer Geister, glaube auch fest, dass nur diese Eigenschaft rechtfertigt, von einem großen Geist zu sprechen. Weise sind nicht eitel. Weiterlesen

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Unter der Frühlingssonne müde

Auf dem Nachhauseweg nach Mittagessen und Einkauf biege ich ab in den Von-Alten-Garten, wo die Sonnenhungrigen schon auf der Wiese liegen. Ich fahre den kleinen seitlichen Weg hoch auf die lange breite Terrasse, um mich auf eine der Bänke zu setzen. Die plötzliche Wärme erschöpft mich. Ah, – ich bin schon ganz platt. Von zwei Seiten, von den nahen Kindergärten höre ich Kindergeschrei. Es ist zu allen Zeiten an allen Orten gleich, zumindest in unserem Kulturkreis. Egal, welches Paar sich vor Jahren gefunden und ein Kind gezeugt hat, egal wie sie heißen, Christine, Sandra, Tanja, Michael, Stefan, Markus, Thomas, Matthias oder deren Kinder Lisa, Julia, Sarah, Laura, Jennifer, Nadine, Daniel, Christian, Patrick, Tobias, Sebastian oder deren Kinder Sophia, Marie, Mia, Emma, Hannah, Alexander, Paul, Luca, Ben, Louis, Leon – alle schrien oder schreien immer den gleichen Klangteppich. Menschengeräusch.

Als Kind habe ich mich vor Kindergeschrei gefürchtet. Wenn wir im heißen Sommer über die Felder zum Freibad nach Grevenbroich radelten, war alles gut, bis wir in die Nähe des Freibads kamen, über dem schon diese Wolke aus Kindergeschrei hing und mir den Himmel verdüsterte. Mehr noch, es drückte das Herz mir ab und am liebsten wäre ich umgekehrt, zurück zwischen die flimmernden Felder über denen nur die Feldlerche ihr eintöniges Lied sang.

Einmal war ich mit Lisette in Hamburg. Wir bestiegen eine dieser flachen Barkassen für eine Hafenrundfahrt. Anfangs waren wir fast alleine, doch kurz vor dem Ablegen stieg eine Schar lärmender Kinder zu. Lisette sah mein Unbehagen und sagte mitfühlend: „Du Armer!“ Ich erinnere mich noch, weil ich mich über ihre Wahrnehmung wunderte, denn ich hatte kein Wort des Missvergnügens gesagt.

Über den Weg quer zur Terrasse kommt ein Paar. Der fette junge Mann ist bis in die äußersten Festwülste hinein ganz eins mit sich und seiner Leibesfülle, die kaum gebändigt unter einem zu engen T-Shirt schwabbelt. Er lügt ihr vor, dass er die Limonadenflasche mitführen muss, um immer wieder einen Schluck zu nehmen, ganz wie der Zentralverband der Zuckerindustrie empfohlen hat. Das habe ich, scheints, erfunden. In Wahrheit deutet er zu der wirklich umfangreichen Buche hin, einem Naturdenkmal, und erklärt was von dick zu dick.

Links von mir spannt sich von einem Bodenanker aus ein Drahtseil in die Krone der Buche, wo es sich verliert. Das Seil ist übermannshoch rot-weiß ummantelt, damit sich keiner daran versehentlich den Hals abschneidet. Einer meiner Schüler kam eines Tages mit einem roten Striemen quer über den Hals daher. Er war mit dem Moped über die Felder gebraust und hatte einen Draht übersehen, der quer über den Weg gespannt war. Zum Glück war der junge Mann Ringer und rang für den TUS Walheim in der Bundesliga. Seine starken Halsmuskeln hatten seine Enthauptung verhindert.

Geschwächt komme ich zu Hause an und verschlafe den halben Flèche Wallonne, obwohl ich mich darauf gefreut hatte, dieses Radrennen über meine alten Trainingsstrecken zu sehen. Anfangs war die Tonleitung zu den flämischen Kommentatoren gut 15 Minuten unterbrochen. Da war wohl einer gegen ein Kabel gelaufen. Und die Techniker des übertragenden wallonischen RTBF machten gerade Mittagspause. Jedenfalls dachte ich, das zeigt sich wieder der typische wallonische Schlendrian, das würde den Flamen vom VRT nicht passieren.