Junggesellenabschied auf Pangea

Seit zwei wichtige Gründungsmitglieder des Hannover Cünstler Kollektivs (HaCK) aus Hannover weggezogen sind, versammelt sich das HaCK nur noch selten. Ich habe mich zum Ausgleich einer Autorengruppe angeschlossen, die sich 14-tägig trifft. Vor Tagen erreichte mich die Nachricht, dass es einen Junggesellenabschied zu feiern gebe. Konrad Fischer, einer der Weggegangenen, werde heiraten. Ob ich Ideen hätte, den Abend zu gestalten, fragte Herr Putzig an. Gerade ich! Freilich kenne ich derlei Veranstaltungen, aber nur aus ethnologischer Sicht:

Meistens samstags ziehen marodierende Haufen von Betrunkenen durch die Städte. Die jungen Männer tragen gleiche T-Shirts mit etwa der Aufschrift: „Wer ist der Depp?“ oder „Selbst ich habe eine abbekommen“ oder „Mach mich für meine Braut zum Affen.“ Der Anführer des Haufens ist entweder halbnackt oder trägt ulkige Frauenkleidung. Die weiblichen Haufen folgen einer mit Schleifen- und Girlanden geschmückten jungen Frau. Sie trägt einen Bauchladen mit Dingen, die man nicht haben möchte, und versucht sie „für einen guten Zweck“ zu verkaufen. Das Derbste erlebte ich in den Niederlanden. Da war der Delinquent von seinen Freunden am ganzen Körper rasiert worden und musste, nur mit einem Elefantenrüssel-Slip bekleidet, in ihrem Stammcafé heiße Bitterbollen servieren. Es hat sich um das Brauchtum des Junggesellenabschieds ein ganzer Wirtschaftszweig entwickelt. Die Kommerzialisierung (klick da mal) heizt den Brauch an, weshalb er nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, falls keine Steuern darauf erhoben werden oder eine EU-Verordnung ihn verbietet, weil alle die Lampen an haben.

Mein ethnologisches Wissen war nicht gefragt. Konrad wollte sicher kein albernes Brimborium. Wir trafen uns vor einem griechischen Restaurant, das Herr Putzig ausgewählt hatte, weil Konrad gerne Steaks isst. „Da gibt’s auch vegetarisch“, hatte Herr Putzig mir mitgeteilt, aber ich weiß längst, dass griechische Restaurants sich trotzig gegen den Zeitgeist anstemmen und fast nur Fleischgerichte anbieten, weshalb sie zu Reservaten verkommen, in denen der Stamm der Carnivoren unter sich bleiben kann, um lustvoll Körperteile vom toten Tier zu zersäbeln. Ich fühlte mich in die Vegetarier-Diaspora der frühen 1980-er Jahre versetzt. Aber das Bier war gut.

Draußen dann die erste Fragerunde für Konrad. Herr Putzig hatte zuvor Fragen eingesammelt und vorzügliche „Pangea-Karten“ damit gestaltet (im Bild). Irgendwann in den Anfängen von HaCK, als wir uns noch im Vogelfrei trafen, hatte Konrad uns verblüfft, weil er vom Urkontinent Pangea berichtete, als wäre er persönlich dort herumgelaufen. Überhaupt ist seine Fähigkeit legendär, abstruse Theorien zu entwickeln, die ihm so schnell keiner widerlegen kann. „Pangea“ ist daher zum geflügelten Wort geworden, mit dem wir uns erwehren, wenn die Fabulierlust mal wieder durchgeht mit Konrad.


Auf den Karten waren geschlossene und offene Fragen. Die geschlossenen sollte er wissend beantworten, bei den offenen sich durch forsche Behauptungen helfen. Versagte er, musste er einen Schnaps trinken, bei Erfolg trank einer von uns. Wir stromerten durch die laue Herbstnacht und machten fürs Fragen-Trinkspiel Station an Kiosken. Es gibt davon erstaunlich viele auf Pangea. In Ermangelung einer Stammkneipe, das Leinau hat ja den Besitzer gewechselt, versammelten wir uns später bei Herrn Putzig. Inzwischen war unsere Gruppe auf zehn angewachsen und eindeutig zu groß, denn solche Gruppen zerfasern, so dass Zweiergespäche geführt werden. Ich verabschiedete ich mich gegen Mitternacht, umarmte Konrad noch und kam gut nach Hause, begleitet von Jan, dem jüngsten Freund der Runde.

Zum guten Schluss eine Anekdote:

    Einmal war ein holländischer Mann nach seinem Junggesellenabschied so betrunken, dass er ins Koma fiel. Einer seiner Freunde, ein Arzt, legte ihm aus Jux einen Gipsverband ums Bein. Am nächsten Morgen erzählten Sie ihm, er habe sich im Suff das Bein gebrochen. Der Mann ist mit seinem Gipsbein in die Flitterwochen geflogen. Die Freunde hatten sich vorgenommen, hinterher zu fliegen und ihm den Gipsverband wieder abzunehmen. Doch der Mann hatte ihnen aus Angst vor derben Streichen ein falsches Reiseziel genannt. So verbrachte er die Flitterwochen mit einem Gipsbein.

Weh! Unser gutes Vogelfrei hat zu!

Unsere Stammkneipe, das Vogelfrei, ist seit Wochen geschlossen. Zuerst hing ein Urlaubsschild da, dann wurde der Termin der Wiedereröffnung hinausgeschoben, und jetzt hört man, dass ein anderer Pächter das Vogelfrei übernehmen wolle. Derzeit trifft sich das Hannover Cünstler Kollektiv ( HaCK ) notgedrungen im Glüxkind, das leider auch schon nicht mehr so heißt, sondern Leinau 3. Über fünf Jahre haben wir uns im Vogelfrei getroffen, waren vertraut mit den Wirten, besonders mit der liebenswürdigen Janine, die unsere Präferenzen kannte und mir immer ein Bier zu wenig berechnet hat.
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Ich bins – nicht

Einmal saß ich in der Aachener Pontstraße vor dem Café Egmond und trank einen Milchkaffee. Ich hatte die Süddeutsche (SZ) lesen wollen, die im Café ausliegt. Die las einer am Nebentisch. Als ich hoch schaute, sah ich gegenüber im Fenster des T-Mobile-Ladens ein Spiegelbild, dachte mehrmals: „Oh, das bin ich!“ und erschrak, dass mein Spiegelbild den Arm nicht hob, wenn ich die Tasse zum Mund führte. Weil ich wusste, dass nicht ich, sondern er in die SZ guckte, sank ich erleichtert in den Korbsessel zurück, und dankte Gott, dass mein Spiegelbild mir nicht die Gefolgschaft verweigerte wie ein junger Hund.

Es ist wahrnehmungspsychologisch keine neue Erkenntnis, dass der Mensch Wahrnehmungen in Mustern abspeichert. Aber wie schwer sich Informationen wieder aus diesen Kontexten herauslösen lassen, habe ich jüngst beim Einkauf erlebt. (Wir sind übrigens wieder in Hannover.) Vor mir am Kassenband packte eine junge Frau einen großen Einkauf aufs Band, wobei ich sie beobachtete, denn ich wartete auf Platz, meinen schweren Einkaufskorb abzustellen und auszupacken. Als sie bezahlte, kam sie mir bekannt vor. Aber erst als sie mich nach dem Einpacken ihrer Sachen ansah und grüßte, war ich sicher, Janine, die Pächterin aus dem Vogelfrei, vor mir zu haben. Sie sah ganz anders aus als im Kontext mit der Stammkneipe der HaCK-Gruppe, viel schlanker, fast zerbrechlich.

Jetzt denke ich mir, dass es umgekehrt auch so sein muss, dass die Leute mich auch im Rahmen von Kontexten wahrnehmen, und jedes Mal sehe ich anders aus, nämlich so, wie diese Leute mich kennen, ich selbst mich aber gar nicht kennen kann. Da sag ich mal prophylaktisch: Egal, was ihr für Phantombilder zu kennen glaubt, das bin ich nicht! Ist schon schwer genug, die eigene Identität zu wahren. Siehe oben …

Vorsorgliche Bemerkungen über nichts

An manchen Tagen kann ich nicht gut schreiben. Gestern war wieder so ein Tag. Es geht los damit, dass ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche. Das ist nicht zum Schmunzeln. Dieser Text hier soll überhaupt nicht erheitern. Ich sehe noch Herrn Leisetöne gestern im Vogelfrei, wie er schmunzelnd sein Notizbuch aufschlägt und diese meine Klage hier notiert. „So ein Mist“, habe ich gedacht. „Jetzt finde ich mein Problem demnächst in Leisetönes Blog wieder, zu aller Leute Heiterkeit.“ Oder er schreibt wieder irgendwas Schreckliches über den Geistesblitz und gibt mir die Schuld, weil ich gesagt habe, er dürfe nicht über eine spekulative Idee schreiben, die ich vertrauenselig am Biertisch geäußert hatte.

Leisetöne kann natürlich schreiben, was er will. Darum muss ich ihm zuvor kommen, um wenigstens die Deutungshoheit mir zu sichern. Sorry, der letzte Satz zeigt eine Restsymptomatik meiner Probleme von gestern. Eigentlich gehört das arme Wörtchen „mir“ nämlich nicht hinter das erdrückende Substantiv „Deutungshoheit“, wo es steht, als würde ich noch kurz vor Satzende eine verhunzte Pirouette drehen. Eigentlich stand „mir“ hinter „Um“. Aber weil ich irgendwann letztens behauptet habe, es wäre ein Stilfehler, wenn Wörter mit dem Buchstaben anlauten, mit dem das vorangehende auslautet, also „um mir“ nicht gelten lassen wollte, aber zu faul oder zu eilig war, mir eine bessere Wendung zu überlegen, steht „mir“ jetzt verlegen hinter „Deutungshoheit“ rum und dreht die Kappe in der Hand wie ein Bauer, der seinen Grundherrn um Erlass des Zehnten bitten will, weil die Ernte verregnet ist.

Um das Nicht-gelten-lassen-können geht es nämlich. Wenn ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche, durchstoße ich mit dem letzten Löschakt die dünne Membran, die meine Wirklichkeit umgibt. Niemand soll leichtfertig glauben, dass einfach zu schreiben wäre, wo Wort Nummer fünf sich ausgelöscht befindet. Ein gelöschtes Wort, das es gar nicht gab. Ich bitte dich. Wenn du ein Wort auslöschst, das es gar nicht gibt, ja, was glaubst du da zu tun? Wo glaubst du befindest du dich?

Schreiben findet in der 3. Dimension statt. Ein Text auf dem Bildschirm ist zweidimensional, wenn ich nur einen Punkt schreibe, also . befinden wir uns in der ersten Dimension, aber wo Wörter gelöscht werden, die gar nicht da waren, ist null Dimension oder schlimmer noch -1. Dimension. Ein Mathematiker könnte vielleicht damit umgehen. Die Kerle rechnen sogar mit negativen Zahlen, aber ich kann an einem solchen Ort nicht stehen, geschweige denn vernünftig schreiben. Es ist da nicht nur kein fester Untergrund, da ist Chaos. Da schwirren Gedanken herum, schießen quasi durch die Gegend wie ein Haufen Schwalben auf der Jagd nach fetten Mücken, wobei sie sich vor lauter Gier gegenseitig in die Quere kommen, so dass kaum eine Schwalbe je was fängt. Aber eigentlich ist da gar nichts, und ich bin hin- und hergerissen.

Exponat der Ausstellung F. W. Bernstein zum 75. Geburtstag – Foto: Trithemius

An meinem Text über den Strategischen Bahndamm kann jeder ablesen, dass ich meine Kindheit in einer reizarmen Gegend verbracht habe. Da war ich gezwungen, auch Kleinigkeiten zu beachten, um genug Nahrung für meine angeborene Neugier zu finden. Folglich ist ein Zuviel an Dingen schädlich für mein Denken. Am besten kann nämlich einer wie ich über gar nichts schreiben. Beziehungsweise über das winzige bisschen zwischen gar nichts und nichts. Entsprechend besteht mein Beitrag zum wunderbaren Wikipedia darin, dass ich ein bisschen über nichts geschrieben habe, nämlich über die Abwesenheit von Information, den Wortzwischenraum, genauer das Leerzeichen.

Weil in meinem Kopf so ein Durcheinander von sich gegenseitig behindernden Gedanken war, konnte ich gestern kaum ordentlich kommentieren. Wer einen einigermaßen vernünftig erscheinenden Kommentar von mir bekam, sollte bedenken, dass ich ewig lang daran herumgeschnitzt habe und am Schluss dachte, naja, ein krummer Stock wird auch nicht gerade, wenn ich Muster in seine Rinde schneide. Und genauso erging es mir, als ich versuchte, einen eigenen Text zu schreiben.

Mein gestriger Text hat es nur mit Müh und Not durch die strengen Teestübchen-Qualitätskriterien geschafft, der krumme Hund. Wenn überhaupt hätte er enden müssen bei dem Wort „hässlich.“ Die Sache war ausgereizt. Und nur weil ich dachte, die Leute sollen nicht mit dem Wort „hässlich“ im Gepäck nach Hause gehen, derweil ich gesellig im Vogelfrei sitze, habe ich noch einen Schluss drangewurschtelt, in dem ein neuer Aspekt aufgeworfen wurde. Ursprünglich hatte da noch was ganz anderes gestanden, aber das will ich jetzt nicht ausführen, sonst lösche ich alles wieder. Und ein Wort mehr. Jedenfalls kann Leisetöne jetzt schreiben, was er will, denn die Deutungshoheit über mein Schreibproblem habe jetzt ich, mein junger Freund.

Abendbummel online – Unglaubwürdiger Regen

Wir haben unser Mittwochstreffen im Vogelfrei auf den heutigen Dienstag verlegt. Alles kommt durcheinander. Letzte Woche trafen wir uns auch nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag. Zum Glück. Denn sonst hätte ich heute kein Thema. Als ich nämlich kurz nach zwanzig Uhr durch die hübsche Viktoriastraße ging, die mit ihren Ein- und Zweifamilienhäusern so gar nicht großstädtisch wirkt und in deren Fenster ich gern hineinschaue, hörte ich von einem Hof Stimmen. Zwei junge Männer schoben ihre Fahrräder um die Hausecke auf die Straße. Ich verstand folgenden Dialog:

„Jetzt fängt es auch noch an zu pissen!“
„Aber es ist total warm.“
„Es fängt trotzdem an zu pissen.“
„Das haben die auch angesagt.“
„Auf das, was die ansagen, höre ich schon lange nicht mehr.“

Ja, so ändern sich die Zeiten. Früher haben die Leute sogar den Wettervorhersagen des 100-jährigen Kalenders vertraut und jetzt gibt’s noch kein Vertrauen, wenn sich eine Vorhersage sogar als wahr erweist. Woran das liegen mag? Vielleicht wurde kein Pissen angesagt, und jetzt kommt der missmutige junge Mann vor die Tür, und siehe da. Es pisst. Der andere behauptet, das hätten die angesagt, aber das kann überhaupt nicht stimmen. Die sagen nie, dass es Pissen werde. Obwohl, was da herunterkam, eigentlich zu warm für diese Jahreszeit war, quasi Körpertemperatur hatte. Leider war es schon zappenduster, so dass eine visuelle Prüfung des Wetterphänomens unmöglich war. Aber wenn du mich fragst, fielen da einfach einige Regentropfen. Ich wurde quasi beregnet, als ich an den beiden vorbei ging und schon bald geschützt im Vogelfrei saß, der unwillige Radfahrer dagegen wurde beim Radfahren so richtig von oben bis unten bepisst. Sein Pech, beziehungsweise die gerechte Strafe für Vulgärsprache. Wer so hässlich über die Welt spricht, dessen Welt ist auch hässlich.
Ich weiß allerdings auch nichts Genaues über die chemische Zusammensetzung des Regenwassers. Doch niemand redet mehr vom sauren Regen, der früher unsere Wälder sterben ließ. Das war aber bevor die Autoindustrie ihre kreativen Abgasfilter erfunden hat. Darum ist alles bestens, und unser Regen ist so sauber wie die Luft hinter einem VW.

Mit dem Eszett am Biertisch

Gestern mit Herrn Putzig und Herrn Leisetöne in unserer Stammkneipe Vogelfrei, wo wir uns einmal in der Woche treffen. Wir kamen auf das Eszett zu sprechen, denn ich sagte, dass mich die Aufschrift auf einem T-Shirt irritiert, das die Angestellten bei Lidl manchmal tragen: „Frische wird bei uns GROSS geschrieben.“

Die Idee dahinter verstehe ich schon. Das Adjektiv groß mit Großbuchstaben zu schreiben ist eine Form der Mehrfachkodierung als würde man das Farbadjektiv grün mit grüner Farbe schreiben. Weil das Eszett aber ein Kleinbuchstabe ist, behilft man sich mit einem Doppel-s. Das ist kein Orthographiefehler, aber ein Verstoß gegen die Lauttreue, denn nach einem langen Vokal schreiben wir seit der Orthographiereform nicht Doppel-s, sondern ß. Jetzt lese ich die Schreibweise GROSS mit kurzem Vokal wie KROSS.

Warum gibt es eigentlich kein großes Eszett? In jungen Jahren ist das Eszett ein Doppel-s gewesen. In der damals verwendeten Frakturschrift, aber auch in der Antiqua, gibt es zwei verschiedene Formen des kleinen S ein langes S (es sieht fast wie ein kleines F aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugraphischen Gründen, weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Heraus kam die Ligatur ß, auch scharfes S oder Rucksack-S genannt.

Ligaturen sind zwei Buchstaben, die in der Bleizeit zusammen auf einen Kegel gegossen waren, weil sie in der Orthographie häufig zusammen auftreten. Ligaturen wie ß, ch oder ck erleichterten das Setzen mit der Hand, sie sparen einen Griff ein.

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