Plausch mit Frau Nettesheim – über einen vergessenen Geburtstag

Frau Nettesheim
Wie kann es sein, dass Sie einen so wichtigen Geburtstag vergessen, Trithemius?

Trithemius
Weiß ich doch auch nicht. Ich bin untröstlich. Aber wissen Sie, was ich besonders blöd finde?

Frau Nettesheim
Sie werden es mir sagen müssen. So gut bin ich auch nicht in Ihrem Kopf zu Hause.

Trithemius
Dass mir der vergessene Geburtstag mit neun Tagen Verspätung einfällt, unter höchst seltsamen Umständen. Ich werde wach um 4:30 Uhr, habe von der Fußballnationalmannschaft geträumt, die aus lauter Überheblichkeit ein Fußballspiel verliert, und wie ich mich noch über mein nächtliches Dasein als Fußballfan wundere, fällt mir siedend heiß der Geburtstag ein.

Frau Nettesheim
Schon kurios, dass es erst nach neun Tagen bei Ihnen siedet.

Trithemius
Ich wusste doch überhaupt nicht, welches Datum wir haben.

Frau Nettesheim
Sie haben drei Kalender an der Wand, Smartphone, Tablet und Computer zeigen Ihnen Datum und Uhrzeit an, und da kennen Sie das aktuelle Datum nicht?

Trithemius
Ich muss es doch nicht mehr wissen, Frau Nettesheim. Niemand fragt mich danach. Nicht mal ein verirrter Zeitreisender, der mir zufällig über den Weg läuft. Stellen Sie sich einen rasch dahin strömenden Gebirgsbach vor. Früher befand ich mich in der Flussmitte und wurde von der Strömung mitgerissen, und jedes mal wenn ich mit dem Kopf an einen Stein schlug, wurde ich mir der Zeitläufte bewusst. Mit meiner Pensionierung wurde ich zum Ufer abgetrieben und landete in einer kleinen Bucht. Dort ist die Strömung gering und gefangen, kann das Wasser nur langsam kreisen lassen, immer schön rund in der Bucht. Und da dümpele ich rum.

Frau Nettesheim
Vergeht die Zeit für Sie langsamer oder kommen Sie nicht mehr hinterher?

Trithemius
Beides und alles durcheinander. Letztens habe ich meine Putzhilfe angerufen und um die Verschiebung des Putztermins gebeten, weil ich dachte, an diesem Tag einen Termin zu haben, was sich aber als falsch erwies. Der Termin war schon in der Woche zuvor gewesen. Offenbar will irgendwas in mir das Voranschreiten der Zeit ignorieren.

Frau Nettesheim
Aber was hindert Sie daran, sich ab und zu des Datums zu versichern? Sie haben es doch ständig vor Augen. Da rechts unten auf dem Bildschirm steht es:

Trithemius
Sinnentleerung von Schrift, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie meinen?

Trithemius
Täglich sehen wir Texte, die keine Information bereithalten. Wenn ich das Fenster der Internetverbindung aufklappe, steht da Flugzeugmodus. Ich fliege nicht, also muss ich die Botschaft ignorieren. Kein Wunder, wenn ich auch die Datumsangabe ignoriere. Im Teestübchen-Header steht noch immer „Mai 2018“, was offenbar auch niemandem störend aufgefallen ist.

Frau Nettesheim
Es ist trotzdem die altbekannte redaktionelle Schlamperei!

Trithemius
Ja, aber ich kann nichts dafür. In meiner stillen Bucht ist noch Mai.

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Vergesslich

kategorie surrealer-AlltagMein lieber Herr Gesangsverein, bin ich manchmal in Gedanken! Ich stehe in der Bäckerei an der Ladentheke, kaufe mir Brötchen, bezahle und will hinaus, da ruft die Verkäuferin: „Ihr Wechselgeeeld!“
Es gab eine Zeit, da passierte mir derlei immer wieder. Eigentlich hätte ich damals eine Armbinde gebraucht, wie die Blinden eine haben. Doch statt der drei Punkte hätten drei Sätze darauf stehen müssen:

1. Bitte erinnern Sie mich an mein Wechselgeld!
2. Sagen Sie mir auch, was ich hier will!
3. Und was und wer bin ich?

Die Bäckerin läse meine Armbinde und würde sagen: „Bittschön, Herr Trithemius, Ihre Brötchen und Ihr Wechselgeld!“ Das wäre in jedem Fall ein schöner Satz. Schade, dass man heutzutage dafür eine Armbinde tragen müsste. Da stehen ja auch keine wohlgerundeten Bäckerinnen mehr hinter der Theke, sondern schmale Bäckereifachverkäuferinnen. Aber eigentlich will man ja Brot und und nicht gleich ein ganzes Bäckereifach kaufen, weshalb die Bäckereifachverkäuferin oft schon durch eine ausgemergelte 400-Euro-Hilfskraft vertreten wird, die manchmal vor der Tür steht und hastig raucht.

Gestern hatte ich mal wieder meine Gedanken nicht bei mir. Ich stand im Supermarkt in der Schlange und dachte mir den Text hier aus. Da schubste mir von hinten eine kleine alte Frau ihren Einkaufswagen in die Beine, eine kleine, hastige Frau, die nicht warten konnte. Ich sagte nichts, denn ich war an der Reihe. Zahlte dann in Ruhe meine Sachen, sagte Tschüss und wollte gehen. Da rief die Kassiererin: „Hallo, Ihre Sachen, die Sie bezahlt haben!“

Mist. Und die kleine hastige Frau lachte hämisch: „Hehehe!“

Vorsicht! Ganz dünnes Eis!“, dachte ich, „denn in meinem Text kann ich mich grausam rächen.“ Zu ihrem Glück hatte ich das draußen schon wieder vergessen.