Bückling vor dem Formular (2) – Costers Pechsträne

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte Coster, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen. Ich folgte Coster in ein Café, das ich freiwillig nie betreten hätte. Das Publikum seltsam gemischt, reiche Tanten, die ihre Klatschsucht und ihren Kuchenhunger stillen und Leute, die vom Schicksal nicht begünstigt sind, die unter normalen Bedingungen ihr weniges Geld zusammenhalten. Und dann haben sie sich fast grundlos in die Stadt begeben, wo ihr Herz zu bluten begann, weil sie nicht kaufen konnten, was die glitzernden Läden anbieten. Jetzt auch noch in einen kalten Nieselregen zu geraten, zu frieren und trotzdem dem Gebot der Einschränkung zu gehorchen, das ist einfach zuviel! Solche Leute, auf der Flucht vor ihrem Leben, die kannst du hier sehen, wie sie über einem Kaffee und einem Stück Torte hocken und sich den Anschein von Wohlanständigkeit geben. Ihre Armseligkeit ist so offensichtlich, dass die Kellnerinnen ihnen den Respekt verweigern und sie maulig bedienen, obwohl man die besten Sachen hervorgeholt hat, um sich stadtfein zu machen.

Coster ignorierte die Kuchentheke und strebte der Treppe zu, die sich hinaufschwingt zur ersten Etage. Und wie wir die Stufen aus falschem Marmor nahmen, stolperte er und suchte krampfhaft Halt am Geländer aus Falschgold. Er fluchte nicht, wie es sonst seine Art war, sondern schien sich still zu ergeben. Und als wir an einem Tisch in der Nische Platz nahmen, da rammte er sich die Ecke der Tischkante in den Oberschenkel. Auch darüber verlor er kein Wort, sondern zwängte sich seufzend auf die Bank an der Rückwand.

„Was machen wir hier“, fragte ich und setzte mich auf den einzelnen Stuhl gegenüber.
„Es lag gerade auf dem Weg, und außerdem …“, Coster schaute sich um und zur Decke hinauf, wodurch sein Gesicht in den Schein eines runden Deckenstrahlers geriet und geisterhaft aufleuchtete, „außerdem – das hier gehörte nicht immer zum Café. Hier waren einst Wohnungen, und ich kannte eine Frau, deren Bett genau hier gestanden hat.“
Für einen Moment sah es aus, als wollte er sich auf der Sitzbank langmachen und in Erinnerungen eintauchen.
„Ich hoffe, das Bett war breiter als die Bank und man stieß sich nicht an Tischecken, wenn man hineinwollte“, sagte ich. Coster beugte sich vor und raunte: „Das ist es, worüber ich mit dir reden wollte, und wären wir woanders hingegangen, so säße ich auch nicht sicherer. Denn seit einigen Tagen ereilen mich die Missgeschicke. Man könnte auch sagen, ich bin vom Pech verfolgt.

Eben erst“, fuhr Coster fort, „ist mir die Kamera hingefallen, als ich aus dem Küchenfenster hinaus einen Baum filmen wollte. Ich hatte die Rändelschraube des Stativs zu weit hochgedreht, so dass die Schraube nicht richtig in die Windung eintauchen konnte. Da kippte mir die Kamera nach vorn und … ich habe nicht einmal versucht, sie zu fangen, es wäre ohnehin vergeblich gewesen. Jetzt ist das Objektiv verbogen. Da hörte ich einen Knall aus dem Bad, und als ich nachsah, lagen allerlei Utensilien auf den Fliesen, die ich in einem Plastikkorb aufbewahre, der mit zwei Saugnäpfen an den Kacheln haftet. Einer der Saugnäpfe hatte sich gelöst, und jetzt hing der Korb albern nach unten, als hätte er die Lust verloren, etwas aufzubewahren, was mir gehört.“

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.

Fortsetzung – Bückling vor dem Formular 3 – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

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