Bilder einer Ehe und mehr

Gewiss haben viele über die Hitze des Sommers 2019 geschrieben. Den bündigsten Kommentar habe ich beim Kollegen Manfred Voita gelesen. Er schlägt vor, den Sommer „SÖmmer“ zu nennen – wegen der Schweißperlen auf dem Kopf.
Die bildhafte Verfremdung von Buchstabenformen ist ein beliebtes Sprachspiel. Wir kennen bildhafte Buchstaben schon aus dem Barock, beispielsweise ein Menschenalphabet, mit dem sich sogar trefflich schreiben lässt:

Figurenalphabet 17. Jahrhundert – Grafik: JvdL


Eindringlicher ist die bildhafte Veränderung von Einzelbuchstaben. Das weltweit bekannte und von vielen Städten adaptierte Kussmund-O hat im Jahr 1971 die Grafik-Designerin und Kunstprofessorin Doris Casse-Schlüter für die Stadt Bonn erfunden. Ich besitze das Logo noch auf einem Zuckereinwickelpapier aus dem Jahr 1989. Was der Kussmund hier ausdrückt, die Liebe zu einer Stadt, kann ein simples O natürlich nicht leisten.

Manfred Voita erinnert in seinem Post an Ferdinand de Saussure, den Ahnvater der modernen Linguistik und dessen Verdikt, dass die Wortgestalt nichts gemeinsam hat mit dem Wortinhalt, sondern dass der Zusammenhang ganz abstrakt ist und auf Vereinbarung beruht. Das Ö in SÖmmer und der Kussmund in „Bonn“ wären für Saussure Beispiele für die Anmaßung der Schrift gegenüber der Sprache. Saussure beklagt die “Tyrannei der Buchstaben”, wenn sich die Form der Schrift bedeutsam in die Sprache einmischt. “Wo ist das Problem?” fragt hingegen der Dekonstruktivist Jacques Derrida in seiner ‘Grammatologie.’ Mit Recht lassen wir uns nicht daran hindern, mit den Buchstabenformen zu spielen:

Mit den Typobildern des US-Grafikdesigners und Schriftgestalters Herb Lubalin lässt sich die ganze Geschichte einer Ehe erzählen, die romantische Vermählung, die innige Schwangerschaft, wo das O in „Mother“ ein &-Zeichen enthält, das wiederum das „Child“ in sich trägt, nachfolgend das Bild einer Familie – und was von der Ehe übrig bleibt, wenn Paare sich entfremdet haben und ein Partner sich abwendet. Die Idee für das Ehe-Bild stammt nicht von Herb Lubalin, sondern von einem unbekannten Erfinder, scheint mir aber eine passende Ergänzung zu sein, weil es oft so kommt.

Weitere Beispiele der sogenannten Mehrfachkodierung (ein Inhalt wird sprachlich abstrakt und gleichzeitig bildhaft vermittelt (nicht von mir erdacht, aber von mir gezeichnet)), wobei „Revolver“ nicht als logische Folge des Ehedebakels gemeint ist:

(Heute im TV gesehen und nachgebaut)

Falls sich jemand durch die Beispiele zu eigenen Erfindungen angeregt fühlt, ich würde mich freuen, sie zu sehen.

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Ich möchte Hintertupfing lesen

Der US-amerikanische SF-Film Soylent Green von 1973 spielt im New York des Jahres 2022, für uns übermorgen. Die Hauptfigur, einen Polizisten, sieht man gelegentlich einen in der Stadt aufgehängten Kasten aufschließen und mit einem sich darin befindlichen Telefonhörer mit seiner Dienststelle telefonieren. Im Jahr 1973 war an Mobilfunk noch nicht zu denken. Das Beispiel habe ich oft vor Augen. Es ist dies Retro-Futurismus, eine Vorstellung von Zukunft, die niemals war.

Es gibt neben dieser filmisch-künstlerischen Umsetzung überkommener Ideen auch Ideen, die sich überholt haben und niemals dargestellt werden. Eine dieser Ideen hege ich seit langem und musste letztens feststellen, dass sie von der technologischen Entwicklung überrollt worden ist. Noch gar nicht in der Welt und schon plattgemacht.

Folgendes: Es geht um die Bahnhofsschilder (auch Stationsschilder), die in Bahnhöfen parallel und entlang der Bahngleise aufgestellt sind. Die Bahn hat sie an den meisten Stationen formal vereinheitlicht in Farbgebung, RAL 5023 Fernblau, und Schrifttype DB Type, für die Bahn entworfen von Erik Spiekermann und Christian Schwartz. Es handelt sich bei der DB Type um eine serifenlose Linearantiqua, in Deutschland auch Grotesk genannt. Ähnliche Schriften werden in ganz Europa auf Hinweisschildern verwendet, waren in Deutschland ursprünglich nach DIN 1451 gestaltet. Es geht, wie man sich denken kann, um Eindeutigkeit, Fernwirkung und gute Lesbarkeit.

Wenn ich Bahn fahre, dann meistens im Fernverkehr, so dass der Zug, in dem ich sitze, nur in größeren Bahnhöfen hält. Während der Zug durch die Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, während manche Reisenden nicht mal hinschauen, bedauere ich die unsoziale Missachtung der Welt da draußen. IC- und ICE-Züge fahren Menschen über die Köpfe der anderen hinweg. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. In den verschmähten Ortschaften ist auch menschliches Leben, wird geliebt, gehasst, sich erfreut oder gelitten, und mich hat schon immer interessiert, wie diese Orte heißen. Da aber die Fernzüge derart schnell an den Stationsschildern vorbeirauschen, ist die Entzifferung kaum möglich, obwohl sie doch aufgestellt sind, um Reisende zu informieren. Denn wer in Hintertupfingen lebt, muss nicht am Bahnhof nachschauen, wie sein Heimatort heißt. Lediglich wer versehentlich dort aussteigt, wäre dann die Zielperson des Stationsschildes und könnte ausrufen: „Was? Ich bin in Hintertupfingen?! Hätte ich nie gedacht! Hintertupfingen! So so!“

Hintertupfingen kann nicht lang genug sein – Grafik/Gifanimation: JvdL


Meine Idee also wäre, aus den Stationsschildern Anamorphosen zu machen, sie so zu strecken, dass man sie auch im Vorbeisausen lesen könnte. Billiger wäre freilich, mindestens ein Schild einige hundert Meter vom Gleis weg aufzustellen. Dann wäre es auch zu lesen. Während ich also erneut darüber nachdachte, meldete mein Smartphone eine einkommende Email. Bei der Gelegenheit rief ich Google maps auf und fand dort die ganze Gegend angezeigt, in der ich mich gerade befand.

Also meine anamorphosischen Stationsschilder sind quasi überflüssig wie die eingangs erwähnten Telefonblechkästen. Aber immerhin ist die Sache jetzt mal dargelegt, als „Produkt“ der Konzept-Art.

Sendschreiben von Gaunern – Sand für die Augen

Weckerchen Holger hat weiß Gott schon Schlimmes erleben müssen.Trotz allem tat es Jahr um Jahr treue Dienste, aber letztens warf ich es aus Unachtsamkeit zu Boden. Da hat Weckerchen Holger sein kleines Leben ausgehaucht. Es ist nicht ganz tot, kann immer noch sein artiges Weckpiepsen von sich geben. Es liegt hinsichtlich Zeitansage noch zweimal täglich richtig, nämlich am amtlichen Todeszeitpunkt, um genau fünf Uhr 35, wo seine Zeiger stehen geblieben sind, aber das zu wissen nutzt niemandem.

Mit Bedauern begrüße ich den Hinscheid von Weckerchen Holger, denn mein Versuch, einen Ersatz zu besorgen, führt mich geradewegs zu einem typografischen Thema, das mir schon lange am Herzen liegt, dessen Behandlung ich aber immer wieder schändlich hinausgeschoben habe. Also: „Bitte vorsorglich blinzeln!“ Es geht um etwas ganz Kleines, nämlich um Augenpulver, über das sich schon der große Philosoph Arthur Schopenhauer ereifert hat.

In der Bleizeit war die kleinste gängige Schriftgröße 6 typografische Punkt, genannt Nonpareille. Sechspunktschrift hieß in der Druckersprache „Augenpulver.“ Sie war Allgemeinen Geschäftsbedingungen vorbehalten, dem sprichwörtlich „Kleingedruckten“, das immer schon wirkte wie Sendschreiben von Gaunern.  Es gab noch kleinere Schriftgrößen, 5 Punkt = Perl, 4 Punkt = Diamant. Um sie überhaupt greifen und setzen zu können, waren Perl und Diamant auf sechs Punkt Kegeln gegossen. Schon Sechspunktschrift war je nach Zeilenbreite bei Schriftsetzern unbeliebt, denn bei der kleinsten Unachtsamkeit drohten Zeilen in sechs Punkt auseinanderzubrechen, und der Setzer hatte einen sogenannten „Eierkuchen“ fabriziert.

Diese materielle Beschränkung ist bei digitalen Schriften aufgehoben. Hinzu kommt, dass die in Computer-Software verwendeten Schriftgrößen dem amerikanischen Pica-Maß entsprechen. Sie heißen irreführend „Punkt“, sind jedoch etwa einen Punkt kleiner als das von den Druckern verwendete deutsch/französische Punktsystem. Bei Computersoftware sind die Größen 5, 6, 7 schon Augenpulver.


Mit der digitalen Textgestaltung hat sich eine Unsitte breitgemacht, nämlich winzigste Schriftgrößen bei Aufdrucken auf Verpackungen und Behältern. Das ist besonders bei Kosmetikartikeln anzutreffen, wie in den Bildbeispielen zu sehen. Der Aufdruck auf dem Speick-Aftershave veranlasste mich, an das Unternehmen zu schreiben, immer im Dienste der Augenhygiene, allerdings zugegeben nicht besonders freundlich und wirkungslos:

Die ausweichende Antwort finde ich leider nicht mehr. Was aber hat der Tod von Weckerchen Holger damit zu tun? Gestern fragte ich in einem Laden nach einem Wecker. Hatten sie nicht. Stattdessen kaufte ich eine Wanduhr. Obwohl auf der Packung Platz genug ist, gefiel es dem Hersteller, seine Hinweise in Augenpulver zu verstecken.

Was ist das? Typografischer Manierismus? Ausdruck von Unvermögen? Missachtung des Kunden oder ein Anschlag auf sein Augenlicht? Der Augenarzt Hermann Cohn sah schon 1903 in seinem Buch „Wie sollen Bücher und Zeitungen gedruckt werden“ einen statistisch belegten Zusammenhang zwischen zunehmender Kurzsichtigkeit bei Schülern und dem schlechten Druck der verwendeten Schulbücher. Neben mangelnder Schwärze des Drucks seien vornehmlich die zu kleinen Buchstaben die Ursache des Übels. Seine Messungen gipfeln in der Erkenntnis, dass aus „augenhygienischer Sicht“ die Schrift nicht kleiner als 10 typographische Punkt (11 pica) sein sollte.

Die Diktion meiner launigen Einleitung könnte den Eindruck erwecken, die Sache wäre kein ernstes Thema. Ist es aber doch, nicht nur aus augenhygienischer Sicht, sondern auch und dramatisch, wenn die zu klein gedruckten Hinweise durch falsche Verwendung zu Gesundheitsschäden führen. Im Beispiel ist das Lesen zusätzlich erschwert durch den geringen Kontrast zwischen Tonfläche Rot und schwarzem Augenulver. Wenn Erdnusallergiker den fett gedruckten Hinweis übersehen, könnte das tödlich enden.

Vorerst kein Gewinn – Der WordPress-Editor Gutenberg

Seit geraumer Zeit wirbt WordPress für den neuen Editor „Gutenberg“ mit den hochtrabenden Worten: „Eine neue, moderne Erfahrung des Veröffentlichens erwartet dich.“ Die Anlehnung an den Buchdruckerfinder Johannes Gutenberg vermittelt die Vorstellung, wir könnten unser Blog layouten wie im Printmedium, was wegen der digitalen Ortlosigkeit von Schrift und Bild nun mal gar nicht geht. Was auf dem eigenen Bildschirm passend ist, sieht auf anderen Monitoren, auf Tablet oder Smartphone völlig anders aus. Selbst was auf dem eigenen Bildschirm einmal gut gestaltet war, kann nachträglich wieder aus den Fugen geraten. Neben die Kategorie-Vignette bei Teestübchen-Beiträgen passen neun oder zehn Zeilen. In der Vergangenheit habe ich öfter zehn Zeilen neben die Grafik platziert. Rufe ich die Seiten eine Weile später nochmals auf, findet sich dort ein sogenanntes Hurenkind, also eine vereinzelte Zeile, die noch zum vorangehenden Absatz gehört.


Ganz verloren ist ein Hurenkind, das nur aus einem Wort besteht wie in Abb. 3. Derlei Erscheinungen hätte Gutenberg nicht zugelassen. Und einmal richtig gesetzt, wäre das Layout immer richtig und nicht mal so oder so wie im dynamischen Zeilenumbruch eines Blogs. Ich lasse mich gern belehren, aber bis mir das Gegenteil bewiesen ist, glaube ich nicht, dass man mit dem Gutenberg-Editor derlei Probleme verhindern kann. Ich habe ihn mir kurz angeschaut. Er befindet sich wohl noch in der Entwicklung und machte bei mir jedenfalls nicht, was er sollte. Ich konnte zwar Text- und Bildelemente beliebig verschieben, aber sie blieben nicht dort, sondern verrutschten immer wieder. Dieser Editor verlangt viel Geduld und Einübung und vorerst kann ich nur davor warnen, ihn zu benutzen. Zum Glück kann man ihn nach dem Ausprobieren wieder deaktivieren.

Über das Begraben der Leichen im Blei

Meine lieben Damen und Herren,
das Wort LEICHE – meint in der bildereichen Druckersprache ein vom Setzer vergessenes Wort im Drucksatz. Das nachträgliche Einfügen der versehentlichen Auslassung heißt: Eine Leiche begraben. Eine Leiche zu begraben konnte im Bleisatz mit der Hand sehr viel Zeit und Mühe kosten, wenn sie nämlich im fortlaufenden Blocksatz vergraben werden musste und der nächste Absatz in weiter Ferne lag. Eine schöne Anekdote über das Begraben einer Leiche steht in Mark Twains Autobiographie.

Twain arbeitet als Schriftsetzer in der Druckerei einer Kleinstadt. Der berühmte Gründer der Campbelliten, Alexander Campbell, aus Kentucky kommt in die Gegend und erteilt der Druckerei den Auftrag, eine seiner Predigten zu drucken. Twain berichtet:

Wir druckten die ersten acht Seiten an einem Donnerstag. Dann setzten wir die restlichen acht, legten sie in die Schließplatte und machten einen Probeabzug. Wales las ihn und stellte mit Schrecken fest, daß ihm eine „Leiche“ unterlaufen war. Es war eine ungünstige Zeit dafür, denn es war Samstag, kurz vor Mittag, und Samstagnachmittag hatten wir frei und wollten zum Angeln gehen. Ausgerechnet jetzt mußte Wales eine „Leiche“ passieren! Er zeigte uns, was geschehen war. Er hatte in einer engzeilig bedruckten Seite mit durchgehendem Text zwei Wörter ausgelassen. Erst zwei oder drei Seiten danach kam ein Absatz. Was um alles in der Welt sollten wir bloß tun? All diese Seiten neu zu umbrechen, um die zwei Wörter einzufügen? Das würde eine Stunde dauern. Dann mußte dem großen Prediger ein Korrekturabzug übersandt werden, wir mußten warten, bis er ihn gelesen hatte, und dann die Fehler korrigieren, die er eventuell entdecken würde. Es sah aus, als ob wir den halben Nachmittag drangeben müßten, bevor wir uns davonmachen konnten.

Da hatte Wales eine seiner blendenden Ideen. In der Zeile, in der er etwas ausgelassen hatte, kam der Name Jesus Christus vor. Wales kürzte ihn nach französischem Muster ab: J. C. Jetzt hatten wir Platz für die ausgelassenen Wörter, aber nun fehlten in einem besonders feierlichen Satz 99 Prozent der Feierlichkeit. Wir ließen den Korrekturabzug wegbringen und warteten. Aber nicht lange. Unter diesen Umständen hatten wir vorgehabt, zum Angeln zu gehen, bevor der Abzug zurückkam, aber wir waren nicht schnell genug. Plötzlich erschien am anderen Ende des fast zwanzig Meter langen Raumes der große Alexander Campbell mit einem Ausdruck im Gesicht, der Düsterkeit verbreitete. Er schritt auf uns zu, und was er sagte, war kurz, aber sehr streng und unmißverståndlich. Er erteilte Wales eine Lehre. Er sagte: „Solange du lebst, vermindere nie mehr den Namen des Erlösersl Schreib‘ ihn immer ausl“ Er wiederholte diese Ermahnung mehrmals, um sie stärker wirken zu lassen. Dann ging er.

Soweit Mark Twain. Die gotteslästerliche Geschichte geht noch weiter, man lese sie ganz in seiner Autobiographie, zugestellt v. Charles Neider, dt. Diogenes 1985 v. Gertrud Baruch. Heute vergraben moderne Textverarbeitungen eine Leiche so schnell, dass man gar nicht sieht, wie es geht. Schwupp ist sie weg. Alles geht so leicht, dass es schon ganz obszön ist. Diese Plastizität digitaler Texte gibt uns die Möglichkeit, unsere Tippfehler, Auslassungen und Rechtschreibfehler spurlos zu beseitigen. Die Kommentarkästen in fremden Blogs, die keine Korrektur erlauben, sind die letzten Reservate für die einst so frechen Druckfehler. Darum soll die kommende Woche im Teestübchen ganz im Zeichen des Fehlers stehen.

Schöhnes Wochenände!

William Morris, Zukunftsvisionen im Rückspiegel

illiam Morris, der britische Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur, Drucker und Begründer der sozialistischen Bewegung in Großbritannien wurde heute vor 184 Jahren, am 24. März 1834, in einem Dorf am Londoner Stadtrand geboren. Dieser erste Satz und das erste Wort stehen da wie sie stehen, weil ich mal aus purer Freude ein W im Stil der Troy-Type gezeichnet habe, die William Morris für seinen berühmten Verlag Kelmscott Press entworfen hat.

Morris gehörte zum Kreis der Präraffaeliten, einer Kunstrichtung, die in England dem Jugendstil vorausging. Morris wollte die mittelalterliche Handwerkskunst wiederbeleben, tischlerte Möbel, entwarf Häuser und Inneneinrichtungen sowie Teppiche und erneuerte die Buchkunst. Mit seinen Vorstellungen von Design setzte Morris praktisch um, was sein Freund, der Sozialphilosoph John Ruskin als Gegenbewegung zur Industrialisierung forderte, nämlich eine Wirtschaftsethik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. In der Buchkunst verfolgte Morris das Ideal der kräftig schwarzen Druckseite und beeinflusste damit den Typografen und Schriftgestalter Stanley Morison (Schöpfer der Times New Roman) und die Kalligrafen Edward Johnston (Schöpfer der Johnston Sans, bekannt von den Beschriftungen der Londoner U-Bahn) und Alfred Fairbank, der im Teestübchen durch seine Erstschrift bekannt ist.

Heute werden handwerkliche Fertigkeiten nicht durch die Industrialisierung, sondern die Digitalisierung verdrängt, was wir von der schreibenden Zunft besonders an der Weise unserer Schriftverwendung ablesen können, indem wir die komplizierte Feinmotorik des Schreibens mit der Hand zunehmend durch den einfachen Tastendruck ersetzen.

Es gilt, dem handschriftlichen Schreiben wieder mehr Raum zu geben, nicht nur der Ästhetik wegen, sondern weil es eine andere Form des Denkens fordert und fördert, indem es uns von sterilen maschinenmäßigen Formen befreit. Dass nämlich kein großer Gegensatz bestehen muss zwischen Kalligrafie und Typografie, zeigt das Beispiel William Morris, dessen Troy Type sich auch gut schreiben lässt, wie in diesem Blatt von meiner Hand zu sehen:

Alphabeträtsel, geschrieben in der Troy Type des William Morris von JvdL

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 1) Antikes Geschrei

Da wir als Bloggerinnen oder Blogger uns der technischen Druckschriften aus dem Printmedium bedienen, sind wir vor jeder Veröffentlichung vor typografische Fragen gestellt, selbst wenn uns die Blog-Software über die vorgefertigten Themes viele Entscheidungen abnimmt. Schriftwahl und Satzbreiten, Block-oder Flattersatz, Zeilenabstände, Textfarbe und mehr sind vorgegeben und nur über Umwege zu verändern. Das nehmen viele Bloggerinnen und Blogger so hin, weil sie typografische Laien sind. Es scheint so, dass auch viele Themes von typografischen Laien programmiert worden sind, was an falscher Schrifttype, zuviel Farbe, viel zu groben Abständen an Absätzen oder bei Bildunterschriften ablesbar ist. Es gibt sicherlich schwerwiegendere Probleme auf der Welt. Tut es da nicht gut, sich einfachen Sachverhalten wie dem schönen Aussehen von Texten zuzuwenden? Aber geht es in der Typografie überhaupt um Schönheit? Nur zweitrangig. Oft genug wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Primar dient Typografie dazu, Texte lesbar zu machen. Die beste Typografie hält sich im Hintergrund. Schlechte Typografie knirscht beim Lesen. Typografie beeinflusst also das Lesen, das Denken und prägt unsere mediale Kultur. Interessanter Weise hinkt die typografische Formensprache jeder medialen Entwicklung um einen Schritt hinterher. Da heißt, sie bedient sich zunächst der formalen Mittel ihres Vorgängers.

Was genau ist Typografie überhaupt? Versuchen wir eine möglichst allgemeine Definition:

Demnach beginnt Typografie nicht erst mit der Druckkunst, sondern weit früher. Beginnen wir beim antiken griechischen Alphabet. Frühe Zeugnisse des griechischen Alphabets sind uns auf Vasen übermittelt. Dargestellt ist ein Sprecher. Seine Worte entströmen als Spruchband seinem Mund, das sich um das Gefäß windet. Diese typografische Bild-Textkombination verdeutlicht das Besondere und bis dahin einmalige der frühen griechischen Schrift. Sie vermittelt die Inhalte nicht über sinnbildhafte Zeichen (wie die chinesische Schrift), nicht über Ideogramme (wie unsere Zahlzeichen) sondern hält den flüchtigen Sprachlaut fest. Die Lautschrift ist um etwa 900 v. Chr. entstanden, als das griechische Alphabet aus dem phönizischen Alphabet übernommen wurde.

Der erste typografische Entwicklungsschritt ist es, das Bild des Sprechers wegzulassen und die schier endlose Rede vom dreidimensionalen Beschreibstoff in die zweidimensionale Fläche zu übertragen. Der Urheber der Rede wird beim Lesen nur noch mitgedacht. Damit seine aufgeschriebene Rede weiterhin ununterbrochen dargestellt werden kann, erscheint sie furchenwendig, genannt Bustrophedon (Wie der Ochse pflügt).

Zum Verständnis: Wenn der Bauer mit einem Ochsengespann die Richtung wechseln will und am Zügel zieht, dann stampfen die Ochsen einfach weiter, drehen nur gleichmütig den Kopf zur Seite, denn sie gehen im Joch, ziehen mit der Stirn. Erst nach einer Weile bequemen sie sich, weshalb das Pflügen mit Ochsen nur in weiten Schleifen geht. Die Weise so zu schreiben heißt Bustrophedon. Es bezeichnet die Schreibtechnik abwechselnd rechtsläufig und linksläufig, wie es in der Frühzeit der griechischen Schrift üblich war. Es gab keinen Zeilenumbruch, sondern gegen Ende der Zeile wird im großen Bogen furchenwendig weiter geschrieben. Sobald die Gegenrichtung erreicht ist, schlagen die Buchstaben um, diese Zeile weist also Spiegelschrift auf. So mäandert der Text wie ein einziges Band über die Schreibfläche, getreu der Vorstellung, mit der Schrift das gesprochene Wort wieder zu geben. Denn der Mensch redet nicht in Zeilen, macht am Ende einer gedachten Zeile keine Pause oder ein Klingelzeichen wie die mechanische Schreibmaschine. Eine linksläufige Zeile in Spiegelschrift war dennoch einfach zu lesen. Die meisten der 20 Zeichen der griechischen Großbuchstabenschrift hatten keine Schriftrichtung, wie wir das in der Alpabetschrift noch kennen bei A,H, I,M,O,T,U-V-W, X, Y

Buchstaben ohne Richtung, Achsensymmetrie im Alphabet (U V und W waren einst ein Buchstabe)[


Erst wenn die revolutionäre typografische Idee aufkommt, dass man die Rede in Zeilen aufteilen kann, ohne sie zu unterbrechen, verläuft auch die Schreibrichtung beständig von links nach rechts. Die Wahl der rechtsläufigen Schreibrichtung hängt mit dem Wechsel vom zuvor verwendeten Rohrpinsel auf die Rohrfeder zusammen. Beim Schreiben mit der Rohrfeder liegt die Schreibhand auf dem Beschreibstoff auf. Somit verdeckt sie das Geschriebene, wenn von rechts nach links geschrieben wird. Anders ist es beim Linkshänder. Die für ihn passende Schreibweise wäre linksläufig in Spiegelschrift.

Der nächste typografische Entwicklungsschritt findet quasi im Off statt, wenn die griechische Schrift von den Römern übernommen und zum lateinischen Alphabet umgeformt wird.

Anmerkung zum Untertitel: Das griechische wie das lateinische Alphabet hatten nur Großbuchstaben. Im heutigen Internet gilt ausschließlich Großschreibung als Geschrei. Demgemäß wären antike Texte allesamt die Wiedergabe von Gebrüll.

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