20 Jahre Warten auf die 16. Elfstedentocht

Kategorie KopfkinoAls kürzlich überall in Westeuropa Frostgrade verzeichnet wurden, wagte ich für kurze Zeit zu hoffen. Doch wie die Wetterprognosen zeigen, wird die Elfstedentocht auch in diesem Jahr nicht stattfinden können. Erstmals las ich Anfang der 1980-er Jahre als junger Deutschlehrer von der Elfstedentocht, und zwar in einem blauen Büchlein mit Übungsdiktaten. Darin war als Diktat für 5. und 6. Klassen die Reportage abgedruckt: „Fliegende Holländer auf dem Eis.“ Das Büchlein ist leider verschollen. Den Text habe ich nur einmal diktiert, denn er war für damalige Verhältnisse viel zu schwer.

Möglicher Weise hat es Zeiten gegeben, als gut geschriebene Reportagen als Diktate taugten, aber die hier taugte nur dazu, in mir romantische Stimmungen über die Elf-Steden-Tocht zu wecken. Gut 15 Jahre später, am 4. Januar 1997, wurden sie erneut geweckt. In meinem Arbeitszimmer unterm Dach unseres Hauses in Aachen konnte ich über Antenne niederländische TV-Sender empfangen. Eigentlich wollte ich Klassenarbeiten korrigieren, aber stellte mir einen kleinen SW-Antennenfernseher auf den Schreibtisch, um die Live-Übertragung der 15. Elfstedentoch zu verfolgen.

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In aller Früh, noch in der Dunkelheit, versammeln sich 16.000 dick gegen die Kälte eingemummelte Eisschnelläufer, um über die zugefrorenen Kanäle, Grachten und Seen der niederländischen Provinz Friesland zu gleiten. Den Wettkampfläufern davon folgen Seitenwagengespanne mit Kameraleuten von Studio Sport der übertragenden Nederlandse Omroep Stichting (NOS). Die Strecke führt entlang elf friesländischer Ortschaften mit historischem Stadtrecht. „Schaatsen“, für das es im Deutschen nur das sperrige Wort Schlittschuhlaufen gibt, ist ein niederländischer Nationalsport. Deshalb ist dieses 200 Kilometer lange Rennen ein nationales Ereignis, das viele Millionen Zuschauer anlockt. Die seriöse niederländische Tageszeitung De Volkskrant schrieb in einer Kolumne sogar von einem „nationalen Orgasmus.“ In den beteiligten Städten sind alle Unterkünfte, Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen ausgebucht. An der Strecke herrscht Karneval. Am Rennen teilzunehmen, ist ein Privileg. Man muss als Mitglied im Verein Koninklijke Vereniging de Friesche Elf Steden registriert sein. Im Jahr 1986 war sogar ein W.A. van Buren angemeldet gewesen. Es war der inkognito mitlaufende niederländische Thronfolger (der heutige König Wilhelm-Alexander). Dass der einst eher als Feierbiest Prins Pilsje bekannte Thronfolger die ganze Strecke geschafft hatte, wurde in der weniger seriösen Presse angezweifelt.

Damit die Elfstedentocht stattfinden kann, muss es mindestens zwei Wochen krachenden Frost geben, bis die Eisdecke auf 15 Zentimeter Dicke angewachsen ist. Besonders unter Brücken hat das Eis häufig Schwachstellen. Dann wird Eis von anderen Stellen transplantiert. Manchmal müssen die Eisschnelläufer aber vom Eis und solche Stellen auf mit Säcken und Stroh ausgelegten Wegen umlaufen. Jede der friesischen Städte hat einen Rayonhoofd genannten Bezirks-Eishäuptling, der über die Tragfähigkeit des Eises befindet. Erst wenn alle Rayonhoofden ihr Okay geben, kann die Tour stattfinden. Livebericht der 15. Elfstedentocht aus meinem Tagebuch:
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Nachtrag: Im Sommer 2006 habe ich im friesischen Städtchen Workum an einem der Kanäle der Elfstedentocht gestanden. Er führte am Garten des Häuschen einer Jugendfreundin vorbei, in dem ich damals übernachtete. Es fiel mir schwer mir unter der warmen Sonne den vereisten Kanal vorzustellen, ebenso eine Landschaft, in der unter eisigen Winden alles Leben erstarrt scheint. Aber dann knirschen Kufen übers Eis und Tausende Schaatser trotzen der unwirtlichen Natur. Vielleicht nächstes Jahr.

 

Nasse Socken im Rampenlicht

Ich gehöre zu den Leuten, die ihrer Waschmaschine gerne beim Waschen zusehen. Manchmal kann ich mich gar nicht lösen vom dramatischen Geschehen, das das Bullauge meiner Waschmaschine offenbart, und ich habe manches aufwändig gestaltetes TV-Programm sausen lassen, weil ich vom Waschvorgang einfach nichts verpassen wollte. Wenn ich bedenke, dass an gewissen TV-Formaten ganze Hundertschaften beteiligt sind, die aufzuzählen ich jetzt echt zu müde bin, aber es fängt an beim Reinigungspersonal und den Kulissenbauern und endet nicht beim Ohrfeigengesicht, das die Sendung präsentiert, sondern da sind noch die Schufte in der Redaktion, die das Elend zu verantworten haben. Deren Leistung toppt meine Waschmaschine locker mit ihrem Sparprogramm. Wenn ich boshaft wäre, könnte ich sogar behaupten, ich hätte bei allen Filmen mit Til Schweiger lieber meinen nassen Socken zugesehen, wie sie im Waschvorgang mancherlei verschiedene Rollen angenommen haben und jederzeit vielfältiger, im Ausdruck faszinierender und überhaupt ansehnlicher waren als der oben genannte Schauspieler, dessen Namen ich lieber nicht mehr nenne, denn wer macht das hier wieder sauber? Ich kann ja nicht meinen Bildschirm nehmen und ins Kochprogramm stecken. Oder doch?

Auf der Technik-Messe CES 2016 wurde der aufrollbare OLED Bildschirm aus Folie vorgestellt mit 46 Zentimetern Bilddiagonale. Es wird bald Kühlschränke geben, auf deren Front so ein Bildschirm aufgeklebt ist, der den Inhalt des Kühlschranks zeigt. Wozu das gut sein soll? Angenommen, du stehst im Supermarkt und fragst dich, habe ich noch was im Gemüsefach? Dann kannst du auf deinem Smartphone deinen Kühlschrankfernseher aufrufen und nachsehen. Oder man setzt sich auf einen Stuhl vor den Kühlschrank und schaut der Paprika beim Vergammeln zu. Natürlich werde ich den naheliegenden Witz nicht machen, gewisse schauspielerische Leistungen könnten da nicht mithalten. Zumindest die große Menschheitsfrage, ob das Kühlschranklämpchen tatsächlich verlöscht, wenn die Tür geschlossen ist, erübrigt sich, denn wie jeder Schauspieler weiß, kann eine geschickte Beleuchtung manch unansehnliche Visage retten, und auch eine „moppelige“ Paprika muss natürlich ordentlich beleuchtet werden, damit  ein Talent wie Til Schweiger sie nicht locker an die Wand spielen kann.

Obwohl die oben genannten Anwendungen alle Quatsch sind, wird Kühlschrank-TV sich durchsetzen, sobald die flexiblen Bildschirme nicht viel teurer sein werden als eine herkömmliche PVC-Folie. Man kann solche Folienbildschirme dann auch auf die Tür des Kleiderschranks kleben, so dass jederzeit zu sehen wäre, ob sich ein nackter Mann drin verbirgt. Überhaupt wäre es eine schöne Steigerung in der Veröffentlichung des Privaten, wenn nichts mehr schamhaft hinter Mauern und Türen verborgen wäre, sondern jeder interessierte Passant an der Hauswand schon sehen könnte, was Hempels unterm Sofa haben. Schönen Tag.

EDIT
Den Text habe ich nachträglich zum Mitschreibprojekt des Kollegen Wortmischer  beigetragen, für das ich hier mit Freuden werbe. kleidermachenleute500x135