Fluch der Stilkunst

Eines Morgens wurde ich wach, und da saß jemand neben meinem Bett. Bevor ich das Maul aufgemacht hatte, begann der Mensch auf meiner Bettkante mit einem Vortrag über deutsche Stilistik. Danach zählte er die rhetorischen Mittel auf, und zum Schluss wandte er sich Einzelfragen zu. Fragen?, dachte ich. Ich habe keine gestellt! Das spielte keine Rolle, denn er wusste mich einzuwickeln; zu den Einzelfragen gehörte auch ein Exkurs über Schimpfen! Prächtige Beispiele aus der Literatur gab er, und ich staunte, wie wunderbar sich manche auf’s Schimpfen verstanden haben.

Dann aber machte der auf der Bettkante einen Fehler. Er sprach über Humor. Das hätte er besser nicht getan, denn mit Humor darf mir am frühen Morgen keiner kommen. Meine Sprachfähigkeit kehrte zurück, leider nur auf ganz niedrigem Niveau. Außer einem befreienden „Zieh Leine, Arschloch!“ brachte ich nichts heraus. Was nutzte es, dass er sich sogleich verdünnisierte und höflich leise die Tür ins Schloss zog. So richtig sprechen konnte ich an diesem Morgen nimmer. Mir gingen einfach zu viele Einzelfragen durch den Kopf. Und aus diesem Durcheinander wollte ich lieber nichts nach draußen lassen. Offenbar, schloss ich, offenbar ist es nicht hilfreich, zuviel über eine Sache zu wissen. Sprechen oder Schreiben muss ein Gutteil aus dem Bauch kommen, ohne Berechnung oder Taktik.

Meine Mutter war Mitglied im Bertelsmann Lesering. Da sie nicht die Zeit hatte, sich Titel auszusuchen, bekam sie immer Bücher aus der Vorschlagsliste. Bei einer Lieferung war Ludwig Reiners Stilfibel, Ein Lehrbuch deutscher Prosa, das richtige Buch für meinen Bildungshunger. Ich las viel darin und erarbeitete wohl auch einige der darin gestellten Aufgaben.

Im Dezember 2010, ich war gerade von Aachen nach Hannover gezogen, fand ich auf einem Bücherflohmarkt eine Ausgabe der Stilfibel, fühlte mich glücklich an Jugendtage erinnert und kaufte das Buch. Zwischen der Erstbegegnung im Jahr 1966 und dem Dezemberfund lagen 44 Jahre. Beim neuerlich Lesen stellte ich erstaunt fest, dass ich viele Grundsätze meines Schreibstils aus der Stilfibel verinnerlicht habe.

Die enge Perspektive des Bücherfachs im heimischen Wohnzimmerschrank des Jahres 1966 hat sich durch das immer wieder erstaunliche Werkzeug Wikipedia enorm er weitert. Eigentlich wollte ich nur nachschauen, wann die Stilfibel erschienen ist [1951], wurde aber auch über die Entstehungsgeschichte aufgeklärt. Was an Reiners Werk überrascht, sind die vielen Beispiele guten und schlechten Stils aus der Literatur, die zusammenzutragen eine Mordsarbeit wäre. Doch die hat Reiners nicht geleistet, sondern größtenteils aus dem 1911 erschienenen Werk „Deutsche Stilkunst“ des Sprachpuristen Eduard Engel übernommen, was der Schweizer Altphilologe Stefan Stirnemann herausgefunden hat. Er hat Engels Buch neu herausgegeben und schreibt:

    „Reiners übernahm von Eduard Engel bewußt und nach Plan die Auffassung von Stil und Stillehre, die Begriffe und zahllose Beispiele aus schöner und Fachliteratur. Darüber hinaus stahl er ihm treffende Beobachtungen und kräftige Sätze und äffte recht eigentlich Engels Haltung nach: die überlegene Haltung des Kenners. […] Möglich war der Betrug nur im Dritten Reich. Einerseits waren Engels Schriften ohne Rechtsschutz [Anmerkung JvdL: Engel war Jude], andererseits durfte Reiners annehmen, daß sie, in Fraktur gedruckt, umso schneller vergessen würden, da der ‚Führer‘ 1941 die Umstellung auf Antiqua verfügt hatte. Er konnte also zuversichtlich das erfolgreiche Buch Eduard Engels – das Wort drängt sich auf: arisieren.“

Den Sprachpuristen Eduard Engel, Ludwig Reiners und Stefan Stirnemann wäre entgegenzuhalten, was Georg Christoph Lichtenberg ganz unpuristisch notierte:


oder mit den Worten des gelehrten Buchdruckers Theodore Low De Vinne:

    „The last thing to learn is simplicity.“

Teestübchen Stilkritik: Meisterhafte Einfachheit

Einmal, in Aachen noch, war ich bei einer Autorenlesung in einem Café namens Schnabeltasse. Der Name tut nichts zur Sache, seine Nennung hilft mir nur, mich zu erinnern. Eine junge Frau las einen Text, in dem der Vitrinenschrank in der Küche ihrer Oma vorkam. Man kennt solche Oma-Küchen-Vitrinenschränke. Wir hatten früher auch einen. Meine Frau hatte ihn hübsch lackiert, und ich brach mir die Nase daran. Ich hatte in den unteren Fächern nach Töpfen gekramt. Derweil meine Frau ein Türchen des Vitrinenoberteils geöffnet hatte, um Geschirr herauszunehmen. Als ich mich aufrichtete, stieß ich mit der Nase gegen die Kante des offenen Türchens und ging zu Boden. Ich erinnere mich, dass meine Frau ziemlich lachen musste, weil meine Nase mir schief im Gesicht stand. Vor dem Garderobenspiegel bog ich sie in etwa wieder gerade.

Über so einen Vitrinenschrank hatte die junge Autorin geschrieben. Er war nicht Schauplatz einer Handlung, sondern stand einfach im Weg. Die Frau hatte der Lust nachgegeben, den Schrank in allen Einzelheiten zu beschreiben, erst von außen, dann sein Inneres, so dass man sich als Leser bei der Nase genommen und zu einer touristischen Vitrinenschrank-Führung genötigt fand, ein barbarischer Akt bei meiner ramponierten Nase!

Seit dieser Zeit reagiere ich allergisch auf Beschreibungen und Schilderungen, die nur um ihrer selbst Willen geschrieben werden, so als würden ihre AutorInnen beim Schreiben eitle Pirouetten drehen und rufen: „Schaut nur, wie schön ich das kann!“ „Auf der Glatze Locken drehen“, nennt Karl Kraus die substanzlose Schönschreiberei. Derlei lässt mich immer an den klugen Befund des Buchdruckers Theodore Low De Vinne denken:

    „The last thing to learn is simplicity.“

Meisterschaft zeigt sich eben nicht in verbalen Häkeldeckchen oder schlimmer noch in sprachlichem Bombast, sondern im Respekt vor der Vorstellungskraft von Lesern und Hörern. Es geht darum, nicht deren Lebenszeit zu verschwenden, um „Weniger ist mehr“, um Leerstellen, um nicht Gesagtes, nicht Geschriebenes, quasi um Rücksicht auf meine geschundene Nase.

Für Tüftler: Der übersetzte Spruch als Rebus, gleichzeitig das Teestübchen-Motto. Auflösung

Das Teestübchen-Motto: Zeichnung JvdL