Laberterroristen besetzen den öffentlichen Raum

Dass erste Erfahrungen prägend sein können für das ganze Leben, wissen wir spätestens nach Konrad Lorenz und seinen auf ihn fixierten Graugänsen. Ähnlich prägend sind meine frühen Erfahrung mit Mobilfunk.
Es war an einem Sommertag in den 1990-er Jahren. Ein Aachener Modegeschäft hatte die Fensterfront zur Straße hin geöffnet und Drehständer mit Hemden nach draußen geschoben. Ein junger Mann stand überdrüssig bei einem Ständer und drehte ihn, um ab und zu ein Hemd auf einem Bügel hervorzuziehen. Dabei hatte er ein Handy am Ohr. Er belferte hinein:
„Was weiß denn ich, was ich für ne scheiß Kragenweite hab!“

Indem ich das aufschreibe, kann ich fast nicht mehr nachvollziehen, wie mich der junge Mann verblüfft hat darin, ein Telefongespräch über eine private Angelegenheit so laut und ungehemmt in aller Öffentlichkeit zu führen. Es war mir so fremd und fern, dass sich mir diese banale Beobachtung einprägte.
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Alljährlich das gleiche Gedöns – Zwei Anrufe im Bus

Im vollbesetzten Bus der Linie 100 telefoniert einer.
„Reg dich nicht auf, Schatz, am 19. kommt die Fußbodenheizung rein.“
Ich frage die Frau neben mir: „Wann kommt die Fußbodenheizung rein?“
„Ich weiß nicht“, sagt sie, weil sie offenbar in Gedanken gewesen ist.
„Am 19.“, sagt der Mann, der neben uns im Gang steht.
„Wieso erst am 19.?“, fragt die Frau mit Kinderwagen.
Die Busfahrerin bläst ins Mikrophon: „Ich finde es auch knapp, so kurz vor Weihnachten. Kein Wunder, dass Frau Schatz in Panik gerät.“

Alle gucken Herrn Schatz an, der rasch sein Smartphone wegsteckt und sich im Sitz aufrichtet:
„Ich heiße überhaupt nicht Schatz!“
„Aber Ihre Frau!“, sage ich.
„Nein, ich nenne sie nur Schatz. Ein Kosenamen!“
„Nennt sie Schatz und mutet ihr vor Weihnachten so einen Dreck zu!“, sagt die Frau mit Kinderwagen kämpferisch.
„Ja, genau!“, rufe ich. „In der Vorweihnachtszeit will Frau es doch gemütlich haben und Plätzchen backen!“
„Und keine staubigen Handwerker mit dreckigen Schuhen im Haus haben“, pflichtet der Mann im Gang mir bei.
„Handwerker mit dreckigen Schuhen oder Handwerkerinnen mit dreckigen Schuhen!”, korrigiert Frau Kinderwagen, „soviel Zeit muss sein!”
„Wieso sollte nur die Frau immer Plätzchen backen?“, fragt meine Sitznachbarin jetzt auch noch keck. „Sie haben ja altmodische Vorstellungen.“
„Wieso ich? Herr Schatz ist es doch, der sich nicht um die Plätzchenbäckerei kümmert, sondern kurz vor Weihnachten noch eine Fußbodenheizung einbauen lässt.“
„Soll meine Familie Weihnachten denn frieren?“, fragt Herr Schatz, der ganz anders heißt, aufgebracht.
„Das hätten Sie sich auch früher überlegen können!“, sagt Frau Kinderwagen.
„Aber die Finanzierung war vorher nicht gesichert“, sagt der Schatz kleinlaut.
Da tönt die Busfahrerin über alle Lautsprecher im Bus: „Wer im Sommer nicht spart, dem ist der Winter zu hart!“
„Äsop“, murmelt der graumelierte Herr im teuren Mantel.
„Das hat sie wohl eher aus einer Fabel von La Fontaine“, sagt Herr Schatz, der froh ist, von sich ablenken zu können. “Die Heuschrecke fiedelt den ganzen Sommer und …”
„Ich wüsste nicht, dass unser Oskar Fabeln geschrieben hätte“, mischt sich jetzt der Mann in Anstreicherhose ein.
„Mischen Sie sich nicht ein, mischen Sie besser Farbe“, sagt Frau Kinderwagen spitz, „Herr Schatz meint nicht Ihren Oskar Lafontaine, sondern den französischen Dichter Jean de La Fontaine.“
„Und backen Sie besser Plätzchen, aber das können Sie Kampfemanze vermutlich nicht!“, sagt der Anstreicher.
„Ich kann Ihnen aber eine langen“, sagt Frau Kinderwagen, „Macho, Frechdachs, Banause und wer weiß was!“
„Ruhe im Bus!“ herrscht die Busfahrerin, „sonst halte ich die Luft an, bis ich blau im Gesicht bin.“
„Der Mann hat angefangen!“, rufen alle und zeigen auf mich.
Das Telefon von Herrn Schatz klingelt wieder.
“Schatz”, meldet er sich, “jetzt hör auf, im Bus rumzunerven! Die Heilige Familie hatte auch keine Fußbodenheizung!”

Das war ein ganz neues Argument, dem ich mich gern gewidmet hätte. Leider fiept mein Smartphone Wecker und ich muss aussteigen, äh, aufstehen, um den Bus zu kriegen. Da ging natürlich alles wieder von vorne los.