Verschmähte Telefonbücher & apokalyptische Logorrhoe

In einem Kommentar zum Aus des Otto-Katalogs machte Kollege Lo auf einen ähnlichen Niedergang aufmerksam, das sinkende Interesse am Telefonbuch. Mir war schon im Jahr 2014 aufgefallen, dass die neuen Telefonbücher stapelweise herumlagen und offenbar niemand sie noch haben wollte. Natürlich habe ich damals im Tepichhaus Trithemius darüber geschrieben und veröffentliche hier eine überarbeitete und aktualisierte Fassung. Viel Vergnügen!

Samstags auf dem Wochenmarkt vor dem Lindener Rathaus kauft einer Eier und demonstriert prima Umweltbewusstsein, indem er die Eier in einen mitgebrachten Eierkarton packen lässt. Auch für Eierkartons mussten einst Bäume sterben, bevor sie ganz aus Altpapier gepresst wurden. Altpapier gibt es freilich in Hülle und Fülle. In Hauseingängen und auf Fensterbänken meiner Nachbarschaft stehen ganzjährig Kartons mit zu verschenkenden Büchern. Manch einer hat sich das gute Billyregal mit Bestsellern vollgestellt und will die peinlichen Fehlkäufe jetzt loswerden.

Schon 2013 – Läden dicht im Telefonbuch-Verlags-Gebäude in Schwabing – (Foto: Trithemius)

Ein Bestseller, den kaum noch einer mag, ist das Telefonbuch. Kürzlich war in meinem Viertel die Neuausgabe des öffentlichen Telefonbuchs stapelweise ausgeteilt worden. Manche Hausgemeinschaft hatte nicht die geringste Verwendung dafür und den noch eingeschweißten Stapel direkt zum Altpapier gelegt. Telefonbücher sind offenbar so was von out, kaum vorstellbar, dass es im nächsten Jahrzehnt noch welche gedruckt werden. Als es noch Telefonzellen gab, musste das Telefonbuch darin angekettet sein. Leider war immer just die Seite herausgerissen, auf der man hätte fündig werden können.

Der langweiligste Bestseller der Welt. Keiner will das Telefonbuch für Hannover

Im Jahr 1990 hatte ich eine der ersten Telefon-CDs, genannt D-Info. Die Telefonnummern von ganz Deutschland auf einer silbernen Scheibe, das war sensationell! Leider wurde die CD bald vom Markt genommen, einmal aus Datenschutzgründen, weil die Telefon-CD die Rückwärtssuche erlaubte, also die Identifikation eines Teilnehmers, von dem nur die Telefonnummer bekannt war, vor allem aber, weil die Telefonbuchverlage ihr Urheberrecht an den Datensätzen reklamierten und ein Kopierverbot erwirkten. Um das Verbot zu umgehen, haben die CD-Hersteller die 34 Millionen Datensätze der deutschen Telefonbücher in China abtippen lassen. Unfassbar, was Chinesen so alles können. Man stelle sich die Familiendramen vor, wenn eine deutsche Schreibkraft das Telefonbuch von Shanghai in Heimarbeit abzutippen hätte – mit ihr unbekannten chinesischen Schriftzeichen. Da würde so manches quengelnde Kind mit dem Telefonbuch erschlagen. Die bedauernswerten chinesischen Tippmamsellen mussten sich zurückhalten; sie haben ja meistens nur ein Kind. Heutige Telefonbücher enthalten Trugeinträge. Wenn fleißige Chinesinnen die abtippen oder wenn das Telefonbuch gescannt würde, ließe sich an den Trugeinträgen der Diebstahl beweisen.

Bei der Live-Aufnahme von „Give Peace A Chance“ von John Lennons Plastic-Ono-Band im „Queen Elizabeth Hotel“ in Montreal wurde der satte Rhythmus mit Telefonbüchern auf Tischen geschlagen. Das habe ich 1969 im TV gesehen. Dagegen habe ich schon lange keinen Mann mehr im TV gesehen, der ein Telefonbuch zerrissen hat. In meiner frühen Jugend konnte man damit im Fernsehen auftreten. In Österreich hat es der Kraftsportler Otto Wanz „als professioneller Telefonbuchzerreißer seinerzeit zu hohem Ansehen und Einkommen“ gebracht, wie Kollege Nömix mir mitteilte. Ein Telefonbuch zu zerreißen, ist allerdings ein Zaubertrick. Wie der geht, verrate ich lieber nicht. Vielleicht klingelt eines Tages eine bezaubernde Frau bei mir und fragt, ob ich mal ihr Telefonbuch zerreißen könne. Dann kann ich damit glänzen wie der Meeresforscher Hans Hass. Das müsste gehen. Früher waren Telefonbücher viel dicker als heute, weil quasi jeder drinstand. Erst in den 1980-er Jahren wurde es in bestimmten Kreisen üblich, sich aus dem öffentlichen Register streichen zu lassen. Damals wollte man eben seine Daten nicht so einfach öffentlich machen.

Der Meeresforscher Hans Hass begeistert die Dame, indem er ein Telefonbuch zerreißt. (Foto: Wikipedia) größer: klicken

Marlon Brando hat über Charlie Chaplin gesagt: „Mit ihm als Regisseur würde ich sogar das Telefonbuch verfilmen.“ Seither heißt es von herausragenden Schauspielern, sie könnten sogar das Telefonbuch spielen. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff wurde einmal gefragt: „Es gibt den Spruch: Der könnte auch das Telefonbuch spielen und man würde sich das ansehen. Könnten Sie?“ Darauf sagte Meyerhoff: „Das ist so ein Quatsch! Das Telefonbuch zu spielen ist todlangweilig und hat gefälligst auch das Langweiligste zu sein, was es gibt.“

Die in der Schweiz bis 2012 erschienene Obwalden und Nidwalden Zeitung (ONZ) zitiert den Regisseur Urs Odermatt mit der „schelmischen“ Aussage: «Bekäme ich bei der Wahl der Schauspieler freie Hand, würde ich vermutlich sogar das Telefonbuch von Hannover verfilmen.» Da werden die Leser der ONZ ihrerseits schelmisch gegriemelt haben. Selbst im tiefsten Schweizer Hinterwald gilt es als ausgemacht, dass das „Telefonbuch von Hannover“ das auf den Tod langweiligste Buch der Welt ist. Das könnte vielleicht stimmen, denn ich stehe überhaupt nicht drin, wie eine mühsam im Dünndruckpapier erblätterte Recherche ergab.

Der Kölner Dadaist und Surrealist Max Ernst berichtet, der Arzt André Breton habe die Gruppe der Pariser Surrealisten zu einer Mauer geführt, gegen die Tuberkulosekranke zu spucken pflegten. Man hoffte, aus den Schlieren an der Wand gehörige Inspiration zu ziehen. Die Technik wird heute noch beim „kreativen Schreiben“ angewandt. Auswurf gibt es genug auf der Welt, und wo immer einer hingespuckt hat, steht ein anderer und schreibt einen Roman. Manche beherrschen nicht mal ihr Handwerk, wie in Autorenforen bereitwillig eingestanden, müssen aber unbedingt ein Buch schreiben. Dass Menschen ihre Wörter nicht mehr bei sich behalten können, ist nach Ansicht des Altertumsforschers Werner Ekschmitt ein Zeichen für untergehende Kulturen. Untergangs-Logorrhoe gibt es freilich schriftlich wie mündlich, wie eine Anzeige der Telekom zeigt, über die ich mich einst im Twoday-Teppichhaus lustig gemacht habe:
(Trithemius.twoday.net, September 2007)

Das alles hat man sich im Jahr 1881 nicht vorstellen können, als in Berlin das erste deutsche Telefonbuch mit dem Titel „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ erschien.

„Im Berliner Volksmund wurde das erste Telefonbuch Deutschlands auch „Buch der Narren“ genannt, weil dem Mann auf der Straße die ersten deutschen Teilnehmer leid taten, die auf diesen „Schwindel aus Amerika“ hereingefallen waren. Firmen: „Wir haben ein gut ausgebautes Botensystem. Was soll uns da das Fernsprechen nützen?“ (Wikipedia)

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Einiges über Bücher in Ketten

Nach einer Berechnung der Leipziger Universitäts-Buchdruckerei von 1947 kostete eine handgeschriebene Bibel auf Pergament im Jahr 1400 etwa 20.000 RM*, was zur Zeit der Berechnung dem Wert von zwei freistehenden Einfamilienhäusern entsprach (heute etwa 1 Million Euro). Ãltere Prachthandschriften waren schier unbezahlbar. Die berühmte Wenzelsbibel aus der Buchmalerwerkstatt Wenzels des IV. von Böhmen (1361-1419) war von drei Schreibern auf 607 Kalbshäuten geschrieben. Allein der Materialwert überstieg die finanziellen Möglichkeiten vieler Klöster und Bistümer. Wer ein handgeschriebenes Buch auch nur ausleihen wollte, musste gewaltige Pfänder hinterlegen, ganze Viehherden oder Ländereien. Entsprechend schwer wog der Diebstahl eines Buches. Viele Bücher tragen Nachschriften, in denen potentiellen Dieben Todesstrafe und Höllenqualen angedroht werden:

Wer das puch stelt,
desselben chel [Kehle]
mugge sich ertoben _
hoch an eim galgen oben.

Die Echternacher Riesenbibel (geschrieben zwischen 1051 und 1081) trägt die Nachschrift:

Si quis hunc librum sancto Müllibrordo illique serveintibus
abstulerit tradatur diabolo et omnibus infernalibus penis et
sit anathema! Fiat, fiat! Amen, amen, amen!

Wer dieses Buch, das dem hl. Willibrod und denjenigen, die ihm dienen, gehört, entwendet, möge dem Teufel und allen höllischen Strafen überantwortet werden. Er sei verflucht! So geschehe es, so geschehe es! Amen….“

zitiert aus: Wilhelm Wattenbach; Das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1871

In Kirchen lagen wertvolle Bücher an Ketten, um sie vor Diebstahl zu bewahren. Es gab ganze Kettenbibliotheken, die sich häufig auf Emporen über einem der Seitenschiffe befanden. Auch Martin Luther fand die Bibel in Erfurt noch angekettet wie einen Hofhund. Diese Praxis beförderte im Volksglauben die Vorstellung, gewisse Bücher müssten in Ketten liegen, damit sie im Volk keinen Schaden anrichten. Vermutet wurde, einige Bibelausgaben enthielten außer den fünf Büchern Mosis auch noch das geheime 6. und 7. Buch, denen magische Kräfte nachgesagt wurde. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens führt u.a. auf, in der Tübinger Universitätsbibliothek solle „eine uralte Bibel mit beiden Büchern und noch anderen an Ketten liegen; es ist verboten, sie zu drucken, und vier Professoren bewahren die Schlüssel zu den Schlössern, mit denen sie verschlossen sind.“

Der Mythos des in Ketten gelegten Buches, ist ein beliebtes Motiv in der Fantasy-Literatur. In den Scheibenwelt-Romanen des britischen Schriftstellers Sir Terence David John Pratchett gibt es eine ganze Reihe magischer Bücher, die so gefährlich sind, dass sie in der Universitätsbibliothek sogar an die Regale gekettet sind, ausdrücklich nicht als Schutz vor Diebstahl, sondern um zu verhindern, dass sie einen Besucher angreifen. (Standfoto aus der Verfilmung The Color Of Magic, zum Vergrößern klicken) Zu Zeiten der Telefonzellen waren Telefonbücher auf verschiedene Weisen angekettet. Ich erinnere mich noch gut an die Batterien aller Telefonbücher Deutschlands, die in den Hauptpostämtern in Reihe aufgehängt und mit Drehangeln befestigt waren, so dass man sie nur aufschlagen konnte, nicht aber entnehmen. Ich bedauere, diese alltägliche Einrichtung nicht beizeiten fotografiert zu haben, bevor sie allerorten verschwand. Es ging bei der Fesselung der Telefonbücher ausdrücklich um Diebstahlschutz. Dass jemand von einem Telefonbuch angegriffen worden wäre, wurde nie berichtet.

 

*) Die Kaufkraftäquivalent einer Reichsmark wird von der Deutschen Bundesbank wie folgt angegeben: 1 Reichsmark 1924 = € 3,90; 1 Reichsmark 1937 = € 4,10

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