Von der Gegenwart des Vergangenen

Der Mann wollte nur etwas nachlesen in einem alten Tagebuch, da wurde er in die Vergangenheit gesogen. Sein altes Leben stieg vor ihm auf, und auch wenn manches erstaunlich klang wie nie zuvor gehört, war es doch sein Leben, in dem er mal zu Hause gewesen war. Er las, wie er sich darin eingerichtet und arrangiert hatte, wie die Welt um ihn beschaffen gewesen war, wie Menschen um ihn herum lebten, die heute 21 Jahre älter wären so wie er auch. Aber der Mann, der er einmal gewesen war, steckte noch in ihm. Er konnte ihn aufrufen, indem er las, was er damals geschrieben hatte. Vieles hatte er beim Aufschreiben als belanglos empfunden, und jetzt waren es genau die vermeintlich belanglosen Einzelheiten, aus denen alles wieder auferstehen konnte. Ein Kuriosum entdeckte er auch. Wie in den letzten Wochen quälte er sich zum Ende des Jahres 1997 und hinein in das Jahr 1998 mit den Folgen eines Rippenbruchs herum. Eine Hustenfraktur war es gewesen, ein Wort, das er damals erstmals hörte, und auch der Orthopäde sagte, er nehme es höchst selten in den Mund.
Als er nach Stunden vom Tagebuch aufblickte, brauchte er eine ganze Weile, sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Er musste sich aus der Vergangenheit befreien wie einst aus dem engen Korsett aus Pflichten und Verbindlichkeiten. Es gelang nur unzureichend, so dass er den ganzen Tag zwischen den Existenzen in einer Art Zwischenwelt lebte, ganz aus dem Hier und Jetzt gerutscht. Es war einsam dort.

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Kurzer Hosenbericht

Meine Aachener Radsport-Trainingsstrecke führte durch das belgische Grenzdorf Raeren. Nach einer Abfahrt an einem Bächlein entlang ging es scharf nach rechts und unvermittelt einen kurzen steilen Anstieg hoch, in dessen Kurve eine Bruchsteinmauer aufragte, in Radsportkreisen „Klagemauer“ genannt. Einmal fuhr ich an der Klagemauer hoch und zwei Jungen oberhalb der Mauer riefen mir zu: Schneller, schneller!“ und der eine ergänzte: „Du schaffst es, Junge!“ Ich schrieb in mein Tagebuch, „Junge!“ genannt zu werden, sei die Konsequenz, wenn ein Mann mit 44 in kurzen Hosen herumfährt.

Inzwischen habe ich den Radsport längst aufgegeben und lange Zeit nicht mal kurze Hosen besessen, musste mich aber zu Beginn der Hitzewelle 2018 ergeben und mir zwei kurze Hosen zulegen, die ich dann auch getragen habe, weil ich keinem Hitzschlag erliegen wollte. Bei solch extremen Wetterlagen müssen die Gesetze der Ästhetik und die Konventionen hinter der Daseinsvorsorge zurückstehen. Inzwischen bedauere ich fast, dass die Entschuldigung Hitzewelle nicht mehr gegeben ist. Ich hatte mich an die kurze Hose gewöhnt, aber die deutliche Abkühlung ist auch schön. Überdies schützen lange Hosen vor einem Malheur, von dem Samuel Pepys am 6. April 1661 berichtet:

„Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Ich folgte einer Einladung – Aus einem alten Tagebuch

Die Zugfahrt Aachen – Frankfurt/Main ist mit 154 DM arg teuer. Ein Problem wird die Rückfahrt sein. Ich müsste schon am späten Abend in Frankfurt losfahren und säße in der Nacht zwei Stunden auf dem Mainzer Bahnhof rum. Darum fragte ich das Mädel am Schalter nach einer Alternative. Sie befragte vergeblich ihren Computer. Darauf plauderten wir etwas über die Vorzüge des Systems gegenüber dem für Laien unlesbaren Kursbuch (vergl. Zeitungsbericht).

Im Zug nach Köln saß bei mir einer, der unentwegt in seine DIN-A5-Kladde schrieb, weiträumig,mit Fußnoten. Den sah ich wieder, nachdem ich in Köln in den IC 527 Gorch Fock Kiel – Köln – Nürnberg umgestiegen war. Es sollte meine erste Fahrt überhaupt mit einem Intercity sein. Freilich merkte man in meinem Abteil nichts, was den Zuschlag von 6 DM rechtfertigt.

Mir gegenüber saß eine etwa 50-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Sie trug eine weiten rostfarbenen Rock. Die Dame war in Opladen gewesen, wo sie ihre Schwester besucht hatte, und würde mitfahren bis Koblenz, wo sie umsteigen würde, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier. Sie hatte ein düsteres Weltbild, sagte, dass es ja heute kaum noch gerechtfertigt sei, Kinder in die Welt zu setzen bei all der Gewalt, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Wann immer ich etwas einwandte, stieß sie mit einfältigem Gesichtsausdruck vor und rief: „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Hätte sie dabei nicht dieses eselsmäßige Staunen im Gesicht gehabt, hätte ich gedacht, die will mich verarschen. So dachte ich, das eselsmäßige Staunen gilt in Konz vielleicht als Bestandteil höflicher Konversation. Im Himmel über Konz hängt tagein, tagaus ein vielstimmiger Chor von „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Begleitet vom eselsmäßige Staunen wird es traditionell zwischen den Konzern hin- und hergegeben wie andernorts die Geldmünzen. „Sagen se nur! Is dat wahr?“ ist die eigentliche Konzer Währung. Man weiß es ja nicht als Außenstehender. In Koblenz verließ sie mich mit guten Wünschen für meine Gewalttour Aachen-Frankfurt-Aachen. „Dankesehr! Und Ihnen wünsche ich glückliche Heimkehr nach Konz!“

„Sagen Se nur! Is dat wahr?“

Wie vermisste ich diese prächtige Konzerin schon, als sie gerade erst ausgestiegen war. Als ich ihr geschildert hatte, dass ich in der Nacht noch würde zurückfahren müssen, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste, war mir selbst etwas mulmig gewesen.

Bei Mainz rollte der Zug über den Rhein. Mein Mut sank, denn auf der rechten Rheinseite beginnt für mich Rheinländer das finstere Ausland und dehnt sich aus bis in die Innere Mongolei. Immerhin wurde meine Deutschlandkarte für diese Gegend konkretisiert. Wir kamen nämlich auch durch die Opelstadt Rüsselsheim, wo müde Männer auf den Bahnsteigen auf ihre Züge warteten, nicht auf meinen. Der IC ist nichts für sie. Sie passen besser in schmutzige und überfüllte Nahschnellverkehrszüge, befand der Bahnexperte in mir, ein hübscher Experte, hatte gerade erst den IC kennengelernt und trug schon die Nase hoch.

Der Frankfurter Hbf ist ein Kopfbahnhof, und auf Verdacht verließ ich den Kopf auf der linken Seite, wo ich erfreulicher Weise direkt auf die Kaiserstraße zulief. Ich fragte jemanden an der Fußgängerampel, und der hatte den einfachen Job: „Genau geradeaus!“ zu sagen, und da war auch schon die gesuchte Haus-Nummer 74, ein altes, hohes Stadthaus, und „Lissania“ entpuppte sich als Sprachschule. Was man da wohl für eine Sprache lernen kann?

Der Flur wirkte ärmlich, und auf der 2. Etage sah ich einen Mann im Schlafanzug und mit Pantoffeln in einer vernachlässigten Wohnung verschwinden. Ja, dachte ich, was soll ein Armer, der nirgendwo zum Feiern eingeladen ist, wenn um ihn herum die Vergnügungssüchtigen aussschwärmen, was soll der anders tun als ins Bett gehen und die Decke übern Kopf zu ziehen.

Eins höher, an der offenen Tür der Lissania, wollte ein kurzgeschorener Türsteher meine Einladung sehen. Innen großes Herumgerenne bei gedämpftem Licht. Ich rein.
(Wird fortgesetzt)

Hauptsache händisch (1) … Bloggen mit Handschrift

stukHauptsache händisch heißt ein Aufruf von Blogfreundin Tikerscherk, illustriert mit einem handschriftlichen Blogtext. Manchmal, wenn ich mich mit einem Stift in der Hand erwische, frage ich mich: Was, zum Teufel, tue ich da? Dann ist mir das händische Schreiben fremd. Die Auseinandersetzung zwischen Ausdrucks- und Formwillen, Beschreibstoff und Schreibgerät kommt mir anachronistisch vor, gehört in die Vorzeit des Computers. Der niederländische Kabarettist und Autor Wim de Bie veröffentlichte schon in den 80-ern des letzten Jahrhunderts in einer Tageszeitung eine Glosse, worin er das Schreiben mit dem Computer ironisch lobte. Der Text ist mit der Hand geschrieben, weil der Computer des Autors kaputtgegangen war. Und was stellt Wim de Bie fest? Seine regelmäßige, geläufige, männliche Handschrift, mit der er früher manches Mädchen zu betören wusste, ist verschwunden.

Mein hier abgebildeter Brief an die Leser meines Blogs „Teppichhaus Trithemius“ entstand im Rahmen eines Seminars über Handschrift, das ich vor ziemlich genau fünf Jahren im Twoday-Teppichhaus durchgeführt habe. Inzwischen schreibe ich immer seltener mit der Hand.

brief
Wir sehen, dass es nicht um die Perfektion oder Schönheit der Handschrift geht. Doch worin besteht dann die Qualität? Was hat die Handschrift, was ein Maschinentext nicht hat? Ich möchte mich Tikerscherks Aufruf anschließen. Wer sich nicht so exhibitionieren will, kann auch eine Übung wie die unten links machen. Es ist ein Wuttext. Er besteht aus lauter Beschimpfungen, ist bei Drehung des Blattes so oft übereinander geschrieben, dass die Wut nun hermetisch in den Text eingeschlossen ist.
Tagebuch wuttext
Wuttext: Trithemius/Tagebuch – (größer: bitte klicken)