Die Gleichzeitigkeit von vorher und nachher

Ist die Zeit erst in die Welt gekommen, als sie vom Menschen gemessen wurde? Anders gefragt: existiert Zeit nur, wenn man sie misst, also wirkt der Messvorgang zurück auf die Zeit und erzeugt oder modifiziert sie? Das sollten einmal Quantenphysiker beantworten. Die Frage nach der Modifikation gilt es zu bedenken, wenn am Sonntag, dem 27. Oktober, wieder das kosmische Räderwerk für eine ganze Stunde angehalten und unsere Zeit zurückgestellt wird.

Folgendes: In meinem Bücherregal am anderen Ende des Zimmers lehnt eine Uhr. Eine weitere hängt direkt hinter mir an der Wand. Beide Uhren ticken etwa gleich laut. Die Wanduhr tickt eine halbe Sekunde vor der Regaluhr, so dass diese wie ein Echo hinterherlappt.

Da mir meistens alles zu langsam vorangeht, entschloss ich mich, in der Wanduhrzeit zu leben, also quasi eine halbe Sekunde in der Zukunft. Doch da tat sich ein Problem auf, das mich hart am Wahnsinn vorbeischrammen ließ. Wenn ich mich nämlich auf das Ticken der Regaluhr konzentrierte, war sie der Wanduhr voraus, und die Wanduhr lappte eine halbe Sekunde hinterher.

Konzentrierte ich mich auf die Wanduhr, kippte die Situation wieder. Es entstand das seltsame Phänomen, dass beide Uhren und mithin ich gleichzeitig im Vorher und im Nachher waren, ganz wie ich meine Aufmerksamkeit richtete. Das ließ ich eine Weile geschehen, bis es mir zuviel wurde und ich in ein Zimmer ohne Uhr flüchtete. Dort nahm mich die Zeit wieder in ihre warmen Arme der Unbegreiflichkeit.

Es geht immer noch schlimmer

Ein kaiserlicher Unterbeamter hat sich zum Besuch angesagt. Soeben kam der Anruf. Da poltert auch schon seine Garde die Treppe herauf, steht gleich vor der Tür, – und ich bin nicht rasiert, schlurfe noch im Hausrock umher, denn gerade erst dämmert der Morgen heran. Dem Abgesandten in diesem Zustand unter die Augen zu treten, wäre gewiss eine tödliche Beleidigung. Wie lange kann man einen hohen Herrn warten lassen, bevor er ungeduldig die Tür aufbrechen lässt? Es ist wohl so, dass ein kaiserlicher Unterbeamter stets durch geöffnete Türen schreitet, weil immerzu Lakaien zur Stelle sind, deren hauptsächlicher Lebenszweck darin besteht, ihrem Herrn die Türen aufzureißen. Vermutlich hat der hohe Herr in seinem ganzen Leben noch nicht vor einer geschlossenen Tür gestanden, nicht jedenfalls auf dieser Ebene der Stadt, und wer bin ich, dass ich ihm eine derart unerfreuliche Erfahrung bereiten dürfte? Was mach ich nur, was manche ich nur?

Ob es am besten wäre, dass ich mich auf den Boden lege, längs der Fußleiste in die Ecke drücke, mit dem Gesicht zur Wand? Vielleicht wird man mich im Dämmer übersehen oder für ein Bündel schmutzige Wäsche halten. Des Unterbeamten Lakaien werden die Tür eintreten, ausschwärmen, meine wenigen Räume durchmustern und sagen: „Er ist nicht hier, Exzellenz!“ Doch er wird sich nicht zufrieden geben und befehlen, mich unverzüglich herbeizuschaffen. Dann werden sie genauer suchen, jede Ecke auskratzen und mich entdecken. Da! Es klopft! Man hat sich gar nicht erst mit der Tür aufgehalten, sondern pocht mir sogleich an die Stirn.

„Klopfen hören – man wird Neuheiten erfahren“, behauptet mein Traumlexikon. Selbstverständlich. Zum Morgenkaffee habe ich die Süddeutsche Zeitung gelesen und all die wundersamen Neuheiten herausgeklaubt, die eine ferne Redaktion für mich zusammengetragen hat. Die Redakteure wissen nicht wirklich viel von diesen Dingen, denn auch sie haben die Informationen aus zweiter Hand, aus dem Angebot der Presseagenturen direkt ins Blatt gehoben oder abgeschrieben bei anderen Zeitungen. Manches ist ihnen aus den höheren Regionen der Stadt gesteckt worden von Leuten, die ein Interesse daran haben, die Köpfe des Volks zuzumüllen.

Die Schauspielerin Veronica Ferres schläft gerne mit ihrem Lebensgefährten Carsten Maschmeyer vor dem Fernseher ein. Sie hat diese erstaunliche Vorliebe der Zeitschrift Frau im Spiegel erzählt und die investigative Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) hat Wind davon bekommen und hat es abgeschrieben. Ferres: „Das ist uns letztens bei meinem eigenen Film passiert. Das fand ich super.“

Verständlich, absolut nachvollziehbar, ja, nahezu selbstverständlich. Es würde mir genauso gehen, weshalb ich mir niemals einen „eigenen Film“ von Frau Ferres anschauen wollte. Denn aufzuwachen, Veronica Ferres zu sein und ins offene Maul eines schnarchenden Carsten Maschmeyer zu schauen, da lasse ich mir doch lieber von den Vasallen eines kaiserlichen Unterbeamten an die Stirn klopfen.

Hurtig über Gleise – Betreutes Denken im ICE

Im ICE hatte jemand die Süddeutsche Zeitung (SZ) zurückgelassen. Irgendwann zog ich die zerfledderte Zeitung aus dem Netz, sortierte sie ein wenig und begann zu lesen. Für einen Augenblick flog mich ein vertrautes Gefühl an, denn bevor ich zu bloggen begann, habe ich die Süddeutsche Zeitung täglich gelesen. Das vertraute Gefühl speiste sich aber nicht aus den Inhalten, nicht aus dem Schreibstil, sondern aus der Tatsache, dass einem in der Zeitung die Welt ausgebreitet und erklärt wird. Das ist einfach wie Bahnfahren. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die Journalisten zu Zeilen angeordnet haben gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, weiß also nicht genau, wohin die Reise geht – ebenso wie der Leser eines Zeitungsartikels. Es erhöht beispielsweise den Lesegenuss, wenn ein Text eine erstaunliche Wendung nimmt, so als würde ein Zug über eine Weiche rumpeln und ein für den Bahnreisenden überraschendes Gleis befahren.

vom 09.02.1995, original einspaltig (größer: klicken)

Genau das habe ich immer beim Lesen des Streiflichts empfunden, der täglichen Glosse auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Obwohl das Streiflicht von verschiedenen Autoren geschrieben wird, folgt es einem einheitlichen Prinzip: Dem Leser enthüllt sich anfangs nicht, um welches Thema es eigentlich geht. Dann steuert der Text mit elegantem Schwung auf sein Ziel zu, woraus sich im Idealfall die vorher noch unerklärliche Einleitung als besonders gelungener Einstieg enthüllt. Ach, das ist schön, wie über ein verwunschenes Nebengleis wieder auf die Hauptstrecke zu gelangen. Aber darin zeigt sich auch der Nachteil der Zeitung. Sie kanalisiert die Informationen auf Hauptstrecken, auf den Mainstream des Denkens. Zweifellos sind Zeitungen wie die FAZ oder die SZ die Intercityzüge des Vorgedachten. Es ist bequem da in ihrem Bauch, betreutes Denken. Wer dagegen selbstständig denken will, geht anfangs nur zu Fuß, verliert gar manchmal die Orientierung. Selbstständiges Denken will geübt sein, und die Fähigkeit wächst mit dem Tun. Sie wächst vor allem mit der schreibenden Aneignung von Welt. Wer selbst schreibt, legt seine eigenen Gleise. Sie können in Gegenden führen, die vom Intercity-Express nie berührt werden. Darum möchte ich die Süddeutsche nicht mal geschenkt, stopfe sie wieder in das Netz an der Rückseite des Vordersitzes, krame Stift und Notizbuch hervor und schreibe das hier auf.