trecke – däue – Ein inspirierender Abend

Als die zwei Donnerschläge zum Auftakt des Feuerwerks ertönten, neigte sich der schöne Abend im Biergarten der Ständigen Vertretung (Stäv) dem Ende zu. Das Lokal im futuristischen Glasgebäudekomplex der NordLB ist mir quasi ein Stück rheinländische Heimat. Auf der Tür steht „trekke“ (ziehen), innen entsprechend „däue“ (schieben, drücken) und natürlich wird Kölsch ausgeschenkt. An diesem Abend habe ich leider keines trinken können. Denn ich war vom geselligen HaCK-Treffen am Donnerstag ziemlich betrunken nach Hause gewankt und noch den ganzen Tag angeschlagen, als ich mich Freitagabend mit Freund Vladimir Alekseev alias Merzmensch traf. Wir kennen uns vom Bloggen seit dem Jahr 2007, begegneten uns noch auf der Plattform Blog.de. Derzeit sind seine klugen und immer anregenden Beiträge hier und hier zu lesen.

Dreimal haben wir uns in Hannover getroffen, denn Vladimir teilt meine Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters, reist eigens aus Frankfurt an und nimmt als Kunstwissenschaftler und Schwitters-Experte an Symposien teil, die das hannoversche Sprengelmuseum in Abständen veranstaltet. Ich habe ihn mehrfach in „Buchkultur im Abendrot“ zitiert, u.a. zur Übersetzungsproblematik des typografischen Märchens „Die Scheuche“ ins Englische, was Thema des ersten Symposiums war.

Wie schön war es, seinen weichen russischen Akzent wieder zu hören und mit diesem inspirierenden jungen Mann zu sprechen. Heute morgen fragte ich mich, in welcher Sprache wohl einer denkt, der neben Russisch, seiner Muttersprache,  Deutsch, Englisch und Japanisch spricht und schreibt. Wir redeten über Künstliche Intelligenz (KI) und seine literarischen Experimente mit KI-Software (davon später mal mehr). Und ich fragte ihn nach neuen Entwicklungen im Fall des geheimnisvollen Dadaisten Karl Waldmann, dessen Existenz nicht zu beweisen ist, von dem es aber eine große Zahl beeindruckender dadaistischer Collagen gibt. Näheres im Blog merzdadaco.hypotheses.

Anders als die Medien, beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, interessiert sich Merzmensch beim Fall Waldmann weniger für die Frage, ob, wann und wo der Künstler gelebt hat, sondern sieht im ganzen Gedöns eine subversive Inszenierung, mit der Kunsthandel, Provenienzforschung, Kunstkritiker und Museen genarrt werden. Der Fall Waldmann ist für Merzmensch quasi eine klug eingefädelte dadistische Kunstaktion im Sinne der von Dada propagierten Antikunst. Ähnliches hat er einem besorgten Kunstsammler mitgeteilt, der mit einer Waldmann-Collage zu ihm nach Frankfurt gekommen ist und sich der Echtheit versichern wollte. Somit „bin ich Teil der Inszenierung Karl Waldmann geworden“, sagt Vladimir. Mit meiner Definition von Kunst „Kunst ist, was ein Künstler in künstlerischer Absicht schafft“, gerate ich damit in Probleme.  Was aber, wenn der Künstler hinter einem Werk nicht fassbar ist? Waldmanns Collagen haben unstreitig Qualität. Es muss einen Schöpfer geben, auch wenn uns nur die imaginäre Gestalt, das Phantom Waldmann bekannt ist.

Und dann ging das Feuerwerk hoch. Wir konnten es nicht sehen, weil Gebäude und eine Baumkrone im Weg waren, brachen deshalb auf und sahen das finale Funkensprühen gespiegelt in den dunklen Fenstern eines Gründerzeithauses.

Die Besucherin

Kategorie KopfkinoDer See war in Aufruhr. Der Wind trieb unaufhörlich wie lebendig zuckende Wellen vor sich her, bis sie gegen das befestigte Nordufer klatschten. Ich stellte mir vor, dass die fetten Maschseekarpfen sich dicht an den Grund des flachen Gewässers drücken müssten, um nicht von der Strömung mitgerissen und an die Kaimauer geschmettert zu werden.
„Sei mal nicht so dramatisch, Trithemius“, sagte Coster. „Natürlich haben die Karpfen weit draußen eine ruhige Bucht, wo sie sich tief in den Schlamm buddeln können. Im Schlick fühlen sie sich geborgen, weshalb man Maschseekarpfen vor Schlachtung und Verzehr mindestens eine Woche in der Badewanne halten sollte, damit sie den Schlammgeschmack loswerden.“
„Was Sie wieder zu wissen glauben, Coster!“
Eigentlich war es kein Wetter, um noch draußen zu sitzen, obwohl die Terrasse des Museumscafés durch eine brusthohe gläserne Einfassung gegen Wind geschützt war. Mich fröstelte trotzdem, denn es hatte leicht zu regnen begonnen.
„Wir wollen etwas anderes reden“, sagte Coster und sah unentwegt an mir vorbei zum Kurt-Schwitters-Platz hin. Du erinnerst dich gewiss noch an meine Metapher von der aufstrebenden Stadt, Trithemius.“ Weiterlesen

Da war – ich bin – du bist! – Neues von der Historischen Avantgarde

Am rechten Gebäudeflügel des Rathauses löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf. Vor mir über einen vom Regen aufgeweichten Weg vorbei am Maschteich stakst eine Frau mit silbernen Pömps durch den Matsch. Ein kleiner Junge, der wie ein mauretanischer Edelknabe verkleidet ist, trippelt an ihrer Seite, kann aber kaum Schritt halten. Sie denkt offenbar nicht daran, ihn unter den Schirm zu nehmen. Ihr Mohr darf ruhig nass werden, ihr roter Fummel jedoch nicht. Ich bedauere, keine Kamera bei mir zu haben, bevor ich realisiere, dass ich doch mit der eierlegenden Wollmilchsau in der Tasche meines Jacketts zumindest ein Bild knipsen könnte.
silberne-schuh
Obwohl die Frau auf ihren silbernen Pömps immer wieder einknickt, ist sie sehr schnell. Und bevor ich die Fotofunktion meines Smartphones gefunden habe, ist sie mir fast davongeeilt und hat ausgerechnet den lästigen Mohr fast abgehängt, so dass er mir ins Bild läuft. Da weiß ich sofort, das Bild ist verunglückt und wenn ich eine Karriere als Fotograf anstreben würde, könnte ich gleich nach Hause gehen.

Wie der Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT) meldete, brachen in einem Brüsseler Kinocenter Krawalle aus, so dass es geräumt werden musste. Das Kinocenter hatte als Werbeaktion mit einem reduzierten Eintritt von 4 Euro gelockt und damit Tumulte ausgelöst.

Es ist Samstag. Der Erweiterungsbau des Sprengelmuseums Hannover wird eröffnet und der Eintritt ist nicht auf vier Euro reduziert, sondern sogar frei. Aber die steifen Hannoveraner verlieren nicht den Kopf, weil sie ein paar Euro sparen können. Tumulte bleiben aus. Es geht gesittet zu im vollen Eingangsbereich. In der Menge sehe ich meinen Blogfreund Merzmensch sofort. Seinetwegen bin ich hergekommen. Wir kennen uns als Blogger schon gut sieben Jahre, hatten uns vor Jahren schon einmal im Sprengelmuseum getroffen, als der junge Kunstwissenschaftler Merzmensch an einer Tagung über den Hannoveraner Dadaisten Kurt Schwitters teilgenommen hatte. Das Interesse an Kurt Schwitters verbindet uns. Schwittters hatte seine Spielart des Dadaismus Merz genannt, daher der Name Merzmensch. Die linksradikalen Berliner Dadaisten hatten den bürgerlichen Schwitters weitgehend abgelehnt. Dafür unterhielt Kurt Schwitters enge Kontakte zu El Lissizky, einem wichtigen Vertreter der russischen Avantgarde. Die beiden arbeiteten zusammen an der Zeitschrift MERZ.

Mein Freund Merzmensch kommt eigentlich aus Russland, ist aber ein weltgewandter Kosmopolit. Anders als ich ist er bestens ausgerüstet, mit Kamera, Objektivtasche und Laptop. Deshalb kann er über die Eröffnung des Erweiterungsbaus auch kompetenter berichten als ich, nämlich hier in seinem anregenden Wissenschaftsblog

Ich möchte etwas anderes zeigen, und zwar eine kuriose Parallele zwischen einem Video von mir und einem von Merzmensch. Bei 6:21 Minuten ist ein Interview mit einer Dame Pressesprecherin zu sehen, die vor lauter Erzählfreude nicht nur vergisst, was ich sie gefragt habe, sondern ein wenig selbstbezüglich meine Speicherkarte vollquatscht, bis …

Das Ende im Video von Merzmensch ist wie mir scheint, die sympathische Antwort.
Aber beide Videos lohnen sich natürlich, von Anfang an betrachtet zu werden. Viel Vergnügen!