Bliss Symbole – eine nicht-alphabetische Schrift

Es gibt in China 17 verschiedene Sprachen, die wiederum eine Unzahl von Dialekten kennen. Wie können sich die Chinesen dann überhaupt verständigen? Das Verbindende ist die Schrift. Sie bildet nicht den Sprachlaut ab wie die Alphabetschrift, sondern besteht aus Bildzeichen, die wiederum für Ideen stehen. Beispielsweise steht die abstrahierte Darstellung von zwei Frauen unter einem Dach für „Streit.“ Wenn es um Gendergerechtigkeit geht, hat die chinesische Schrift also noch Potential 😉 Doch darum geht es hier nicht. Es geht um das Prinzip der chinesischen Schrift, dass die Zeichen in allen chinesischen Sprachen unterschiedlich gesprochen werden, vergleichbar den Zahlzeichen unserer Schrift, die ja auch je nach Sprache völlig anders ausgesprochen werden. So müssen Chinesen nicht die verschiedenen chinesischen Sprachen und Dialekte lernen, sondern „nur“ etwa 10.000 Schriftzeichen. Es gibt wesentlich mehr Zeichen, aber die 10.000 sollten reichen, ein Plakat oder eine Zeitung zu lesen. Die Schriftzeichen sind übrigens im chinesischen Lexikon nach der Anzahl ihrer Striche geordnet.

Diese Kenntnis erlangte der österreichische Jude Charles Kasiel Bliss, als ihn die Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung nach Shanghai verschlagen hatte. Bliss war von der chinesischen Schrift fasziniert, und er kam auf die Idee, ein vergleichbares Symbolsystem zu entwickeln, das international verstanden werden kann und wie die Plansprachen Esperanto, Ido, Volapük und dergleichen der Völkerverständigung dienen sollte. 1949 veröffentlichte Charles Bliss in Australien sein Werk „International Semantography: A non-alphabetical Symbol Writing readable in all languages“ (Semantografie: Eine nicht-alphabetische Symbolschrift, die in allen Sprachen lesbar ist).

Das hohe Ziel hat sich nicht bewahrheitet. Die Idee, über künstlich geschaffene Sprachen oder Zeichensysteme die Völkerverständigung zu fördern, scheitert am Desinteresse und dem Egoismus der Völker und ihrer führenden Politiker. Als international verständliche Bildzeichen sind inzwischen die Piktogramme in Bahnhöfen, Flughäfen oder bei Sportveranstaltungen gebräuchlich. Sie wurden in der uns bekannten Form vom Grafiker Otl Aicher für die Olympischen Spiele 1972 in München entworfen und seither beständig weiterentwickelt.
Doch mit Piktogrammen lassen sich keine komplexen Aussagen machen, denn sie sind als abbildhafte Zeichen zwar unmittelbar verständlich, können aber nur konkrete Sachverhalte verdeutlichen. Die Bedeutung der komplexeren Bliss-Symbole muss man lernen.

Bliss-Symbole werden heute beispielsweise für die Kommunikation mit Gehörlosen eingesetzt. Für Gehörlose ist die Alphabetschrift ungeeignet, weil sie ja den Sprachlaut abbildet. Auf einem Computer mit zwei Terminals und zweiseitigem Bildschirm wird auf der einen Seite ein Text in Alphabetschrift eingetippt und angezeigt, der auf der anderen Seite dem Gehörlosen in Bliss-Symbolen erscheint und umgekehrt. Eine Erleichterung für alle Beteiligten.

An Bliss-Symbole musste ich denken, als socopuk folgenden Text veröffentlichte:
Ich schrieb ihr, dass es aus diesem Dilemma, aus dem Land ohne Buchstaben schriftlich nichts mitteilen zu können, den Ausweg über Bliss-Symbole gäbe, worauf mir socopuk vorschlug, drei „einfache Sätze“ ihres Reiseberichts in Bliss-Symbolen darzustellen. Leider habe ich Bliss-Symbole nicht gelernt, und im Internet sind nicht alle Symbole verfügbar. Aber das System kann ich vorstellen und ich habe auch socopuks Bericht darstellen können, wobei ich für die Richtigkeit nicht garantieren kann.

Ich sitze im Wald.
Ich fliehe vor den Buchstaben.
Ich höre die Schritte meiner Seele.

Das Gestaltungsprinzip ist die auf einfache Formen reduzierte Darstellung. Das unterscheidet die Bliss symbols von modernen Piktogrammen, den emojis, auf die Videbitis in seinem Kommentar hinweist. Deren Vorform, die emoticons, haben auch ein reduziertes Repertoire, waren zuerst nur Satz- und Sonderzeichen. Erst HTML-Interpreter wandeln sie in Bildzeichen.

Zurück zu den Bliss-Symbolen und zu meinen Versuch, socopuks Sätze darin zu übersetzen:
Im 3. Beispielsatz ist das Symbol für Gefühl (Herz) mit Seele gleichgesetzt. Im 2. Satz habe ich für „fliehe“ das „Gehen“-Zeichen gespiegelt und mit dem Zeichen für dislike (siehe Tafel 2) kombiniert. Buchstaben wusste ich nicht anders darzustellen als abc. Da ich das Zeichen für Wald nicht kenne, behalf ich mir in Satz 1 mit der Verdopplung des Zeichens für Baum. Mehr Information über Bliss symbole hier.

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Forschungsreise zu den Franken – Epilog

Ich weiß nicht, ob hauschnau überhaupt ein allgemein bekanntes Wort ist. Es gehörte jedenfalls zum Idiolekt meiner Mutter und meint, ratzfatz über etwas hinweggegangen zu sein, aber schlimmer als ratzfatz, nämlich lieblos. Heute Morgen unter der Dusche fiel mir jedenfalls auf, ich wäre hauschnau mit dem Schluss meiner Reisedokumentation verfahren. Wie die Kutschpferde schneller werden, wenn sie den heimischen Stall wittern, drängten sich die Wörter, im letzten Absatz zu Schlussworten zu werden, und ehe ich „Ruhig, Brauner!“ rufen konnte, riss die Kutsche mich fort wie Kafkas machtlosen Landarzt, kam ins Rasen, bekam vorm Haus gerade noch die Kurve auf zwei Rädern, dass der Kies aufstob, ratzfatz war ausgespannt und alles in seiner Box, die „ENDE-Vignette darunter geknallt, und nachdem überall nach dem Rechten gesehen war, die Pferde ihre Mäuler im Futtersack hatten, sank ich ins Bett.

Ach, wie hingebungsvoll habe ich die Vignette damals gezeichnet und gemalt, als noch viel Zeit in meiner Welt war. Ich gestaltete ENDE, aber dachte nicht ans Ende, hatte noch ewig Zeit vorm Bauch. Diese Sorglosigkeit hat mich verlassen. Ich bin erschöpft von der schriftlichen Tour, die viel mehr Denken als Tastendrücken war, und das Gehirn ist bekanntlich der größte Energieverbraucher.

Wie war es in Nürnberg? Ich bekam einen Einblick in fremde Lebenswelten, vorrangig in die von Christian Dümmler CD und Anna socopuk. Erlebte die beiden in ihrem Wirkungskreis in ihrer Heimatstadt Nürnberg und war selbst für kurze Zeit Akteur in ihrem jeweiligen Mikrokosmos, lernte Teilbereiche ihrer Stadt kennen und mich darin zu orientieren. Ganz wunderbar finde ich übrigens, dass es von der ersten Begegnung zwischen Christian und mir zwei Texte gibt, aus unserer jeweiligen Perspektive.

Jede, jeder hat schon vor einem fremden Haus gestanden und sich gefragt: Wie mag es drinnen aussehen, was geschieht dort? Welchen Mikrokosmos beherbergt das Gebäude und ist die normale Lebenswelt welcher Menschen mit welchen Sozialbezügen? Mir geht es vor einer unbekannten Arztpraxis so, besonders aber beim Bahnfahren, wenn ich durchs Zugfenster plötzlich Menschen in ihrem Schrebergarten oder vor ihrer Haustür stehen sehe und ahne, da ist alltägliches Leben, von dem ich nur ein Vorbeiwischen mitbekomme. Aber auch das ist nur ein winziger Teilbereich der Welt. Ein Bild von einer anderen Reise:

Bahngleise zu Universen – Foto: JvdL

Unplanmäßiger Halt vor Bad Oeynhausen. Da reckt sich eine kümmerliche Pflanze aus dem Schotter und zittert im Westwind. Vermutlich werde ich sie niemals wieder sehen, weiß nicht einmal ihren biologischen Namen, und doch tritt sie plötzlich in meine Wahrnehmung ein, und ihre Botschaft ist: Ich bin da, ich war es schon gestern und werde es auch morgen sein. Mal werde ich von der Sonne gedörrt, mal vom Wind gezaust, mal vom Regen niedergedrückt, mal droht mich ein vorbeirauschender Zug hinweg zu reißen, doch ich treibe meine Wurzeln tiefer und trotze all den widrigen Bedingungen am Gleisbett. Ich war ein Samenkorn, als du fünf Jahre weniger auf dem Buckel hattest, und ich werde dich vielleicht überleben. Jedenfalls interessiere ich mich nicht für dein Machen und Tun, denn das hier ist mein Universum. – Es macht mich wehmütig, dass die Pflanze mir eigentlich gar keine Botschaft sendet, sondern ich sie nur herauslese aus ihrer Existenz. So viele Leben nebeneinander, so viele Universen.

Das Meiste von der Vielfalt des Lebens bleibt uns für immer verborgen. Einblick zu bekommen ist ein Geschenk und eine Erweiterung der eigenen Perspektive.

In meiner Dokumentation treten Menschen auf, die sich mit entfremdeter Arbeit eher krumm und schief durchs Leben quälen müssen. Ich fühle mich fast als deren Ausbeuter, wenn ich sage, dass auch sie mir die Perspektive erweitert haben. Während ich mit Christian im Biergarten saß, bewunderte ich die Kellnerin, die mehrfach ein Riesentablett mit Speisen vorbeitrug, dieses lange Brett mit einer Hand stemmte und dabei fast schwerelos schien. Das ist vielleicht besser, als jeden Morgen im Bahnhof toten Fisch zu rollen, endlos Butterbrote zu schmieren oder ein „U-Bahn-Kapitän“ zu sein, dem durch die fahrerlose U-Bahn auf „infame Weise“ seine „völlige Überflüssigkeit“ mitgeteilt wird, wie Matthias Egersdörfer im Video schimpft.

Was wird? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Schöne, das Gelungene nicht einfach wiederholt werden kann. Aber Ähnliches sollte möglich sein, wenn man es nicht durch Erwartungen überfrachtet. Als ehemaliger Handwerker muss ich zum Feierabend immer ein Ergebnis vorweisen können. Ein erstes Ergebnis ist diese Dokumentation. An ihr erfreuen mich die vielen Gedanken und Statements im Subtext der Kommentare. Aber gewaltig stört mich die Ortlosigkeit der digitalen Schrift. Ich habe seit 2005 schon viele Reisedokumentationen geschrieben, manche wie hier, manche ein wenig phantastischer auf anderen Plattformen. Die hätte ich Lust zusammenzutragen, um ein Buch daraus zu machen, das über versinkende Blogplattformen und auch meine Endlichkeit hinausragt. Ich habe Christian schon gefragt, ob er etwas Neues von mir layouten will. Er hat zugesagt. Was sonst noch wird, ist bislang nicht ausformuliert. Guten Tag und danke fürs Mitkommen.

zurück auf Los

 

Forschungsreise zu den Franken (7) – Grau fahren

Anna bringt mich noch zur U-Bahn. Ob ich wieder mit einer fahrerlosen U-Bahn davon rausche, beachte ich nicht. Es wird jedenfalls keine Bahn gewesen sein, die die Nürnberger von der Münchener Verkehrsgesellschaft (MVG) ausgeliehen haben. Denn bevor die abfährt, ruft ein U-Bahn-Kapitän: „Zurückbleiben!“ Man kann in Münchens U-Bahn kaum verhindern, einmal auf der Schwelle von diesem Befehl erwischt zu werden. Dorfbewohnern und Deppen sagt man ja nach, sie wären ein bisschen zurückgeblieben. Doch muss die MVG die Münchner ständig zum Zurückbleiben auffordern? Das grenzt an Gehirnwäsche, ist aber offenbar nötig, denn einmal am Tag muss jeder Münchner, jede Münchnerin sich zum Marienplatz begeben und sinnlos am prächtigen Rathaus vorbeilaufen, weshalb da ein unfassbares Gerenne ist. So habe ich es jedenfalls vor fünf Jahren und mehr erlebt, als es noch eine Frau an meiner Seite gab, die mich sicher durch die Fährnisse einer fremden Großstadt geleitet hat. Heute könnte ich höchstens eine sterile Smartphone-App haben. Von der fahrerlosen Nürnberger U-Bahn, ihren Vorzügen und Nachteilen hatte ich jedenfalls schon durch Matthias Egersdörfer gehört:

An der Hotelrezeption knubbelt sich eine vielköpfige Reisegruppe. Ich muss warten, bevor ich bitten kann, meinen Koffer herauszugeben. Eine genervte und überforderte Angestellte verlangt meinen Rückgabe-Beleg zu sehen. „Den habe ich von Ihrer Kollegin nicht bekommen“, behaupte ich. „Dann kann ich Ihnen doch nicht einfach einen Koffer geben!“ Inzwischen hat sie den Raum aufgeschlossen und ich sehe meinen Koffer. „Da ist er, ich kann Ihnen sogar sagen, was drin ist!“ „O nein,“, sagt sie, „Ich werde nicht einfach einen fremden Koffer aufmachen.“ Die kleine Angestellte von heute früh kommt dazu und erinnert sich an mich. Sie hätte mir doch einen Beleg gegeben. Da zücke ich meinen vermeintlichen Fahrschein, alle atmen erleichtert auf, und ich bekomme meinen Koffer noch rechtzeitig.

Am Abend kickt die Frau ihre unbequemen Pumps von ihren müden Füßen, lässt sich aufstöhnend aufs Sofa fallen und erzählt ihrem Liebsten, was wieder los war im Hotel. „Und im schlimmsten Trubel wollte einer seinen Koffer ohne Legitimation abholen. Behauptete, man hätte ihm keine gegeben, fand das Kärtchen dann aber doch in seiner Brusttasche. Und was soll ich dir sagen, der Depp hatte den Kofferbeleg zweimal in der U-Bahn vom Automaten abstempeln lassen!“

Schon um 6 Uhr in der Früh war ich im Bahnhof gewesen und hatte gefrühstückt. Während ich meine Lebensgeister mit einem Kaffee weckte, beobachtete ich die Angestellten bei der Bäckerei und angrenzenden Imbissen. Ich sah wie Fischgerichte abgepackt und Imbisse auf den Kundenansturm vorbereitet wurden. Alle beachteten ein gemäßes Tempo, denn es würde wieder heiß und anstrengend werden heute. Eine junge Frau in Bäckerei-Uniform schmiert stoisch Brote, Berge davon. Ich Müßiggänger profitiere von ihrer Arbeitsleistung und bedauere sie für ihre Tätigkeit tagein tagaus. Irgendwann wird die Frau darüber alt geworden sein, das letzte Brot schmieren und sich fragen, wieso ihr dieses öde Butterbrotleben bestimmt war und ob sie nicht etwas Besseres aus ihrem Leben hätte machen können, denn schließlich war sie auch mal ein hoffnungsfrohes Kindlein gewesen, damals als man ihr Lesen und Schreiben beibrachte.

Manche aber gehen auf in ihrem Beruf und erfüllen ihn mit ihrer ganzen Existenz, so der junge Zugschaffner im ICE. Nachdem er meinen Fahrschein geknipst hat, fragt er nach der Bahncard. Ich habe nur eine provisorische Bahncard 25, gemeinsam mit dem Fahrschein erstanden. Er stutzt und sagt: „Kann ich den Fahrschein nochmal sehen? Da stand doch Bahncard 50.“ Und ja, die freundliche Frau im hannoverschen Reisezentrum hat sich zu meinen Gunsten vertan. Er schaut mich böse an. Ich sage: „Aber das ist nicht meine Schuld. Wie Sie sehen können, habe ich Bahncard und Fahrschein gleichzeitig gekauft.“ Da guckt er noch böser, und ich denke, jetzt zieht er den Elektroschocker, denn neben mir sitzt keine blonde Schönheit, sondern nur ein nach Zigarettenqualm stinkender Blödmann. Zum Glück überzeugt den Schaffner mein Argument, und er wendet sich ab. Immer nur Ärger mit den Unterbetreuern.

Vor mir an der Rückenlehne ein quadratischer Aufkleber mit Scann-Kode, darüber die Aufforderung: „Bitte beurteilen Sie die heutige Fahrt!“ Wer sein Smartphone tatsächlich an den Scann-Kode hält, um die Fahrt zu beurteilen, nein, dessen Kopf möchte ich lieber nicht haben, und wenn ich hundert mal schon grau auf dem Kopf bin. Ich bin so froh, dass mich die Bahn nach Nürnberg und zurückbefördert hat, denn müsste ich zu Fuß laufen, hätte ich all die schönen Begegnungen und Erfahrungen erfinden müssen. Und wer kann das schon?

Epilog

Forschungsreise zu den Franken (6) – Kicks voor niks

„Du solltest auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen und eine fahrerlose U-Bahn abwarten (…) Dann kannst du vorn rausgucken – am besten ist der Effekt, wenn man die Hände an die Scheibe legt und so das Licht der Wageninnenbeleuchtung abschirmt!“, hatte mir Anna in der Mail mit der Wegbeschreibung geschrieben, und ich hatte gedacht, o no, liebe Anna! Ich bin doch schon froh, wenn ich in der fremden Stadt in die richtige U-Bahn steige. Ist sowieso alles neu für mich, da brauche ich nicht zusätzlich,  was die holländischen Kabarettisten Van Kooten / de Bie „Kicks voor niks“ (Schöne Erfahrung kostenlos) nennen.

Und jetzt stehen Anna und ich nebeneinander vorne in der fahrerlosen U-Bahn und Anna holt sich diesen Kick, genau wie sie ihn beschrieben hatte. Während wir hineinrasen, schaut sie in die Finsternis des Tunnels hinaus, und ich höre mich nörgeln: „Der müsste beleuchtet sein.“ Ebenfalls mit dem Gesicht an die Scheibe zu gehen, mag ich noch nicht. Auf dem Bahnsteig eben, derweil wir auf die U-Bahn warteten, hatte mir Anna erzählt, dass die Nürnberger Verkehrsbetriebe sich zeitweise U-Bahnen aus München ausgeliehen hatten. Und in Münchner U-Bahnen ruft der Fahrer vor dem Türeschließen immer „Zurückbleiben!“ Ich erwäge bei mir, wie die wohl hergefahren sind. Hat man eine Tunnelröhre von München nach Nürnberg gegraben? Heute nach einem Eintrag von Christian (CD) über unsere Begegnung weiß ich, dass sich da vermutlich ein gigantischer Transportwurm von Stadt zu Stadt durchgebuddelt hat.

Dieser WordPress-Algorithmus, der Anna und mich zusammengebracht hat, woher konnte er wissen, dass mich ebenfalls Gleissysteme faszinieren, diese ausgeklügelten Netzwerke, die analogen Vorformen des Internets? Zum Glück weiß ich nicht, dass ich Grau fahre. Die beiden U-Bahnfahrten, die mit dem ICE, alle fahre ich unwissentlich Grau, was juristisch trotzdem als strafbare Beförderungserschleichung gilt. Im Jahr 1998 bin ich mit einer Kollegin in Frankfurt bei der FAZ gewesen. In Unkenntnis des Frankfurter Tarifsystems wurden wir mit den falschen Fahrkarten erwischt, gestellt von grimmigen Schwarzen Sheriffs. Ich glaube, wenn die Kollegin nicht hübsch und blond gewesen wäre, hätten die uns glatt erschossen.

Hier geht nun alles gut, und ich habe Zeit zu erwägen, dass Anna im Blog zwar zuweilen ätherisch auf mich gewirkt hat, aber deutlich handfester dem Leben zugewandt ist als ich gedacht hatte. Ach, und wie froh ich bin, dass sie mich abgeholt hat und ich mir den Weg zu ihrer Ausstellung nicht suchen muss, als uns oben an der U-Bahn-Treppe die aufkommende Hitze entgegenschlägt.

Der Ausstellungsraum ist hell und schön kühl. Ich sehe erstaunliche Ergebnisse einer einjährigen Papier-Holz-Glas-Metall-Fortbildung, ausgeführt mit einer bemerkenswerten Konsequenz und einem klaren Konzept. Viele Exponate faszinieren mich. Da ist das Papiermodell einer Villa im Bauhausstil, wie man sie glatt bauen könnte und ihre Bewohner glücklich machen. Eine bizarr geformte Pralinenschachtel, aus der sie mich eine Praline kosten lässt, damit ich durch die synästhetische Erfahrung das Konzept der Formgebung verstehe. Es gibt auch ein prächtiges Werk- oder Skizzenbuch, das ich hinsichtlich Gestaltung und Ausführung für das Herzstück der Ausstellung halte, weil man darin sehen kann, dass allen Werkstücken und Bildern gründliche Überlegung und Planung vorausging. Das Buch ist wie die Quelle des schöpferischen Reichtums, der hier zu sehen ist. Anna muss gute, sehr gute Dozenten gehabt haben. Aber der beste Lehrer scheitert, wenn seine Angebote nicht begeistert aufgenommen, verständig entwickelt und beharrlich umgesetzt werden.

Als ihr Mann kurz dazu kommt und sich wundert, dass wir bei unserem Rundgang noch nicht weit gekommen sind, sage ich, dass ich gedacht hatte „ein Jahr?“, aber nicht, was Anna in diesem einen Jahr alles geschaffen habe. Ihr Mann bringt mir freundlicherweise einen Kaffee und wundert sich gewiss, dass er uns plaudernd findet, als würden wir uns schon Jahre gut kennen. Wir kommen auch nur langsam voran bei der Betrachtung, weil ich mich immer mal wieder setzen muss, wobei sie mir zwei Texte vorliest, einen hochsensiblen übers Aktzeichnen und im Vorgriff auf unser Treffen einen über mich, der mich rührt. Und ab und zu will ich auch was erzählen und werde mit einem herzlichen Lachen belohnt.

Von den Glasarbeiten sagt Anna, dass sie da nach der Ausstellung weiter machen will. Ein Exponat fällt mir besonders auf. Eine kräftige Platte aus schön gefärbtem und verlaufenem Glas hatte beim Erhitzen in ihrer Mitte eine Blase ausgebildet. Sie ist geplatzt und erstarrt zu filigranen, phantastischen Formen mit nur unscharf berechenbaren Randzonen. Die Gebilde zeigen sich transparent und zart wie eine verwunschene Feenwelt, umgeben von einem festen gläsernen Rahmen. Ohne es zu wissen hat Anna ein Sinnbild ihrer Selbst geschaffen, was mir aber erst zu Hause einfällt. Die verletzliche Innenwelt, die sich oft in ihrem Blog zeigt, geschützt und gehalten von einem schönen Außen.

Drei Stunden bin ich dort gewesen, ich muss los. Mein Resümee: Glücklich, wer die Chance bekommt, sich derart zu entfalten und sie nutzt, eine neue Wertschätzung seiner Selbst zu entwickeln und zu schauen, was noch ist neben dem alltäglichen fremdbestimmten Getriebensein. Die neoliberale Ideologie, die den Menschen nach seiner ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet, hat ja leider alle Lebensbereiche durchdrungen und lässt freier menschlicher Entfaltung kaum noch Raum. Es wundert nicht, dass die Menschen trotz all der Gimmicks, die man ihnen aufschwatzt, trotz der besinnungslosen Events, trotz medialem „Zentrifugalbrummball“ ( Stanislav Lem), trotz der Zerstreuung auf allen Kanälen nicht glücklich sind. Die Ökonomisierung des Menschen zwingt ihn, ein flaches Leben zu führen und auch noch gut zu heißen, weils ja nicht besser wird, wenn man sich und sein Tun ständig in Frage stellt, ohne etwas grundlegend ändern zu können.

Anna hat ihr Sabbatjahr optimal genutzt, hat einen Weg gefunden, ihre Talente zu heben, zu entwickeln und zu wertschätzen. Das ist verantwortliche Selbstsorge, die nach einem antiken Lebenskonzept allein berechtigt zu einem guten Leben. Ich hoffe, sie kann vieles davon in den Alltag retten.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (5) – Anna und ich

Genau acht Jahre sind vergangen, seit ich mit dem Fahrrad von Hannover zu meiner alten Heimatstadt Aachen gefahren bin. Eine Woche dauerte diese Lesereise quer durch halb Deutschland, fünf Wochen habe ich an der Reisedokumentation geschrieben. Ähnlich geht es zu im August 2018, unterwegs war ich gerade mal zwei Tage, aber heute schreibe ich die 5. Folge. Es wird noch eine 6. und eventuell 7. Folge geben, denn ich verzeichne wie damals in „Pataphysikalische Geheimpapiere“ die Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise (gibt es leider nur noch als E-Book. Die Druckversion ist vergriffen).

Das kann ich übrigens nur erzählend und indem ich meinen „assoziativen Eskapaden Raum“ gebe (socopuk) . Ich wohne ja in meinen Texten. Sie sind mir wie ein Haus, das ich errichte aus den Baustoffen, die die Welt mir gerade bietet und dem Passenden, das ich im Lager habe. Eine Weile lebe ich dann in diesem Haus, verbessere hier noch was, verschönere da und freue mich über Besuch. Bis ich mich sattgesehen habe an meinen vier Wänden, weiterziehen muss und ein neues Haus errichten.

Es ist 8:40 Uhr. Von der bequemen Sitzreihe in der Lobby des Hotels, die der Fensterfront zugewandt ist, habe ich die Straße im Blick. Anna socopuk wird um 9:00 Uhr kommen, um mich abzuholen, also ist noch Zeit genug. Ich habe bereits ausgecheckt, musste dazu nur die rote RFID-Karte abgeben. Meinen Koffer will ich noch dalassen, und ich frage nach dem Free-City-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, das man mir eigentlich schon bei der Anmeldung hätte geben müssen, da es im Zimmerpreis enthalten ist. Die junge Frau am Tresen schließt meinen Koffer weg und gibt mir einen schmalen Abschnitt, von dem ich glaube, dass er mein Ticket ist. Achtlos versenke ich den Streifen in der Brusttasche meines Shirts. Ich bin nicht bei der Sache. In der Nacht habe ich unruhig geschlafen, vermutlich vom Kellerbier. Weil ich mehrfach erwachte, bekam ich mit, dass man schon früh die Klimaanlage ausschaltete, wodurch es viel zu warm im Zimmer wurde. Man muss nicht Kachelmann heißen, um zu verstehen, dass ein Haus die tagsüber in den Außenwänden gespeicherte Hitze nachts an die Umgebung abgibt, auch nach innen in die zuvor klimatisierten Räume.

Doch am noch jungen Morgen ist die Temperatur angenehm. Draußen die Passanten finden das wohl auch. Ich halte Ausschau nach einer großgewachsenen jungen Frau mit rosafarbenem Shirt. „DAS rosa Shirt“, werde sie tragen, hatte Anna geschrieben, mehr weiß ich nicht. Wir kennen uns noch nicht lange und auch nicht besonders gut. Nachdem eine „socopuk“ ihr Like unter einige meiner Texte gesetzt hatte, habe ich mir ihr Blog angeschaut. Es zeichnet sich durch sparsame Formgebung aus. Es gibt weder Farbe noch Bilder. Mir gefällt das. Ich mag keinen Farbrausch, keine Flut schön geknipster Bilder, keine protzige oder geschmäcklerische Typografie, dass man denkt, hier wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Das Motto fiel mir auf: „Buchstaben in der richtigen Reihenfolge“ changiert zwischen Understatement, Anspruch und … stürzt mich jedenfalls in philosophische Abgründe bei der Frage, was denn die „richtige Reihenfolge“ ist.

In ihren Texten erkundet eine junge, sprachgewandte Frau ihre Befindlichkeit. Unter den meist kurzen Einträgen tauchen immer wieder die Tags: „Migräne, Depression, Herausforderung, Kunst, Zukunft“ auf. Spätestens bei der eigenwilligen Kategorisierung: „Gewellt, gestreift, gepunktet“ ahne ich, dass es sich bei dem Blog um ein fast hermetisches Selbstfindungsprojekt handelt, das ich hinsichtlich seiner metaphorischen und zuweilen poetischen Stärke auch als literarisches Kunstprojekt ansehen möchte. Bei der Kommentierung bemühe ich mich um Zurückhaltung. Es scheint sich da etwas Filigranes zu entwickeln, und ich will es keinesfalls durch ein unbedachtes Wort zerstören. Gelegentlich, eher selten kommentiert socopuk auch bei mir, beteiligt sich aber an Schreib- und Gestaltungsprojekten im Teestübchen mit immer mich überraschenden und erfreuenden Ergebnissen. So hat mich auch die Einladung zu ihrer Kunstausstellung „Ein Jahr“ überrascht.

Und jetzt sitze ich in der Hotel-Lobby und bin gespannt. Socopuks Texte haben mir kaum Hinweise auf ihr analoges Dasein gegeben. Viel mehr als ihre Schreibhand und ihre Handschrift kenne ich nicht. Dass sie Anna heißt, so alt ist wie mein jüngster Sohn und ich in der Ausstellung ihren Mann kennenlernen werde, weiß ich auch. Zwei Minuten vor 9 Uhr steht sie plötzlich auf der anderen Straßenseite und beobachtet den Hoteleingang. Ich hatte eine blonde Frau erwartet: Anna ist brünett, was ja auch viel besser zu ihrem Vornamen passt. Schon als ich mich erhebe und auf den Ausgang zugehe, ist sie mir vertraut. Offenbar hat der „seltsame Algorithmus“ (socopuk), der uns bei wordpress zusammengeführt hat, eine gute Wahl getroffen. Wir begrüßen uns, reden ein paar Worte und gehen zur U-Bahnstation.

Fortsetzung