message from mars

Vor Tagen ging ich die Straße lang, als vor mir einer aus der Haustür trat und etwas Seltsames tat. Ich konnte keinen Sinn darin sehen, weshalb ich dachte, die Begebenheit verschweigst du lieber. Am Ende steckt irgendein Quatsch dahinter, der Typ war ein ganz normaler Abgesandter der Quatschwelt, und ich bin darauf reingefallen. Gestern überholte mich eine junge Frau, lief mit eiligen Schritten davon und tat das Gleiche wie der Kerl, den ich lieber verschwiegen hätte. Sie war schon zu weit weg, so dass ich nur unscharf sehen konnte, was sie tat.

Sie hielt ihr Smartphone waagerecht an ihren Kopf, als wollte sie eine Schublade hineinschieben. Waagerecht vor dem Mund gehalten, das habe ich schon gesehen. Aber waagerecht an den Kopf? Gibt es solche Smartphones, die man in ein Kopfschubfach hineinschieben kann? Oder was habe ich da zum zweiten Mal gesehen? Es wäre sicher bequemer, als ein Smartphone waagerecht außen an den Kopf zu halten, wie es auch der Kerl getan hat, der vor mir aus der Haustür trat. Er musste schon drinnen damit begonnen haben, Vielleicht hatte er bereits so gefrühstückt oder war schon so aufgewacht – mit dem Smartphone an der Birne. Man weiß es nicht. Ich glaube inzwischen sowieso, alle um mich herum leben in einer parallelen Quatschwelt alternativen Realität.

Ich erinnere mich genau, wann meine und die alternative Welt begonnen haben auseinanderzudriften. Das war in den 1990-er Jahren in Aachen. In der zur Straße offenen Front eines Modeladens standen drehbare Ständer mit Herrenhemden. Ein junger Mann drehte lustlos am Ständer und befummelte Hemden. Mit der Rechten hielt er ein Mobiltelefon ans Ohr, aber senkrecht, wie es damals üblich war, und sprach mit einer fernen, vielleicht auch imaginären Person. Er sagte: „Was weiß ich, was ich für eine scheiß Hemdengröße hab‘.“

So hat alles angefangen. Ich habe gelesen, die seltenen Erden, die zum Bau von Mobilfunkgeräten benötigt werden, kommen aus Afrika. Kleinwüchsige, rachitische Kinder kriechen in enge Stollen, die durch nichts gesichert sind, und graben das Zeug mit bloßen Händen aus, damit im fernen Aachen jemand mitteilen kann, dass er seine „scheiß Hemdengröße“ nicht kennt.

Fernsehen tut manchmal sehr sehr weh

Zufällig im Vorbeizappen bei „3nach9“ den Juso-Vorsitzenden Kevin Künert gesehen. Er schwärmte von den kulinarischen Genüssen im Hauptbahnhof von Hannover. In einem Laden im Untergeschoss gebe es „sehr sehr gute Brötchen mit Wurst drauf“. Und es sei bei ihm und seinem Freundeskreis „ein running gag, wir schicken uns immer Fotos, wenn wir bei diesem Laden sind und eh, es ist sehr lecker.“
Der Journalist Giovanni di Lorenzo fragte investigativ nach:
„Und ist das Mett oder Tartar?“
„Ich bin eher die Fraktion Mett (…).“
„Ist das der Realo- oder der Fundiflügel?“
„Das ist der Fundi-Flügel“ (…)
„Und mit Zwiebel oder ohne?“
„Selbstverständlich ohne Zwiebeln (…)“
Der Tagesschau-Nickautomat Judith Rakers grätschte dazwischen: „Stimmt das, Giovanni?“

Ich dachte, ihr seid ja noch viel größere Deppen als ich geglaubt hätte. Und was soll ich sagen, diesen Wortwechsel aus dem Untergeschoss der öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung musste ich mir heute mehrmals in der Mediathek anschauen, um ihn korrekt wiedergeben zu können. Wegen solcher Qualen habe ich im Jahr 2006 aufgehört, für die Titanic „Briefe an die Leser“ zu schreiben. Wir lernen: der Fundiflügel, den es eigentlich nur bei den Grünen gibt, aber das kann man als ZEIT-Herausgeber schon mal verwechseln, also der Kreis um den Jusovorsitzenden Kevin Künert mampft im hannoverschen Hauptbahnhof Mettwurstbrötchen und schickt sich von diesem weltbewegenden Ereignis gegenseitig Fotos aufs Smartphone.
Liegt das an schwammartiger Rückbildung von Gehirnsubstanz durch BSE?

Kinder in Afrika buddeln in 50 Meter tiefen Minen mit bloßen Händen nach Kobalt und anderen seltenen Erden für die Smartphone-Herstellung, damit Kevin Künert Bilder von seinem Wurstbrot in die Welt schicken kann. Die desgleichen barbarischen Bedingungen der tierquälerischen Billigfleischerzeugung für Wurstbuden in Bahnhofs-Untergeschossen wecken im ZEIT-Herausgeber di Lorenzo die brennende Neugier, ob Zwiebeln drauf kommen.

    „Sollen wir Ihnen den Weltekel einpacken oder geht der so mit?“
    „Haben Sie Geschenkpapier?“
    „Welches hätten Sie denn gern, das Schwarze oder das Rote mit Herzchen?“
    „Keine Ahnung. Ach, lassen Sie nur, ich nehm‘ ihn für unterwegs.“