Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 1

In der Apotheke ist ein Absperrband quer vor die Ladentheke gespannt. Ich frage die junge Apothekerin: „Fühlen Sie sich ausreichend geschützt durch die Absperrung?“
„Nein!“, sagt sie. „ Aber was sollen wir machen? Wir müssen ja.“
Freundin Socopuk empfindet „große Genugtuung, dass das Wort ’systemrelevant‘ gerade eine sehr würdige Verwendung in der Berichterstattung findet.“

Ein Mann steht grübelnd vor seinem jüngst aufwendig umgebauten Kiosk, einem Markt, in dem er auch warme Speisen anbietet. Im Kiosk kein Kunde. Er scheint sich zu sorgen, wie er wohl die Pacht für das Ladenlokal aufbringen soll, wenn die Kunden ausbleiben. Die soziale Vernunft würde gebieten, dass auch der Vermieter nichts kassiert, wenn sein Mieter keine Einnahmen hat. Es nutzt ihm doch nichts, wenn der Kioskbetreiber insolvent wird und aufgeben muss.

Samstag 17:30 Uhr im Aldi-Markt, viele leere Regale. An der Kasse frage ich die Kassiererin: „Waren Sie schon jemals zuvor so leer gekauft?“
„Jeden Abend! Wir kommen gar nicht mit dem Einräumen nach.“

Die Scillablüte auf dem Lindener Berg sei im ZDF gezeigt worden, teilt mir Freundin S. mit. Wir wären aber nicht zu sehen gewesen. Klar, wir hatten keine Kameraleute gesehen, als wir dort bummelten. Vermutlich waren wir gerade bei der versteckt liegenden neugotischen Friedhofskapelle, die der Hannoveraner Architekt und Hochschullehrer Conrad Wilhelm Hase entworfen hat. Hase ist mir ein Begriff, weil von ihm der apodiktische Ausspruch stammt:

    „Putz ist Lüge.“

Aus Gründen kaufte ich im Supermarkt beim Vorkassenbäcker ein einzelnes Brötchen.
„Bitteschön!“
„Ich hätte gerne ein Brötchen.“
„Ein ganzes?“
„Ja. – Nein, ein halbes!“

Lichtblicke – Wenn die Sonne schön scheint

Wenn de Sonn schön schingk
weed et Wedder widder wärm
dann pack sich d’r Pap de Mama en dä Ärm (…)
(De Bläck Fööss)

Zum Wochenende krabbelt die Temperatur erneut über die magische Zehn-Grad-Marke. Wenn sie drei Tage hintereinander über zehn Grad Celsius bleibt, beginnt in der Natur das Grünen. Das Wort Grünen bedeutet Wachsen, niederländisch: „groeien“, schwedisch „gro“, englisch „to grow“. Alle diese Wörter sind verwandt mit dem althochdeutschen Adjektiv „gruoen“, woraus unser Adjektiv „grün“ entstand. „Grün“ ist wiederum eng mit „Gras“ verwandt. Eigentlich bezeichnet unser Farbadjektiv „grün“ demnach wachsendes Gras.

Der Frühling kommt auf leisen Sohlen. Zehn Grad, dann sprießen in den Vorgärten die Frühlingsblumen. Morgen werde ich nachsehen, ob auf dem Lindener Berg die Scillablüte begonnen hat. Dass unsere Vorfahren jedoch nicht die Blumen, sondern das sprießende Gras in ein Wort für Wachsen gefasst haben, ist ein Hinweis auf ihre Lebensweise. Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter. Deshalb achteten sie in erster Linie darauf, wenn nach dem harten Winter das Gras wieder wuchs und das Vieh auf die Weiden konnte. Demgemäß staunt der Germane in der Edda, dass es nichts gab, bevor die Welt entstand, nicht einmal Gras.

Urzeit war es, da Ymir hauste:
nicht war Sand noch See noch Salzwogen,
nicht Erde unten, noch oben Himmel,
Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.

(Lieder-Edda, Völuspá 3)

Das Gras grünt. Der Satz ist pleonastisch, denn Gras und Grün bedeuten ja eigentlich das gleiche. Leider ist in der Stadt vom Grünen nicht viel zu sehen. „Da jedermann gehet, waechst kein Grasz“, wusste man schon 1622. Der germanische Schutzgott Heimdall konnte das Gras wachsen hören. Dazu ist der Mensch nur im übertragenen Sinne fähig, und wenn er es noch so hübsch besingt wie The Move in „I Can Hear the Grass Grow“ (1967). Wir hörens nicht vor lauter Gedöns. Egal jetzt. Meinetwegen kann Gras drüberwachsen.

Bleibt gesund und lasst euch nicht verrückt machen!
Teestübchen Trithemius wünscht ein schönes Wochenende