Die Schreibstube (10) – Unter Verdacht


Die Türklingel schrillte. In seltsamer Eintracht erschraken wir. Geraets starrte mich durch seine starke Brille an. Da wurde gegen die Tür gehämmert und gerufen. Als Geraets aufgestanden und in den Flur gegangen war, splitterte Holz, gefolgt von Tumult. Ein Schuss fiel, dann stürmten brüllend drei martialisch vermummte Polizisten  ins Zimmer. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Geraets war Mitglied einer europaweit agierenden Bande, die sich auf Kunstfälschung und Kunstraub spezialisiert hat: Man hatte das Haus an der Montagne schon längere Zeit beobachtet, und als Sie eintrafen, glaubte man, endlich einen der Hintermänner zu erwischen“, erklärte mein Anwalt Dr. Rudolph, als er mich aus dem Lütticher Justizpalast abholte, wo ich fünf Tage in Untersuchungshaft gesessen hatte.
„Sehe ich aus wie ein verfluchter Hintermann?“
„Nein, Sie sehen aus wie einer, der sich die Finger niemals schmutzig macht“, sagte Dr. Rudolph trocken.
„Was ist mit Geraets?“
„In Notwehr erschossen. Die Polizei gab an, er habe mit einer Waffe auf sie gezielt.“
„Geraets war unbewaffnet“, sagte ich düster. „Es war wohl eher eine Hinrichtung, damit er nichts über die wahren Hintermänner ausplaudern konnte. Jeder weiß, dass Lüttich von der Mafia kontrolliert wird.“
Rudolph ignorierte meinen Einwand. „Jedenfalls lag man so falsch nicht, als man Sie für einen Hintermann hielt. Über Sie ist man auf Direktor Mennicken und Reibach aufmerksam geworden.“
„Was habe ich mit Reibach zu tun?“
„Mennicken ist verhaftet worden, Reibach nicht.“ Dr. Rudolph warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Ich habe mit einem Beamten von der Aachener Abteilung „organisierte Kriminalität“ gesprochen. Man hat dort Reibach schon länger im Visier. Doch nichts ist ihm nachzuweisen.“

Helen, eine Gangsterbraut?, dachte ich. Die Sache ist ja noch heißer als ich vermutet habe.
„Sie sollten Ihre Liaison zu Frau Reibach vernünftiger Weise beenden“, sagte Dr. Rudolph.
„Was mischen Sie sich da ein, Rudolph?!“, sagte ich wütend.

Meine Füße raschelten durch Herbstlaub. Ich schlug den Kragen hoch, denn der kräftige Novemberwind war nun wieder zu spüren, und ich trug unter der Jacke nur ein Hemd. Auf dem Weg ins Museum musste ich laufen und kam auf die letzte Minute an, wo die Gesprächsrunde mit einer japanischen Künstlerin stattfinden sollte, die sich mit Alltagsgegenständen und Buchkunst beschäftigt. Ich fand eine Tischrunde vor mit etwa 20 Leuten, nur ein Stuhl war noch frei. Und so hatte ich mich neben die Japanerin an die Stirnseite setzen müssen, weshalb nun alle auch auf mich schauten, wenn die junge Frau an meiner Seite sprach. Ich war vom Lauf erhitzt und hatte die Idee, dass die anderen mir ansehen könnten, wie ich dampfte. Ich zog die Jacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch, was beinah so wirkte, als wollte ich mich streitend und raufend ins Gespräch einmischen. Eine ziemlich selbstbewusste Frau Dr. XY mit drei verschiedenen Haarfarben in der schrägen Frisur moderierte die Runde und schlug einige Sprachpflöcke ein, um den Rahmen des Sagbaren einzugrenzen. Als sie schwieg, wurde es betreten still, bis zwei betagte Damen sich nacheinander erbarmten und wohlwollende Fragen stellten. Dankbar ließ sich die Künstlerin darauf ein, und es kam zu einem Hin und Her der Artigkeiten. Schon bald dachte ich, dass es Künstlern verboten werden sollte, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen, denn wären sie in der Lage, ihre Ideen verbal auszudrücken, bräuchten sie doch keine Kunst zu machen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Helen schaute herein. Geliebte Helen! So schmal und schön in ihrem dünnen Mantel, den Hauch eines Glühens auf ihrem Blondschopf. Augenblicklich wurde alles um mich herum Nebensache. Bei der nächsten Gelegenheit erhob ich mich und ging nach draußen. Helen wartete in einer Nische auf mich. Wir sanken uns in die Arme. Mir war, als würde ich wieder in meine verlorene Hälfte einrasten. Der Entbehrungsschmerz, der seit Wochen in meiner Brust gesessen hatte, löste sich auf.

„Es ist jetzt schwieriger, dass wir uns treffen“, sagte Helen. „Thomas ahnt was.“
„Wie das?“
„In der Zeitung hat ein Bericht gestanden über die Ereignisse an der Montagne und dass du verhaftet warst. Er hats gelesen und gesagt: ‚Der Kerl will was von dir!’“

„Zweifellos!“, sagte ich.

Die Schreibstube (9) – Also spricht Aldebert


„Worum geht es dann?“
„Im Sattelrohr des Fahrrads hat ein handschriftliches Manuskript gesteckt. Ich wüsste gern, wo es verblieben ist.“
„Ich ahnte, dass es darum geht. Ihr Direktor Mennicken war ganz wild darauf, die Handschrift zu bergen. Ich musste dazu das Sattelrohr noch weiter aufschlitzen. Heraus kamen fünf Blätter einer frühmittelalterlichen Handschrift mit rätselhaftem Inhalt, offenbar geschrieben im 9. Jahrhundert, ein Dokument von unschätzbarem Wert. Ich habe eine Übersetzung oben. Wollen Sie sie sehen, Herr Erlenberg?“
„Bitte, ich brenne darauf.“
Geraets verließ den Raum und kam wenig später mit einer Abschrift wieder.
„Der Text ist leider fragmentarisch, aber ich habe übersetzt, was da ist. Der Kontext bleibt unklar. Hier, schauen Sie! Er legte mir die Abschrift vor. Ich las:

    „Also spricht Aldebert:

    Du klagst, es wäre nicht leicht, ein Höfling zu sein. Dein Herrscher kenne keine Gnade, verfolge jede leise Kränkung mit bodenlosem Grimm. Unentwegt müssest du ihm zu Diensten sein. Seine Metze hingegen sei eine schwarze Witwe. Wer ihr nutze, den hebe sie an die Brust. Sei dieses Spiel vergessen, finde sich der Narr ganz unten an der Tafel, allein mit seiner Not, dem Bischof könnte der Treuebruch sich offenbaren.

    Was also, frage ich Dich, hält dich dort am Hofe?

    Es sind die Vorrechte eines Manns im Zentrum der Macht. Draußen im Lande küsst man dir die Füße. Weht dein Hauch vorbei, saugt ein jeder ihn ein. Du hast also Macht, und es kommt dir zu / der gutgläubigen Menschen vereinte Kraft. Teilst sie nur mit wenigen. Du hast Wissen über das Tun und Lassen deines Bischofs. Dieses Wissen ist dir wie Honig. Mehr noch ein Lebenselixier, das dich in der Sänfte schweben lässt. Sobald du den Bischofsitz verlassen hast, kannst du dich in der Aufmerksamkeit von Hunderten sonnen, ja, von Tausenden, die auf verschiedenen Wegen von dir gehört, von Mund zu Ohr, von Schrift zu Auge. Mal wirst du als Quelle deiner Ergüsse genannt, mal hast du eine Intrige gesponnen und lässt boshafte Kunde durchsickern. Du streust Gerüchte und machst dich davon. Sollen andere sich das Maul verbrennen. Das kann deine Position nur stärken. Du stiftest an, dass man hinter dem Rücken des Bischofs feixt und seine Metze schamlos betrachtet. Du spielst ein Ränkespiel. Gleichzeitig betreibst du die Ausbreitung deiner Macht, reißt dir Stücke aus dem Land, eignest dir an, wonach dich gelüstet. Verderbte und verkommene Mönche legen falsche Urkunden für dich an, statt die heiligen Worte zu kopieren.

    Ja, du bist ein Spieler mit hohem Einsatz, verstehst zu gewinnen, weil du die heimlichen Regeln im Reich verstehst. Und der süßeste Sieg, das ist eine hohe Beute mit geringem Einsatz, mit einem Strich deiner Feder, mit einem Wink deiner Hand. Wenn das niedere Volk zu dir spricht: Wir dienen Euch für Gotteslohn, – dann weißt du genau, warum du am Hofe des Bischofs bist.

    Solche, die so mächtig, verderbt und gerissen sind wie du, kultivierte Bestien des Zusammenlebens, immer bereit, die Schneide des geschliffenen Verstands zu führen und andere lustvoll zu verderben, solche behandelst du mit Respekt. Ihr steht in Verbindung mit der Gabe der Schrift. Sie kam von Gott, aber von euch wird sie missbraucht.

    Auf dein Geheiß schleppen sie einen Mann herbei. Du befiehlst, ihm den Kopf zu scheren. Mit wundem Haupt sinkt er vor dir auf die Knie, und du schreibst auf den blanken Schädel dieser armen Kreatur deine Botschaft. Dann werfen sie den Mann ins Loch, wo er hockt, bis ihm die Haare gewachsen. Ist seine Mähne gesprossen, zerrt man ihn zurück ans Licht. Du nennst ihm sein Ziel. Mit einem Tritt schickst du ihn auf den Weg, damit er lernt zu laufen und nicht wagt zu säumen. Was hast du ihm auf den Kopf gepinselt? Was verbirgt sich unter seinem Haar? Er weiß es nicht, wüsste es nicht, würde man ihm die Kopfhaut abziehen und vorlegen. So ahnt er nicht, derweil er läuft, die Nachschrift unter deiner Botschaft:

    „Und nun, mein Bruder im Geiste, memoriere meine Worte. Dann schlage dem Boten den Schädel ein und wirf ihn unter die Schweine!“

    Da sinkt er hin, der tumbe Mann, dem die Freiheit versprochen, als man ihn sandte. Deine Nachricht / er trug sie auf dem Haupte treu, über gefahrvolle Wege hinweg. Dein schmählicher Brief aber hat befohlen: Dieses Kind Gottes hat seinen Zweck erfüllt / als Laufbursche im Netz der Ränke, der geschliffenen Bosheit, der gemeinen Lust an den verderbten Auswüchsen der unersättlichen Gier.

    Warum also beschmutzt du mein Ohr mit deinen Klagen? Hast du es nicht besser angetroffen als dein Bote? Soll ich dir den Schädel rasieren und dir aufschreiben, wer du bist, damit der Engel des Herrn erkennt, wohin sein Flammenschwert gehört? Was grinst du mich an, du hässlicher Schädel, du Speichellecker vor dem Herrn? Wähnst du dich sicher, weil du Zacharias verführt, die Anzahl der Engel zu mindern? Glaubst du, deine Ränke werden überdauern / über Jahrtausende hinweg? Ich sage dir, du Wicht, höre meine Worte: Dereinst wird es freie Menschen geben, mit eigenem Kopf und besser vernetzt als du. Sie werden mutig sich erheben und dein verderbtes schwarzes Netz in Stücke hauen.“

Ich ließ die Abschrift sinken „Puh! Starker Tobak!“ Aber jetzt sagen Sie, Herr Geraets, wo ist das Original?“
„Das Original? Aber das weiß ich nicht. Ihr Direktor Menni …“
Die Türklingel schrillte.

Fortsetzung

Die Schreibstube (8) – An der langen Treppe


Mennicken hatte einen Belgier in Lüttich beauftragt, R. Geraets, Montagne de Bueren Nr.21. Warum in Lüttich? Warum wurde kein örtlicher Restaurator genommen? Die Montagne de Bueren war mir ein Begriff. Ich war einmal mit meinem Freund Will, einem Galeristen aus Verviers, in Lüttich gewesen, und er hatte mir diese gigantische Treppe gezeigt. „Niemals würde ich ein Haus an dieser Treppe kaufen“, hatte er gesagt. „Stell dir nur vor, wenn man hier seinen Einkauf hoch schleppen muss! Und wenn du Besuch einlädst, der würde fragen, warum du so unbequem wohnst. Dann kannst du zwar von der schönen Aussicht über das Maastal schwärmen, der wird dich trotzdem für verrückt erklären, weil du den Leuten unnütze Plackerei abverlangst.“
Aber Mennicken hatte das beschädigte Exponat hochgeschleppt bis zum Haus Nr. 21 im oberen Drittel der Treppe. Wozu dieser Aufwand?

Ich nahm die Autobahnabfahrt, die Will damals gewählt hatte, und parkte auf demselben Parkplatz nahe der Maas. Lüttich war regenverhangen. Zum Glück musste ich nicht weit laufen bis zur Montagne de Bueren. Erneut stand ich überwältigt am Fuß der hohen Treppe. Sie war bei jedem Wetter eine Sensation. Ihre Stufen glänzten nass im Regen. Das Ende der Treppe verlor sich hoch oben im Nebel, der sie in eine unwirkliche Zwischenwelt zielen ließ. Der seltsam geformte Handlauf in der Mitte der Treppe, der sie in Berg- und Talfahrt unterteilte, strahlte im diffusen Licht dieses Regenabends in prachtvollem Blau. Ich machte mich an den Aufstieg. Das Haus Nummer 21 musste auf der linken Seite liegen. Von oben kam ein Mann herunter, der einen offenbar schweren Karton trug. Ich sah ihn aus dem Nebel auftauchen, dann elend lange auf mich zukommen. Endlich passierte er mit hochrotem Kopf. Die Treppe hatte etwa alle zehn Stufen einen kurzen gepflasterten Absatz. Schon bei meinem ersten gemeinsamen Gang mit Will hatte ich gedacht, dass diese Treppenabsätze den Aufstieg eigentlich erschwerten, denn sie unterbrachen immer wieder den Schrittrhythmus.

Außer Atem stand ich vor dem Haus Nr. 21. Das Reihenhaus war ein schlichter Klinkerbau aus dunkelroten Ziegeln. Es wirkte vernachlässigt. In Parterre waren die Rollläden herunter gelassen und zeigten einen verwitterten hellgrauen Anstrich, aus dem große Lackblasen herausgeplatzt waren. In der Haustür befand sich ein Fenster aus Milchglas. Dahinter war es dunkel. Es gab drei Türklingeln, doch die oberen Namensschilder waren blind. Auf der untersten stand R. Geraets. Die Klingel schrillte und verhallte wie ungehört im Flur. Niemand öffnete. Ich trat einige Schritte zurück und schaute zur Hausfassade hoch. Die Gardine am linken Fenster der ersten Etage bewegte sich. Sonst blieb alles still. Plötzlich sprang die Tür spaltbreit auf. Im Schatten des Hausflurs stand ein Mann und sah mich an. Ich sagte: „Herr Geraets? Ich komme vom Papiermuseum in Düren und würde Sie gerne sprechen wegen einer Restaurierung, die Sie für uns gemacht haben.“ Der Mann reagierte nicht. Ich versuchte mein holpriges Französich: „Monsieur Geraets? Je viens du musée du papier de Düren et j’aimerais vous parler d’une restauration que vous avez faite pour nous.“
Geraets öffnete die Tür etwas mehr, trat zur Seite und ließ mich ins Haus. Da war ein dunkler Flur, dessen Boden schwarzweiße Fliesen im Schachbrettmuster hatte. Sonst war er völlig schmucklos. Geraets schloss die Haustür und wies stumm auf eine Tür.

Wir gingen in einen finsteren Wohnraum. Dann flammte eine grelle Deckenleuchte auf, und ich konnte Geraets zum ersten Mal richtig sehen. Er war ein Mann in meinem Alter, eher etwas jünger, schmal und nicht hübsch, beileibe nicht. In ihm mischten sich die vielen Völker, die das heutige Belgien einst besessen hatten. Rodrigo, dachte ich, das R steht garantiert für Rodrigo. Das würde passen, denn in Geraets Gesicht war der spanische Einfluss unverkennbar. Er hatte eine große Nase im Gesicht, dunkles Haar und, wie ich sah, als Geraets zu sprechen anhob, schlechte Zähne, dunkel vom Nikotin. Er trug eine starke Brille.
„Wir können Deutsch miteinander reden“, sagte Geraets. „Bitte nehmen Sie irgendwo Platz!“

Das Wohnzimmer war eingerichtet im flämischen Neobarock, wie viele Belgier es gerne haben, dunkle überladene Eichenmöbel, nach dem Aussehen für ein ganzes Leben gedacht, doch in der Verarbeitung zu billig, um wirklich lange zu halten. Meistens gaben die Verschläge der Schranktüren nach ein paar Jahren den Geist auf und ließen die Türen ein wenig schief hängen. An der Längswand hing eine Vitrine. Darin standen auf schmalen horizontalen Leisten an die hundert kleine LKW-Modelle.

Ich zog den vorderen linken Stuhl vom Eichentisch weg und setzte mich. Geraets nahm am Kopfende des Tisches Platz, mit dem Rücken zur Tür.Er legte die Arme auf den Tisch, faltete die Hände und sah mich erwartungsvoll an.
„Sie sammeln Modellautos?“, fragte ich und deutete zum Regal hinüber. Geraets schaute sich um, als hätte er das Regal zum ersten Mal gesehen.
„Nein. Dieses Haus gehört meinem Cousin. Er hat ein neues Haus in Baelen und noch nicht alles abgeholt.“
Geraets lehnte sich zurück und musterte mich.
„Wer Sie sind und warum sind Sie hergekommen?“
„Johannes Erlenberg. Es geht um das rote Papierfahrrad, das unser Direktor Mennicken Ihnen zum Restaurieren gebracht hat.“
Geraets schaute mich misstrauisch an: „Ich erinnere mich. Sind Sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden?“
„Doch, doch! Soweit ich das beurteilen kann, haben Sie perfekt gearbeitet.“

Fortsetzung

Die Schreibstube (7) – Friedemann Mennicken

Kapitel 1
An der mondänen Theaterstraße eröffnete ein Wiener Kaffeehaus. Als mir die Einladung zur Eröffnung ins Haus getrudelt war, hatte ich sie achtlos weggelegt, doch an diesem Abend war ich mal wieder von einem Konglomerat aus Entbehrung und Eifersucht geplagt. Ich hatte Helen 14 Tage nicht sehen können. Sie hatte sich einen hartnäckigen grippalen Infekt eingefangen, und ich machte mir ernsthaft Sorgen, weil sie nicht gesund wurde. Also beschloss ich, mich abzulenken und der Einladung zu folgen. Ein Wiener Kaffeehaus war eine Bereicherung für unsere Stadt. Ich kannte den Innenarchitekten, der die Gestaltung übernommen hatte. Ihn würde ich treffen und gewiss weitere Leute meinesgleichen. Ich würde sehen, dass es auch noch ein Leben ohne Helen gibt und könnte mich amüsieren. Die schwere Fassade des prächtigen Jugendstilgebäudes war in farbiges Licht getaucht, und das schien an diesem dunklen Herbstabend die Menschen wie magisch anzulocken. Es herrschte ein reger Andrang an der Eingangstreppe, die zur Hochparterre führte. Ich ließ mich mitziehen und stieg die mit rotem Teppich belegten Marmorstufen hinauf.

Oben wartete ein livrierter Portier. Indem mir die Schwingtür geöffnet wurde, sah ich neugierig durch die seitliche Glasfront in die Kaffeehausrunde. Da fiel mein Blick auf einen Tisch an der Wand. Eine schöne rotblonde Frau, elegant in kurzer schwarzer Jacke, beugte sich gerade nach vorn und zündete ihre Zigarette an. Helen. Thomas Reibach, ihr Mann, schaute zu mir herüber, und unsere Blicke kreuzten sich. Ich ließ den Portier stehen, drehte mich auf der Stelle um, stolperte die Treppe hinab und trat wie benommen auf die Straße. Wie konnte Helen dort sitzen und rauchen? Und ich hatte mir Gedanken gemacht. Ich brauchte eine Weile, mich zu beruhigen. Dann sagte ich mir, dass es Unsinn sei, die Angelegenheit bedeutsam zu nehmen. Was war schon dabei, wenn sie sich wieder besser fühlte und mit ihrem Mann ins Kaffeehaus ging? Trotzdem wütete ein unkontrollierbarer Schmerz in meiner Brust. Nicht nur, dass ich mich betrogen sah. Etwas anderes beunruhigte mich. Bei Helen und ihrem Mann hatte ein weiterer Mann gesessen, im vertrauten Gespräch mit Helens Mann, Friedemann Mennicken, der ehemalige Direktor unseres Papiermuseums. Ich hatte nicht gewusst, dass er und Reibach sich kannten. Was hatten die beiden miteinander zu schaffen?

Dann besann ich mich, drehte und stieg wieder über den roten Teppich. Der Portier stemmte mir erneut die Tür auf, und ich ging hinein. Helen hatte sich gelangweilt zurückgelehnt, aber Reibach und Mennicken steckten die Köpfe zusammen. Ich fing die Kellnerin ab, die für den Tisch der drei zuständig war, steckte ihr 50 Euro zu und sagte, sie solle herausfinden, worüber die zwei sprachen. Sie ging zum Tisch und fragte etwas. Helen sah auf und verhandelte wohl eine neue Bestellung. Derweil fand ich einen Platz, an der langen Theke, wo ich mich unbeobachtet wähnte, doch den Tisch im Barspiegel sehen konnte. Die Kellnerin kam zurück. „Viel habe ich nicht mitbekommen“, raunte sie,  „aber es ging um einen gewissen Aldebert.“

Aldebert, Aldebert? Hatte es im Manuskript nicht geheißen: „Also spricht Aldebert: …. „? „Mennicken, du falscher Hund!“, stieß ich hervor. In diesem Augenblick sah er auf, als hätte er meinen leisen Fluch gehört, was freilich bei der Größe des Raums und dem beständigen Kommen und Gehen der vielen Eröffnungsgäste unmöglich gewesen war. Mennicken sah auf und blickte sich um. Dann senkte er den Kopf wieder und sprach weiter mit Reibach. Er wirkte dabei so verschlagen und verschwörerisch, wie ich ihn in all den Jahren nicht erlebt hatte, als er Direktor unseres Papiermuseums war.

Was war eigentlich mit der Handschrift geschehen, die wir im Sattelrohr des Papierfahrrads gesehen hatten? Wir hatten nicht mehr darüber gesprochen. Möglicherweise hatte Mennicken die Handschrift in seinen Besitz gebracht und unterschlagen, nachdem wir ihn entlassen hatten, quasi als Entschädigung für den Rauswurf? Ich hatte keine Ahnung, wieviel Blatt im Sattelrohr gesteckt hatten. Aber wenn die Handschrift aus dem 9. Jahrhundert stammt, der Schrift und ihrem Inhalt nach zu urteilen, musste sie einiges wert sein. Am Montagmorgen beauftragte ich eine Sekretärin herauszufinden, welchen Restaurator Mennicken mit der Wiederherstellung des Papierfahrrads betraut hatte.

Fortsetzung

Die Schreibstube (6) – Obsession und Liebesqual

Im Februar diesen Jahres veröffentlichte ich fünf Folgen einer Erzählung und beließ sie als Fragment. Inzwischen habe ich weitere Folgen geschrieben und die ersten Folgen daran angepasst. Zur Erinnerung hier der Link zu den ersten, leicht überarbeiteten Folgen.

Einer wie ich sollte kein Verhältnis haben. Ich bin dafür nicht gemacht. Als ich das merkte, war es zu spät. Ich war rettungslos in die Frau eines anderen verliebt. Wenn wir uns nicht sehen konnten, entbehrte ich sie, fand keine Ruhe, verlor das Interesse an vielem, was mir einst wichtig gewesen war. „Sie hat sich in Ihr Herz gekrallt“, sagte meine Vertraute, unsere Prokuristin Frau Kaspar, der ich mein Leid geklagt hatte. „Ich kenne solche Frauen“, fuhr sie fort, „wen sie haben, lassen sie nicht mehr los. Mein Neffe Günther ist auch an so eine geraten. Am Ende hat er sich aufgehängt.“ „Derlei mag ich nicht hören, Frau Kaspar. Es kommt mir vor wie Verrat an Helen.“ Doch insgeheim gab ich ihr Recht. Auf hellseherische Weise gelang es Helen immer wieder, meine Versuche, ihr zu entkommen, zu torpedieren. Nur ein Beispiel von vielen: Einmal sagte sie mir, wir könnten uns einige Tage nicht sehen, weil sie mit ihrem Mann nach Madrid fahren müsse. Ich verabredete mich mit der schönen Bibliothekarin, die ich auf einer Vernissage getroffen hatte, um auf andere Gedanken zu kommen. Just am Abend der Verabredung schickte mir Helen eine Nachricht, sie habe das ganze Wochenende Zeit, weil ihr Mann alleine gefahren sei. Natürlich versetzte ich die Bibliothekarin. So schlimm war es um mich bestellt.

„Wenn ich mit ihm schlafe, stelle ich mir vor, dass du es bist“, sagte Helen. Was eine Liebeserklärung sein sollte, geriet mir zur Höllenqual und pflanzte mir einen Pflock unter die Haut. Es war dies etwas, was ich bislang verdrängt hatte. Aber nun suchten solche Gedanken sich wie gierige Würmer in mein Gehirn zu bohren. Wenn ich nicht auf der Hut war, dann fragte ich mich, wann es denn wohl geschehen würde, ob es gerade in diesem Augenblick wäre, und dann quälte ich mich durch unruhige Stunden, bis ich sagen konnte, ganz gleich wie und wo sie es getan haben, jetzt wird es vorbei sein. Es war dies die Zeit, in der meine Schlafstörungen begannen. Manchmal dachte ich auch, dass es ungerecht sei, wenn Helen beim Ficken mit ihrem Mann an ihn mich dachte. Er bekam dann etwas, was ihm gar nicht zustand, da es nicht auf ihn gemünzt war.

Einmal schilderte sie mir ganz arglos das abendliche Ritual des Zubettgehens: „Zuerst gehe ich nach oben ins Bad, ziehe mich aus, putze mir die Zähne und so. Nach einiger Zeit ruft er von unten, ob ich fertig bin. Dann kommt er hoch und geht ins Bad. Ich liege schon im Bett, und wenn er dann ins Schlafzimmer kommt, bin ich oft schon eingeschlafen.“ Es war blauäugig, doch ich tröstete mich nun öfter mit der Vorstellung einer bereits schlafenden Helen. Andererseits war es gerade dieses konkrete Bild, das meine Phantasie beflügelte. Dieses Hin und Her von Hoffnung und Befürchtung, das brachte mir kreisförmige Gedanken, die durch meinen Kopf tickten, wenn ich nicht schlafen konnte. Francis Picabia, der Surrealist und Boxer, hatte gesagt: „Der Kopf ist rund, damit unsere Gedanken ihre Richtung ändern können“. Picabia war ein Lebemann und Spieler gewesen. Gewiss hatte er an die Bande eines Billardtisches gedacht. Meine trüben Gedanken hielten sich auf quälende Weise an Picabias Idee. Ich wischte sie beiseite, aber sie titschten inwändig gegen meine Schädeldecke und kehrten mit Drall zurück, um neues Unheil anzurichten. Manchmal lag ich wie gelähmt auf meinem Bett und schickte meine Blicke gegen Wände und Zimmerdecke. Aber wenn es mir gar zu unerträglich wurde, richtete sich etwas in mir auf, das besah mich von außen und versetzte mir einen kumpelhaften Rippenstoß. „Wenn deine Zimmerwände aus Kupfer wären, dann hätten sie lauter kleine Dellen wie getrieben.“

Dann sollte etwas geschehen, das mir alles in neues Licht setzte.

Fortsetzung

In der Schreibstube – Ein Vexierbild

Wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, schaue ich bei meinen Kollegen nach. Schaue einem von ihnen über die Schulter und lese, was er mit spitzer Feder in das leere Buch schreibt, in seiner kleinen krakeligen Schrift da. Nach einer Weile hält seine Feder im Kratzen inne.
„Ich kann nicht schreiben, wenn mir einer zuliest“, murrt er. Unter meiner Hand ruckelt die knochige Schulter unwillig.

„Ihr seid so mager, Väterchen“, entfährt es mir, „dürft das Essen nicht vergessen!“
„Essen vergessen!“, kichert er, „Soll’s von ungefähr kommen, dass es sich reimt?“
„Ihr vermutet Logik in den Wörtern, die nicht in ihnen selbst steckt?“
„Auf höherer Ebene, in der Tat“, nickt der Alte. „Wenn man so vertraut ist mit ihnen, weil man sie täglich zu bändigen hat, dann geben sie um Gnade winselnd ihre Geheimnisse preis.“
„Ihr phantasiert bereits“, sage ich, „Ihr müsst jetzt essen!“
„Was denn?“, sagt der Alte widerborstig, „wir haben hier keinen Kanten Brot. Wörter zu bändigen, ist brotlose Kunst.“ Die vier anderen Schreiber nicken stumm. Es wirkt absurd, wie ihre Köpfe auf und niedergehen. Welch eine alberne Geste ist doch das Nicken! Ich wollte, ich hätte niemals mitansehen müssen, wie jemand nickt. Und jetzt nicken gleich vier Köpfe, als würde ihnen im Gleichtakt am Bart gezupft.
„Hort auf damit!“, herrsche ich sie an.
„Wir kommen nicht aus, weils wahr ist. Wahr, so wahr!“, klingt es dumpf.
Die Feder kratzt wieder. Sowie ich abgelenkt bin, schreibt er weiter. Wie kann er wissen, dass ich nicht mehr mitlese? Ich stehe doch hinter ihm. Vielleicht kann ich ihn überlisten. Spreche mit den anderen und schiele heimlich ins Buch.
„Ihr nickt wie Blöde“, sage ich zu den Vieren hinüber, und es gelingt mir, sie nicht anzusehen, sondern ins Buch zu schielen. Aber nein, ich kanns nicht lesen. Er ist Linkshänder.

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