Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte:

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Herr Trittenheim sagt ab

ichAls ich Mitte der 1970-er Jahre zu studieren begann und ungefähr aussah wie auf dem Automatenbild, war an der Aachener Hochschule zu meinem Bedauern das Fach Psychologie völlig in Händen der Behavioristen. Diesen Reiz-Reaktions-Adepten war der menschliche Geist eine Blackbox. Sie bildeten mit den Verhaltensmodifizierern vom Fachbereich Pädagogik einen üblen Haufen, mit dem ich instinktiv nichts zu tun haben wollte. Denn wenn man das Verhalten von Schülern gezielt modifizieren will, muss man die Skrupellosigkeit haben, junge Menschen ohne ihr Wissen zu manipulieren. Das entsprach aber überhaupt nicht meinen Vorstellungen von einer emanzipatorischen Erziehung. Zur Verhaltensmodifikation ist die sogenannte Unterrichtsmitschau fast unerlässlich. Um Schüler im Unterricht beobachten zu können, hatte der Fachbereich Pädagogik ein komplett eingerichtetes Fernsehstudio mit Regie- und Schnittraum. Neben den festen Kameras im Studio gab es auch transportable Videokameras, zu einer Zeit, als die Videotechnik kaum verbreitet war. Etwa im Jahr 1977 fassten einige Kunststudenten, eine -studentin und ich den Entschluss, das Fernsehstudio und seine Geräte für etwas Anständiges zu nutzen, nämlich ein künstlerisches Video zu drehen. Es wurde daraus ein satirisches TV-Magazin. In einem Beitrag spiele ich mit, für zwei andere habe ich das Skript geschrieben.

Dieser Video ist kürzlich digitalisiert worden und soll zusammen mit anderen historischen Aufnahmen am 26. November in der Aachener Kultureinrichtung „Raststätte“ gezeigt werden. Natürlich hatte ich geplant, dabei zu sein. Denn wenn das Video wirklich 1977 entstanden ist, habe ich es 39 Jahre nicht gesehen, und von den Akteuren habe ich nur noch mit meinem Freund Nebenmann Kontakt, die anderen ebenso über 30 Jahre nicht getroffen. Ich war gespannt, was da noch an Wiedererkennen sein würde.

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

Textentwurf JvdL- zum Lesen bitte klicken

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Zu meinem großen Bedauern musste ich meine Aachenfahrt absagen, denn wie bereits mitgeteilt, habe ich Rückenprobleme und wage die Fahrt nicht, vor allem nicht, mit Gepäck zu hantieren, weil ich noch recht unbeweglich bin und einen Rückfall befürchte. Eventuell gibt es das Video demnächst bei YouTube zu sehen, also nicht das vom Rückfall, sondern „Kurzschluss“ mit dem schrägen Humor der 1970er Jahre. Die beiden im Bild zu sehenden Manuskripte habe ich eben im Papierarchiv gefunden. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir den absurden Text im TV-Studio aufgenommen, und einer, den ich so gerne wiedergetroffen hätte, hat es gesprochen. Schadeschade – ich weine.