Forschungsreise (5) – Heimat im Tomatenglühen

Fritz, meine Begleiterin und ich stehen am Schulgebäude, wo meine Familie in den 1960-er Jahren zunächst die Dachwohnung, später auch die Lehrerwohnung auf der ersten Etage bewohnt hat. Mehr darüber findet sich in diesem Text. [Vorsicht, ist ein bisschen gruselig]. Fritzens [Name geändert] Elternhaus lag schräg gegenüber. Abends kam er gerne vorbei, setzte sich zu uns, sprach wenig und ging bald wieder. Indem wir gut 50 Jahre später vor dem Schulgebäude stehen, erinnere ich daran. Fritz weiß das kaum noch und erklärt, dass er sich damals wohl dessen gar nicht bewusst war. Vermutlich habe er als Einzelkind die Lebendigkeit einer größeren Familie genossen.

Wir fahren wieder zurück in den Ort, in die Straße, wo wir bei Fritz zu Gast sind. Unweit bin ich als Jugendlicher in der Nacht zum ersten Mai beschossen worden. In meiner Heimat ist diese Nacht eine Freinacht. Man darf dann allerhand Dinge, die man üblicherweise nicht darf, beispielsweise Fensterläden und Hoftüren aushängen und aufs Maifeuer legen und natürlich Maibäume setzen. Uns war gegen Morgen eingefallen, dass wir einem Mädchen in Rommerskirchen noch einen Maibaum setzen mussten. Fritz besaß damals einen VW-Käfer. Wir fuhren also im Morgengrauen nach Rommerskirchen. Dort versuchte ich im Vorgarten eines Hauses, ein Bäumchen zu besorgen. Der Baum war hartnäckig, ich bekam ihn nicht ab, da ich nur eine kleine Axt hatte. Da trat der Hausbesitzer im Schlafanzug auf den Balkon, in der Hand eine Flobert. Er legte wortlos sein Luftgewehr an und beschoss mich – aus heutiger Sicht mit einem gewissen Recht. Zum Glück hat er mich Flüchtenden in der Dämmerung nicht getroffen. Das Mädchen bekam dann leider keinen Maibaum. Das Setzen von Maibäumen ist ein altes Fruchtbarkeitsritual. Sie wird wohl kinderlos geblieben sein. (Foto oben: Susanne B.)

KW Neurath 2 vorne [Foto Wikipedia]
Das Land wir überragt von den neuen 172 Meter hohen Kühltürmen des Neurather Kraftwerks – oben auf der Hühnerberg heißenden Anhöhe. Dieses zweitgrößte Braunkohlekraftwerk Europas ist fast von überall her zu sehen, zumindest aber die Wolkenfahne aus den Kühltürmen. Wer gerne Kinder anlügt, könnte ihnen hier glaubhaft machen, dass mit diesen gewaltigen Maschinen unser Wetter gemacht wird. Je nach Wetterlage lässt der sorgsam auf Farb-Luft-Perspektive kalkulierte Anstrich die riesigen Kesselhäuser beinah mit dem Horizont verschmelzen. In Zeiten der massiven Kritik an der Braunkohleverstromung, macht der Betreiber RWE sich und seine Kraftwerkmonster lieber unsichtbar oder fördert nebenher ökologische Projekte. Unweit vom Kraftwerk liegen die Gewächshäuser der Neurather Gärtner.

Mit der Abwärme des Kraftwerks produziert man auf 16 Hektar jährlich 6000 Tonnen Tomaten für die Supermärkte der Region. Das Unvorstellbare einmal anschaulich gemacht, bitteschön: Der Mensch isst durchschnittlich 240 Kilogramm Tomaten jährlich, müsste also 525 Jahre leben, um 6000 Tonnen Tomaten mit einem Gewicht von je 200 Gramm zu verzehren. Aufeinandergestapelt reichen 6000 Tonnen Tomaten von hier bis zum Mond, wenn sie nicht unter ihrem Eigengewicht zu Mus werden. Dann schwappt der Tomatenbrei bis Timbuktu oder eben bis hier, falls Sie das hier in Timbuktu lesen. Noch stärker verzagt die Vorstellung vor den unmenschlichen Dimensionen des Braunkohleabbaus, was schon alleine ein guter Grund wäre, ihn ganz zu verbieten. Übrigens, im Hambacher Forst wurden von der Polizei wieder Baumhäuser geräumt. Sie hat ja sonst nichts zu tun.

Das geheimnisvolle Tomatenleuchten – Foto: Ulrike S.

Nachzutragen wäre das wundersame Tomatenleuchten, was angeblich vom Mond aus zu sehen war oder jedenfalls sogar bis Holland. Schuld waren Studenten einer Kölner Filmhochschule. Die wollten einfach ein bisschen Quatsch mit der Beleuchtung von Tomaten machen.

Forschungsreise Rheinland (3) – Ein altes Heimatlied

Die Straße meiner Kindheit heißt jetzt Am Eichelberg. Die Umbenennung wurde nötig, weil mehrere Dörfer, auch das Doppeldorf Butzheim/Nettesheim zur Gemeinde Rommerskirchen zusammengefasst wurden. Einige Dörfer hatten eine „Bruchstraße“ gehabt. Fritz [Name geändert], mein Freund aus Kinder- und Jugendtagen fährt uns die Straße hoch zu der Stelle, wo sie in einen Hohlweg eintaucht. Er wird hier auf uns warten, denn der Hohlweg kann schon lange nicht mehr befahren werden. Die Natur ist dabei, ihn zurückzuerobern. Ich erinnere mich, dass einst die Gespanne der Bauern durch den Hohlweg schaukelten. Da war die Straße noch breit und festgefügt. Inzwischen ist die Bruchstraße sich selbst überlassen.

Die Bruchstraße ist ein langer Weg mit wechselnden Gesichtern. Sie beginnt an der Landstraße am Ortsrand und stößt genau nach Osten. In einem der Häuser nahe bei der Landstraße bin ich aufgewachsen. Am letzten Gehöft auf der linken Seite endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, bis sie an der Wegkreuzung oben im Feld wieder abschüssig wird. Von dort konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße zweimal in tiefe Gräben, deren Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind. Hier begann das kleine Abenteuer. Die Mutter eines Jungen hatte eine Trillerpfeife. Die konnten wir manchmal hören, und dann rannte er flugs nach Hause.

In den fernen Hohlweg trauten wir uns erst, als wir größer waren. Doch selten waren wir an seinem Ende, wo die Straße auf einem Damm ein altes Moor überquert, das im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Ein kurzes Stück durchzieht die Straße den schmalen Ausläufer eines alten Auwaldes. Er gehört zu einem verschwundenen Altarm des Rheins. Dann ein Gehöft. Wenige Meter hinter dessen Hauswiese stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg, als hätte man sie umgepflügt. Als Junge habe ich dort manchmal mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern gen Osten ohne Sinn und Verstand ein sang- und klangloses Ende im Acker fand. Mir war, als wäre sie unter der Ackerkrume noch zu finden.

Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Dort wo ich zu Hause war, zweigte sie von der römischen Fernstraße ab, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte. Die Bruchstraße war die Verbindung zu einem römischen Kastell am Rhein gewesen. Vielleicht rührte daher ihr seltsamer Zauber, den ich immer gespürt habe, und der wuchs, je weiter ich von zu Hause fort war. Dass es eine Heeresstraße war, erklärt auch ihr seltsames Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, hatten die Leute dort den Weg verlegt, und später untergepflügt. Sie hatten einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist.

Was ich als Kind nicht wusste – Infotafel zum Vergrößern klicken – Foto Susanne B.

An den Hängen der Hohlwege steht der Mergel an, auch Löß genannt, wie die Informationstafel ausweist. Da und dort leuchtet er gelb zwischen Holunderbüschen, Brennnesseln und Brombeerranken. Im Mergel kann man prächtig graben und Höhlen ausschachten. Dachs und Fuchs hatten es uns vorgemacht. Doch wir schachteten rechteckige Kammern. Darin saßen wir und bewachten den Hohlweg. Pfeil und Bogen hielten wir bereit. Nur die ahnungslosen Legionäre in leichter Marschordnung kamen nicht.

Ich möchte meiner Begleiterin das Tal zeigen, das die beiden Hohlwege trennt. Ein alter Rheinarm hat es ausgeschwemmt, als der Rhein noch nicht gebändigt war. An seinen Ufern hatte eine Siedlung gelegen, die längst versunken ist und deren Namen niemand recht weiß. Nur Scherben pflügen die Bauern dort aus dem Boden.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass dem erwachsenen Besucher die Straßen und Häuser der Kindheit klein vorkommen. Die Bruchstraße trotzt dem. Sie streckt und längt sich, dass wir eilen müssen, denn am Himmel hinter uns ballt sich eine tiefgraue Gewitterformation. Als wir das Tal erreichen, brennt uns die Sonne noch heiß in den Nacken, doch mit einem Mal ist die Formation über uns und verfinstert das Land. Wir erblicken das Tal und den fernen Einschnitt des zweiten Hohlwegs, da geht auch schon ein heftiger Schauer nieder. Meine Begleiterin ist eine geschwinde Geherin. Obwohl ich hinter ihr her jogge, bleibe ich bald zurück. Na, macht nichts, ist ja meine Bruchstraße und vertrauter Regen.

Fortsetzung