Allgemeine und spezielle Bemerkungen über Zugreisen

Bevor die schreckliche Plage Hartmut Mehdorn mit unausgegorenen Börsenplänen über die Deutsche Bahn gekommen ist und sie kaputt gespart hat, gab es eine tägliche IC-Verbindung Aachen – Berlin. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Aachen aus, die statt über Hannover über Hildesheim umgeleitet wurde und ich wunderte mich, denn Hildesheim hatte ich irgendwo in Süddeutschland vermutet. Der Zug hatte enorme Verspätung. Ein grimmiger junger Mann mit verdächtigem Aktenkoffer beleidigte darum die Zugbegleiterin aufs Übelste und zeterte, er müsse unbedingt dann und dann in Berlin sein. Ich ergänzte seine wütend hervorgestoßene Tirade meinem Reisegefährten: „Er muss da nämlich pünktlich einen erschießen.“ Das Opfer hat überlebt – dank Deutsche Bahn.

Freitags gibt es eine direkte IC-Verbindung Hannover – Aachen. Drum stieg ich letzten Freitag um 8:56 Uhr frohgemut in den Zug und genoss die Aussicht, nicht in Köln umsteigen zu müssen, diesem Bahnhof, der stets so überlaufen ist, dass man denken könnte, die halbe Welt hat kein Zuhause. Das schlimmste ist jedoch der Lärm in der Bahnhofshalle. Zwischen dem Dröhnen wartender ICE, dem Getöse an- und abfahrender Züge ist immer mal wieder eine komplett unverständliche Durchsage zu hören, die vermutlich vom bahneigenen Lärmdirigenten nur eingestreut wird, um die infernalische Kakophonie durch die Obertöne heller Frauenstimmen anzureichern.

In Köln stiegen viele Reisende aus, aber kaum welche zu, denn Berufspendler dürfen den IC nicht nehmen. Offenbar hatte es aber einen Personalwechsel gegeben. Ein gutgelaunter Rheinländer begrüßte per Durchsage die Fahrgäste „im IC der Deutschen Bahn zur Weiterfahrt nach Aachen. Unser nächster Halt ist der Weltbahnhof Düren.“ Da mussten die verbliebenen Mitreisenden schon lachen. Düren kennen Eingeweihte als Kaff, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Dann eine erneute Durchsage: „Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, kommen Sie in Wagen fünf. Da sitze ich nämlich“, kurze Pause, „aber nur bei Problemen.“ Nachdem wir den Weltbahnhof hinter uns gelassen hatten, näherten wir uns Aachen, und der Zugbegleiter, der nach Meinung einer jungen Frau wohl einen Clown gefrühstückt hatte, sagte:

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Aachen Hauptbahnhof. Unser Zug endet dort. Bitte denken Sie daran, beim Verlassen des Zuges Gepäckstücke und Kinder mitzunehmen.“

Sagt die junge Frau zu ihrer Mutter: „Da bekommt man doch gleich gute Laune.“ Oja, schön ists im Rheinland. Vor Aachen saust der Zug noch durch den Nirmer Tunnel.
Ein Kollege erzählte am Abend, sein alter Lateinlehrer habe immer gesagt: „Hinter dem Nirmer Tunnel beginnt die eurasische Steppe“, also von Aachen aus gesehen. Ein anderer Kollege nannte mich „liebe Jong.“
„Das hat schon lange niemand zu mir gesagt.“
„Wenn du auch so selten nach Aachen kommst.“

„Liebe Jong“ wäre ich auch diesseits des Nirmer Tunnels. Für mich beginnt die eurasische Steppe auf der rechten Rheinseite, „op de schäl Sick“ wie der Kölner sagt. Sobald mein Zug von der schäl Sick über die Hohenzollernbrücke auf die linke Rheinseite rollt, fühle ich mich zu Hause. Und das, obwohl ich doch schon 12 Jahre in Hannover lebe. Die Rückfahrt ist dann immer ein wenig befremdlich. In den dreieinhalb Stunden von Köln bis Hannover muss ich ein anderer werden, was sich auch zeigt in der Namensänderung. In der eurasischen Steppe kennt mich kaum jemand mit meinem richtigen Namen, sondern nur mit dem, der ich auch im Internet bin. Schon seltsam. Dabei habe ich die Frau, deretwegen ich hergezogen bin, nicht mal geliebt. Bei der Rückfahrt stieg übrigens im Weltbahnhof Düren eine Horde junger Frauen zu. Zwei unterhielten sich über ihre deutlich älteren Männer. 13 Jahre älter war der Freund der einen. Sie sagte altklug: „Das Problem bei älteren Männern ist … du kannst sie nicht mehr erziehen.“ Ja, vielen Dank. Das ist genau der Fehler, Fräulein. Dass ich mich nicht erziehen lassen wollte, daran ist auch die Beziehung gescheitert, deretwegen ich in Hannover gestrandet bin. Kann es überhaupt ein vernünftiges Ziel sein, den oder die BeziehungspartnerIn erziehen zu wollen? Das klappt doch nicht mal in der Weltstadt Düren.

Stoffel

Die Hannoveraner sind nicht unhöflich, keineswegs. Die meisten sind das, was man im Rheinland „Stoffel“ nennt. Ein Prachtexemplar des hannoverschen Stoffels sehe ich fast täglich beim Mittagstisch. Im Winterhalbjahr, wenn es im Marktcafé ziemlich voll war, weil man nicht draußen sitzen konnte, haben wir schon mehrfach notgedrungen zusammen an einem der runden Tische gesessen und unsere Suppe gelöffelt. Doch zu meinem Erstaunen tut er danach immer, als hätten wir uns noch nie gesehen. So verhält sich ein Stoffel. Im Umland von Hannover gibt es diesen Menschenschlag auch.

Einmal fuhr ich mit dem Rad einen von Hecken gesäumten, schnurgeraden Wirtschaftsweg entlang. Dabei schob mich ein heftiger Wind. Die Sonne kam hervor, tauchte die Äcker in freundliches Licht, und über eine ferne Bodenwelle hinweg schien mein Weg am Horizont in den blauen Himmel zu tauchen. Da freute ich mich, gut voranzukommen. Nach einer Weile kam mir ein älterer Mann auf dem Rad entgegen. Ich rief ihm einen Gruß zu. Er muckte nicht einmal, sondern sah stur geradeaus. Bald hatte die Wegdecke lehmige Traktorspuren, die Asphaltierung hörte auf, und ich fuhr über wucherndes Gras. Dann sah ich voraus einen schmalen Kanal, der sich quer durch die Felder zog. Da war keine Brücke, der Weg lief tot. Ich musste umkehren. Gegen den heftigen Wind kam ich kaum voran, ständig gerieten die Räder in tiefe Furchen, die sich unter der Grasnarbe verbargen, da hatte ich Zeit, den Kerl zu verfluchen, der mich ja hätte warnen können.

Woanders geschah es erneut, dass mich zwei Radfahrer sehenden Auges einen Weg fahren ließen, der zuerst holprig wurde und dann totlief. Die beiden, ein Mann und eine Frau saßen an einem Weiher. Ihre Fahrräder hatten sie sauber nebeneinander geparkt. Das war im Dorf Ihme, das ich nach einigem Suchen gefunden hatte, denn ich wollte ab dort am Bächlein Ihme entlang fahren bis Hannover, wo die Ihme das meiste Wasser der Leine aufnimmt und vorübergehend zum Fluss wird, um sich hinter Hannovers Altstadt wieder mit der Leine zu vereinen.

Ich biege also im Dorf Ihme in einen Weg entlang der Ihme ein. Mann und Frau drehen sich zu mir um, als sie das Britzeln und Bratzen der Steinchen unter meinen Reifen hören. Er hat einen weißen Mullstreifen quer über der Nase. Später, als ich wieder zurückkomme, drehen sie sich erneut um und sehen mir nach. Und ich denke: Ein weißer Mullstreifen quer über der Nase ist gewiss nicht angenehm für den Eigentümer der Nase. Die Frau neben ihm leidet wahrscheinlich mit. Doch weder Mullstreifen noch Mitleid mit dem Nasenbesitzer sind eine Entschuldigung dafür, dass man mich wortlos hat in die Irre fahren lassen.

Eigentlich sind die Menschen in Hannover und dem Umland recht freundlich. Daher neige ich inzwischen zu der Vermutung, dass sie mich nicht aus Bosheit, Gleichgültigkeit oder wegen Nasenqualen in die Irre haben fahren lassen, sondern aus Toleranz. Sie werden sich gedacht haben: „Der muss ja selber wissen, wohin er fährt.“ Und da haben sie natürlich irgendwie Recht, – wenn man denkt wie Stoffel.

An den Untertassen sollt ihr sie erkennen

Vorab ein Bekenntnis. Ich bin abgefallener Katholik und die Mutter meiner Kinder ist es auch. Doch seltsam genug geriet ich in der Folge nur an Frauen, die von Haus evangelisch waren. Ob jemand katholisch, evangelisch oder vom Glauben abgefallener Heide ist, lässt sich am Verhalten kaum ablesen. Ein kleiner Unterschied ist mir jedoch aufgefallen und ich wüsste gern, ob sich meine Beobachtung verifizieren lässt. Evangelische Frauen benutzen keine Unterteller, stellen die Tassen einfach so auf den Tisch. Ich glaube nicht, dass es landschaftlich begründet ist, denn die erste Frau, die ich die Untertasse weglassen sah, kam aus dem schönen Städtchen Jülich, im Herzen des Rheinlands gelegen. Aus meiner Kindheit habe ich noch vor Augen, dass alte Frauen etwas Unmanierliches taten. Weil sie sich am heiß aufgebrühten Kaffee nicht den Mund verbrennen wollten, gossen sie den ersten Schluck auf den Unterteller und schlürften ihn von dort. Heißt der Unterteller im Rheinland deshalb Untertasse?

Was zu beweisen wäre – Foto: JvdL

Eben fiel mir auf, dass ich inzwischen auch keinen Unterteller mehr benutze, ja nicht einmal vermisse, was bedeutet, dass ich per Untertellerverschmähung klammheimlich zu den Evangelischen übergetreten bin. Hallo? Ich meins nicht so. Mein Einstellungswandel vollzog sich für mich unmerklich. Ihm liegt keine bewusste Entscheidung zugrunde. Es ist pure Gewöhnung. Deshalb hoffe ich, nicht wieder aus der Kirche austreten zu müssen. Demgemäß schreibe ich aus purem ethnologischem Interesse. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Untertassenverschmähung und evangelischer Religion?