Pik-zehn auf der Hand – über Lesen und Verstehen

In der Schlusszsene von Roman Polanskis Politthriller „Der Ghostwriter“ wehen die Manuskriptseiten eines Buches durch eine Londoner Straße. Daran wurde ich erinnert, als ich auf dem Weg zum Bäcker eine große Anzahl von Buchseiten am Boden verstreut fand. Sie stammten von einem ausgesetzten Buch, dessen Leimung sich im Starkregen der letzten Tage aufgelöst hatte. Die meisten Seiten klebten völlig durchnässt am Boden und würden erst weitergeweht werden, wenn der Wind sie getrocknet hätte. Eine Seite klaubte ich mit spitzen Fingern auf, um sie zu Hause zu trocknen und zu scannen. Wozu?

Es lässt sich eine Übung damit machen, die ich aus dem Studium kenne, nämlich Texte ohne ihren Kontext zu beurteilen, um den Leseprozess besser zu verstehen. In den 1970-er Jahren richtete man in der Literaturtheorie den Blick vom literarischen Werk auf den Leser, getreu der Einsicht, dass Leser*innen einem Text erst Bedeutung geben. Ein Buch ohne Leserinnen/Leser ist nur ein Gegenstand aus Papier. Man kann wie Lichtenberg darauf stehen, Pfefferkuchen backen, es auf Mauslöcher pressen, nach Ratten damit werfen und allerhand mehr [E 308].

Erst wenn ein lesendes Auge die im Buch enthaltenen Worte erschließt, ihnen Bedeutung abgewinnt, wird ein Buch zur Literatur. Dabei sind die einzelnen Wörter kein neutrales Gefäß, in das eine Autorin/ein Autor einen gemeinten Inhalt hineingegossen hat, so dass ihn die Rezipienten eins zu eins herausnehmen können. Leser*innen müssen Wortinhalte mit eigenem Weltwissen verknüpfen können. So muss man beispielsweise wissen, dass mit der „Hand“ in Zeile drei (zum Vergrößern bitte anklicken!) nicht das Körperteil Hand gemeint ist, sondern die Kartenhand, also die jeweiligen Spielkarten, die Kartenspieler auf der Hand haben. In Zeile neun finde ich einen Lektoratsfehler: Im Satz „(…) als wolle sie ihr ein Geschenk machen“ [Konjunktiv I] muss es „wollte“ [Konjunktiv II] heißen, denn der Satz ist keine indirekte Rede, sondern gibt eine mögliche Handlung an. Im vorletzten Satz dieser Seite: „(…) sie ist doch eine alte Nutte, vergessen wir das nicht“ ist unklar, wen das „wir“ meint. Ist es Pluralis Majestatis und gehört zum inneren Monolog oder spricht die auktoriale Erzählerstimme?

Vermutlich ließe sich noch mehr finden. Diese kritische Betrachtung ist möglich, solange Autorin oder Autor und ihre Reputation unbekannt sind.

Unabhängig vom Textinhalt gibt der Text weitere Signale, die Verstehen und Interpretation beeinflussen: Die typographischen Signalelemente wirken außerbewusst. Zu sehen ist, dass es sich um eine Buchseite, nicht um eine getippte Manuskriptseite oder ein Schmierblatt handelt. Man kann also davon ausgehen, dass eine Gruppe sachkundiger Verlagsmitarbeiter den Text wert fand, ihn zu lektorieren, ihn typographisch professionell zu gestalten, zu drucken und zu publizieren. (Genau diese Sicherheit ist durch die Möglichkeit der Selbstpublikation im Schwinden begriffen.)

Soweit diese Übung zur Rezeption. Eine Nachrecherche ergab, dass die Seite aus dem Buch „Umarmen hat eine Zeit“ (1981) von der vielseitigen Schauspielerin und Autorin Lili Palmer stammt.

Teestübchen Stilkritik: Meisterhafte Einfachheit

Einmal, in Aachen noch, war ich bei einer Autorenlesung in einem Café namens Schnabeltasse. Der Name tut nichts zur Sache, seine Nennung hilft mir nur, mich zu erinnern. Eine junge Frau las einen Text, in dem der Vitrinenschrank in der Küche ihrer Oma vorkam. Man kennt solche Oma-Küchen-Vitrinenschränke. Wir hatten früher auch einen. Meine Frau hatte ihn hübsch lackiert, und ich brach mir die Nase daran. Ich hatte in den unteren Fächern nach Töpfen gekramt. Derweil meine Frau ein Türchen des Vitrinenoberteils geöffnet hatte, um Geschirr herauszunehmen. Als ich mich aufrichtete, stieß ich mit der Nase gegen die Kante des offenen Türchens und ging zu Boden. Ich erinnere mich, dass meine Frau ziemlich lachen musste, weil meine Nase mir schief im Gesicht stand. Vor dem Garderobenspiegel bog ich sie in etwa wieder gerade.

Über so einen Vitrinenschrank hatte die junge Autorin geschrieben. Er war nicht Schauplatz einer Handlung, sondern stand einfach im Weg. Die Frau hatte der Lust nachgegeben, den Schrank in allen Einzelheiten zu beschreiben, erst von außen, dann sein Inneres, so dass man sich als Leser bei der Nase genommen und zu einer touristischen Vitrinenschrank-Führung genötigt fand, ein barbarischer Akt bei meiner ramponierten Nase!

Seit dieser Zeit reagiere ich allergisch auf Beschreibungen und Schilderungen, die nur um ihrer selbst Willen geschrieben werden, so als würden ihre AutorInnen beim Schreiben eitle Pirouetten drehen und rufen: „Schaut nur, wie schön ich das kann!“ „Auf der Glatze Locken drehen“, nennt Karl Kraus die substanzlose Schönschreiberei. Derlei lässt mich immer an den klugen Befund des Buchdruckers Theodore Low De Vinne denken:

    „The last thing to learn is simplicity.“

Meisterschaft zeigt sich eben nicht in verbalen Häkeldeckchen oder schlimmer noch in sprachlichem Bombast, sondern im Respekt vor der Vorstellungskraft von Lesern und Hörern. Es geht darum, nicht deren Lebenszeit zu verschwenden, um „Weniger ist mehr“, um Leerstellen, um nicht Gesagtes, nicht Geschriebenes, quasi um Rücksicht auf meine geschundene Nase.

Für Tüftler: Der übersetzte Spruch als Rebus, gleichzeitig das Teestübchen-Motto. Auflösung

Das Teestübchen-Motto: Zeichnung JvdL

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim über Rezeption, Icherzähler und Minuszahlen


Trithemius

Oje, meine Leserzahlen sind in den Keller gesunken, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Vielleicht, weil Sie Ihre Mikroben-Erzählung nicht weiter geschrieben haben?

Trithemius

Einerseits wollte ich niemanden mit zuviel Text überfordern, andererseits bin ich nicht sehr motiviert weiterzuschreiben, wenn die Likes und Leserzahlen zurückgehen. Man ist ja immer geneigt, etwas in die Rezeption hineinzudeuteln.

Frau Nettesheim
Beispielsweise?

Trithemius
Befremdung. Ich habe heute morgen noch mit meinem Physiotherapeuten darüber gesprochen. Er ist ein belesener Mann und an literarischen Fragen interessiert. Bekanntlich verwischt im Blog die Grenze zwischen Autor und Ich-Erzähler. Blogleser scheinen zu bevorzugen, wenn Ich-Erzähler und Blogautor identisch sind. In meiner Erzählung Mikroben gibt es sogar zwei nicht mit mir identische Ich-Erzähler, den Arzt und den Patienten. Ich glaube, das befremdet meinen Leserkreis, Frau Nettesheim, und sie warten darauf, dass ich wieder in die vertraute Rolle zurückkehre.

Frau Nettesheim
Das scheint mir doch sehr spekulativ zu sein.

Trithemius
Sie haben Recht. Bis heute habe ich die rätselhafte Sphinx Internet nicht begriffen. Mal sendet sie Abgesandte, mal nicht, auf unwägbaren Ratschluss, wie sie grad lustig ist. Stellen Sie sich vor, das geht jetzt so weiter. Ich schreibe Fortsetzungen von „Mikroben“, und die Besucherzahlen sinken und sinken, sinken bis ins Negative. Und meine Stastik weist aus: „Anzahl der Besucher: -39.“ Stellen Sie sich die dramatische Entwicklung mal vor, Frau Nettesheim. Dann wäre ich sowas wie ein Besucher-Schuldenblogger und müsste horrende Zinsen bezahlen.

Frau Nettesheim
Sie phantasieren. Wie sollte das praktisch aussehen?

Trithemius
Das weiß ich auch nicht. Aber die Vorstellung ist irgendwie bedrückend.

Frau Nettesheim
Trithemius! Eine unvorstellbare Vorstellung ist weniger als nichts.

Trithemius

Sag ich doch. Schrecklich, wenn alles in den Minusbereich abwandert.