Fragment (6) – Cupidos Pfeil und derlei Dinge

Im Jahr 2012 trat Professor Dr. Jeremias Coster den Ruhestand an. Renate Klippenhagen war inzwischen zur Rektorin der RWTH Aachen aufgestiegen und sah sich nach einem passenden Nachfolger um. Dabei wurde sie auf den 39-jährigen Lüneburger Kulturwissenschaftler Steffen Gaukler aufmerksam. Da Gaukler die weitere Entwicklung des Instituts für Pataphysik entscheidend geprägt hat, letztlich auch für die Tropfenform des neuen Institutsgebäudes verantwortlich ist, sei hier seine Geschichte kurz erzählt:
Dr. phil. Steffen Gaukler war beileibe kein Frauenheld, war aber ein Mann, der zum Enthusiasmus neigt und sich folglich schnell verliebt. Er konnte sich kaum noch erinnern, einmal nicht verliebt gewesen zu sein. Dr. Gaukler war jedoch kein flüchtiger Mensch. Kam es zu einer Beziehung, wandelte sich das Verliebtsein rasch in Liebe. Indem er zu seinem Leidwesen aber nicht viel Glück in Beziehungen hatte, taumelte er von einer in die andere. Von den unweigerlichen Trennungsschmerzen war er bald schon geheilt, indem er sich neu verliebte. Daher ist es naheliegend, dass Gaukler sich für die Bedingungen des Verliebtseins näher zu interessieren begann. Einen Namen machte er sich in wissenschaftlichen Kreisen durch die Untersuchung von Cupidos Pfeils.

Der Titel seiner Doktorarbeit lautet: „Cupidos Pfeil als Personifikation des Verliebtwerdens in der antiken Mythologie und seine Entsprechung in der menschlichen Erfahrung – eine Annäherung an seine Wirkungsweise.“ Cupido oder Amor, der Gott in Knabengestalt, lauert bekanntlich den Menschen auf und schießt ihnen aus dem Hinterhalt den Liebespfeil ins Herz, wodurch sie unwiderstehlich getroffen sind und sich in die Nächstbeste, den Nächstbesten verlieben. Da Gaukler nun schon häufiger getroffen worden war als der kuriose kanadische Farmer, den sieben mal der Blitz getroffen hat, interessierte er sich für den Kern der mythologischen Vorstellung. Es musste eine tiefe Menschheitserfahrung darin stecken und hinter ihrer Einkleidung eine Form der Erkenntnis, die die Alten eventuell gehabt haben, die aber verloren gegangen ist.

Natürlich ist dieser Pfeil auf Vasen und in Gemälden schon dargestellt worden. Aber wer von ihm getroffen wurde, hat ihn nicht kommen sehen. Cupidos Pfeil ist quasi unsichtbar. Gaukler wollte wissen, woraus dieser überaus mächtige Pfeil besteht. Zunächst zeigt der Pfeil-Mythos, dass es sich um eine Fernwirkung handelt. Die größte Fernwirkung hat in der menschlichen Wahrnehmung das Sehen. Doch Cupidos Pfeil konnte nicht nur aus dem visuellen Eindruck bestehen. Gaukler wusste genau, dass er sich schon einmal in eine Stimme verliebt hatte, lange bevor er die Frau sah. Eine andere Erfahrung, die er erst machte, derweil er an seiner Doktorarbeit schrieb und ihm entscheidende Impulse gab, ließ sogar vermuten, dass die bekannten menschlichen Sinnesreize nur naheliegende Rationalisierungen waren von etwas bislang völlig Unverstandenem. Cupidos Pfeil musste auf eine spezielle Weise substanziell sein, die nichts oder wenig mit den bekannten Energieformen und den menschlichen Wahrnehmungen zu tun haben. Es geschah nämlich Folgendes: Er verliebte sich im Internet digital, und zwar nicht auf einer Dating-Plattform, die von Menschen aufgesucht werden, um jemanden kennen zu lernen. Danach stand ihm nicht der Sinn. Dr. Gaukler betrieb ein wissenschaftliches Kultur-Blog. Unter einem seiner Beiträge tauchte irgendwann aus heiterem Himmel eine Frau auf und kommentierte mit wenigen Worten. Aus diesen Worten nahm ihn sogleich ein Zauber gefangen, den er nicht erklären konnte. Besonders hatte es ihm ein Wörtchen ihrer Schriftsprache angetan, nämlich „derlei.“

„Derlei Dinge,“ das rührte an sein Herz. Natürlich gab es einen visuellen Eindruck, einmal über Schrift und Typografie ihres eigenen Blogs, schwarze Antiquaschrift auf Altrosa. Es gab auch ein Avatarbild, von dem er aber sah, dass es ein Foto aus einer Illustrierten war, also keinesfalls von der Frau stammte, die ihn längst verzaubert hatte. Aber wann immer in den folgenden Wochen diese züchtig beieinander gestellten Füße signalisierten, dass sie erneut bei ihm klug und einsichtig kommentiert hatte, hüpfte sein Herz. Indem er sich in etwas ihm nicht Zugängliches, völlig Unwägbares verliebt hatte, etwas, das fassbar wurde, wenn er das Etikett „derlei“ an zwei Füße aus einer Illustrierten hängte, kam Dr. Gaukler zu dem Schluss, dass Cupidos Pfeil aus einer unbekannten Energie besteht, die verschiedene Erscheinungsformen annehmen kann, aber quasi immateriell ist. Letztlich dachte er an Quantenphysik, aber damit stieß seine Doktorarbeit an ihre Grenzen, denn von Teilchenwissenschaft verstand er nichts. Als er der Frau dann begegnete, einer zauberhaften Studentin der Visuellen Kommunikation aus Berlin, fand Gaukler die Bestätigung, dass der Pfeil „derlei“ völlig plausibel gewesen war, worauf sich eine heftige, aber leider kurze Liebschaft entspann. Gaukler Doktorarbeit schließt übrigens mit den Worten: „Die bisher geäußerten Schlussfolgerungen und derlei Behauptungen harren noch einer tieferen Untersuchung, welche vielleicht nur mit den Instrumenten und Methoden einer neu zu definierenden Wissenschaft geleistet werden kann. Ansätze dafür sehe ich derzeit nur in der Pataphysik.“ Damit hatte er sich bei Renate Klippenhagen bereits qualifiziert.

[Das Foto oben zeigt die Skulptur ohne Titel“ – eine Arbeit des niederländischen Malers, Zeichners und Bildhauers Jaap Mooy (1915-1987), gesehen im August 2007 im AVANTIS European Science and Business Park, Aachen-Heerlen – Foto: JvdL]

 

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Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.