Kein Gott mehr auf Erden

So ein Novembertag Grau in Grau, der anhaltende Regen der Vortage hat die Farbe aus der Welt gewaschen, und hell werden will’s nicht mehr. Von der Friedhofskapelle her scheppert das Totenglöckchen, wird mal verweht, mal wirkt es in der feuchten Luft seltsam zudringlich. Über die Dorfstraße wird ein zweirädriger Karren geschoben. An seinen Ecken vier Männer in der grauen Livree eines Bestattungsinstituts. Sie halten, schieben einen billigen Sarg aus hellem Fichtenholz. Offenbar ist ihnen nicht wohl dabei, und sie feixen, um sich zu entlasten. Hinterm Karren geht die schwarz verschleierte Witwe. Sie hält den Kopf gesenkt, damit sie die Schmach nicht sehen muss, hält an beiden Händen je ein Kind. Sie geben ihr Halt, obwohl das größere, ein Junge, humpelt. Er hat einen Klumpfuß in einem hochgeschnürten Lederschuh. Das Dorf liegt wie ausgestorben, doch jedes Fenster gafft. Man will sich nicht zeigen, will nicht in den Verdacht geraten, das da draußen könnte ans eigene in Achtbarkeit verstockte Herz rühren. Im Sarg liegt Puffler, ein überführter Verbrecher, der sich im Zuchthaus aufgeknüpft hat. Kein anderer gibt ihm das Geleit, Keiner drückt der Witwe sein Beileid aus. Man wird den Selbstmörder an der Friedhofshecke verscharren. Kein Priester wird den Sarg in der offenen Grube segnen, keine Grabrede wird gehalten werden. Wenigstens die Totenglocke läutet. Der Totengräber hat Geld bekommen.

Was wird der Junge gedacht haben, als er am Morgen seinen unförmigen orthopädischen Schuh geschnürt hat? Was wurde gesprochen zwischen der Mutter und ihren Kindern? Hat sie erklärt, warum dieser Spießrutenlauf sein muss? Oder wurde alles im sprachlosen Grauen getan?

Manches Elend endet nie. Es ist noch nicht viel verheilt. Gerade ist so ein schütteres Häutchen über alles gewachsen, da steht der Junge vor Angst bebend im Religionsunterricht. Steht da neben seiner Bank mit seinem Klumpfuß und soll etwas aus dem Katechismus wissen. Aber was dort geschrieben steht von Nächstenliebe und einem fürsorglichen Gott, ist dem Jungen so fremd wie die sibirische Steppe. Den Lehrer, Pastor Houben, hat der heilige Zorn erfasst über den verstockten Knaben. Er hat sich vor dem Jungen aufgebaut, denn dessen sündige Seele muss gerettet werden. „Puffler!“, donnert er, „Puffler, was war dein Vater?!“ Puffler schweigt . „Was war dein Vater?!!!“ Puffler zittert. Houben hat den Katechismus längst vergessen, ist jetzt ganz Racheengel und kreischt: „SELBSTMÖRRRDER! SELBSTMÖRDER WAR DEIN VATER!“
Peter Puffler sinkt schluchzend in seine Bank zurück. Einige Mädchen weinen.

Und ich löse mich vom katholischen Glauben ab.

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