Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir nach langer Wanderung den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend. „Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Von „wollen“ dürfte keine Rede sein, denn als wir ein wenig himmelan gestiegen waren, taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, aus dem hervorging, dass just an diesem Abend um 20 Uhr der Giro d’Italia vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peleton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einem tropfte plötzlich das Blut vom Finger. Die Ursache seiner Verletzung hatte ich nicht mitbekommen, und man beschloss zurückzugehen. Ich hätte also allein im Dorf bleiben müssen, um die Stunden bis 20 Uhr zu überbrücken. Weiterlesen

Versinkende Wörter beim Schopf gepackt

Dass Wörter außer Gebrauch kommen, versinken und vergessen werden, ist ein normaler Vorgang bei lebendigen Sprachen. Kaum jemand kennt heute noch: Zungenziegel, Nachtleiche, Biermörder oder mein Lieblingswort Eulenflucht. Diese Wörter waren einmal im Gebrauch und geläufig. Nachfolgende Generationen werden nicht mehr kennen: Pfennig und Groschen, Ärmelhalter oder Bandsalat, Wörter, die mit dem Sachbereich verschwinden. Weil unser Wortschatz aufgeschrieben ist, können versunkene Wörter wieder gehoben werden, so etwa Commerz, was noch in Commerzbank steckt. Der Duden hatte es ausgemustert, weils nirgendwo mehr verwendet wurde. In den 1960-er Jahre tauchte das Wort in der Wendung „Kunst und Kommerz“ wieder auf. Wir können also etwas gegen das Verschwinden mancher Wörter tun, solange sie den Wortschatz noch bereichern und die eigene Diktion saftiger machen. Versinkende oder aussterbende Wörter, die wir unbedingt weiter verwenden sollten [Bedeutung evtl. googlen]:

Afterweisheit = Schein-, Pseudoweisheit,
allda = ebenda, dort,
ausfenstern = ausschimpfen,
Beinkleid = Hose,
bolzengerade,
Bubenstück,
charmieren,
Nachtgeschirr,
nitschewo = macht nichts,
Ohrenbläser,
pardauz,
poussieren.

Ich bitte darum, mit mindestens fünf Wörtern der Liste eine Reizwortgeschichte zu schreiben und im eigenen Blog zu veröffentlichen, wobei die Reihenfolge der Wörter beliebig ist. Verlinke hierhin und sende mir bitte den Link zu deinem Text. Ich freue mich auf eure Texte und werde eine Linkliste anlegen, so dass wir nachschauen können, welche Wörter sich noch bolzengerade in den heutigen Sprachgebrauch einfügen. Meine eigene Reizwortgeschichte folgt um 00:01 Uhr. Liste der Reizwortgeschichten: