Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 1)

nacht im reiffmuseum
Der Morgen

Es stimmt was nicht mit mir. Ich hatte eine unruhige Nacht und wurde von heftigen Träumen geplagt, so dass ich heute morgen wie gerädert war. Und dann war mir, als wäre ich noch gar nicht erwacht, denn ich lag allein in einem fremden Bett. Über mir eine hohe Decke, seitlich drei hohe Fenster, Bücherregale in einem Erker.

Wo bin ich, was tue ich hier, dachte ich. Indem ich mich erhob, kannte ich mich plötzlich in der fremden Wohnung aus. Da war die zweiflügelige Tür meines Schlafzimmers, an der ich mir einmal in der Eile den kleinen Zeh des linken Fußes eingehakt hatte, weshalb ich taglang nicht laufen konnte. Dieses Wiedererkennen ließ mich entsetzt zurücksinken. Eine Weile lag ich wie erschlagen. Dann raffte ich mich auf und wankte ins Bad. Im Spiegel war ich mir fremdvertraut. Doch Haar und Stoppelbart grau! Und in mein Gesicht schienen all die Dinge eingegraben, die mir im Traum begegnet waren. Ich fand mich um 30 Jahre gealtert.

Mir fehlt ein Zahn. Meine Zunge fühlt eine Lücke. Ja, klar, Dr. Dr. Kopf hat mir den Zahn herausgemeißelt. Es dauerte elend lang, und am Ende war er über und über mit Blut bespritzt. Er hatte mir den Kiefer angebohrt. Eine üble Sache, zum Glück lange verheilt. Wieso lange verheilt? Wo ist das Hier und Jetzt, das ich gestern Abend verlassen habe?

Ein andalusischer Hund

Die Plakate in der Unterführung und an den Hochschulgebäuden – sie sollten meine sein, von meiner Hand gestaltet! Ich finanziere mir das Studium damit. Und was ist das für ein visuelles Unglück dort an der Wand? Niemals hätte ich es auf diese Weise gemacht. Welch ein Verfall der Plakatkunst!

Und seltsam ist die Hast auf den Straßen. Wer seid ihr? Ich kenne euch nicht. 1000 Gesichter, und nicht ein vertrautes ist darunter. Gewiss werde ich meine Kommilitonen vor dem Reiffmuseum treffen. Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte, hat uns hinbestellt. Wir sollen uns „Ein andalusischer Hund“ von Bunuel ansehen, diesen surrealen Meilenstein der Filmgeschichte. Du kennst ihn doch? Es gibt da die berühmte Szene, wo ein Rasiermesser durch ein geöffnetes Auge geht. Willst du einmal meine Theorie zu diesem Film hören?

Ich glaube „Ein andalusischer Hund“ hat all die späteren Horror- und Splatterfilme erst möglich gemacht. Bunuel war der Vordenker, und mit seinem Film rief er die Nachahmer auf den Plan. So geht es immer, oder? Zuerst hast du das originäre Werk, dann fallen die Epigonen wie die losgelassenen Kettenhunde darüber her. Sie ahmen die Vorlage nach, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Dabei verhunzen sie die Ursprungsidee derart, dass du dir wünschst, es hätte den Ursprung nie gegeben. Wieso weiß ich das? Woher weiß ich, was kommen wird? Es war alles in meinem gestrigen Traum. Wie schrecklich!

Folge 2

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