Burtscheider Kursplitter XIX – Zu wenig Fleisch

Eine Ärztin kommt vorbei und grüßt mich mit Namen. Gegenüber sitzt Herr H., ein Physiotherapeut, der mich gerade im Gehen unterwiesen hat, und macht ein Päuschen. Ich sage: „ Wissen Sie, was ein schlechtes Zeichen ist, Herr H.?“
„Nein.“
„Wenn Ärzte und die Mitarbeiter in der Apotheke Sie mit Namen begrüßen.“
„Warum?“
„Weil es zeigt, dass Sie nicht gesund sind.“
Da bricht Herr H. in schallendes Gelächter aus. „Das muss ich mir merken.“

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Wie die Dinge in einer Institution, in einem Unternehmen oder in einer sozialen Gruppe gehandhabt werden, ist ein heimlich bestehender Plan, der unabhängig von den Mitgliedern wirksam ist und auch bei deren sukzessivem Austausch fortbesteht. Dieser Geist existiert als Struktur unabhängig von den handelnden Personen. Wer neu hinzukommt, muss sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie über unseren Köpfen. Die Auswirkung einer solchen Struktur beobachte ich auch im Mikrokosmos Speisesaal. Dort gibt es eine Ecke der Großsprecher mit zwei Tischen. Inzwischen sind die alten Platzhalter längst abgereist, aber ihre Nachfolger zeigen das gleiche Verhalten, gebärden sich laut und großspurig. Wer sich freilich nicht über Bayern München, Fußballergagen und Ähnliches unterhalten will oder kann, setzt sich dort nicht hin.

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Gehört, wie eine ältere Frau eine der umhereilenden dienstbaren Geister “Frollein!“ rief. Wie aber sollte sie besser rufen? Früher war manches einfacher.

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Diesen Schriftzug mit einem typografischen Fehler habe ich täglich vor Augen. Er gehört zum Logo der Kurklinik und ist auf allen Schriftstücken und Aushängen zu sehen. Der stört mich ungemein, denn er zeigt, dass der Gestalter des Logos ein Stümper war. Kürzlich war ich froh, dass meine Tochter, eine diplomierte Grafik-Designerin, den Fehler auch auf Anhieb sah. Es geht um den viel zu geringen Abstand zwischen I und F. Wie kam es dazu?

Original-Logo

Der Abstand zwischen allen Buchstaben des Logos ist rechnerisch gleich. Beim Zusammentreffen der Buchstaben V I A L IF E entstehen ungewollte optische Lücken. Das tritt auch auf bei Kombinationen von A V, A O, T A. Dieser Eindruck entsteht durch den Leerraum seitlich der Buchstaben, in der Typographie „Fleisch“ genannt. Buchstaben mit wenig Fleisch scheinen näher zusammen zu stehen. Beim Logo bilden I und F eine ungewollte Einheit. Im Computersatz lässt sich das ganz einfach ausgleichen. Man muss freilich den Sachverhalt kennen.

Von mir korrigierte, optisch ausgewogene Zeile


Wer mehr über das Thema wissen will: Teppichhaus Trithemius, Typopgraphischer Lehrbrief: Vom Fleisch der Buchstaben.

Musiktipp
Royal Blood – Figure It Out

Burtscheider Kursplitter IV – Keine Bücher mehr

Vor fünf Jahren wurden im Speisesaal feste Plätze zugewiesen. Mit mir am Tisch saß ein Polizist, der schon zwei Jahrzehnte an den Folgen eines Dienstunfalls leidet. Seine Geschichte klang nach dümmer als die Polizei erlaubt: Auf einer abschüssigen Straße, die von blühenden Kirschbäumen gesäumt war, verfolgte er einen Einbrecher und hatte ihn gerade gestellt, da wurde er von einem Streifenwagen erfasst. Der Streifenwagen war wegen der Kirschblütenblätter auf der Straße ins Rutschen geraten und verletzte ihn so schwer, dass er wohl niemals mehr gesunden wird. Schon sechsmal war er deshalb in Kur, bezahlt von der Haftpflichtversicherung des Einbrechers. Ein Richter hatte damals folgendes geurteilt: Es ist nicht strafbar, vor der Polizei zu fliehen. Wohl aber haftet der Fliehende, wenn ein Polizist bei der Verfolgung Schaden erleidet. In der Folge war ich froh, dass der Polizist selten bei Tisch auftauchte. Am Ende wünschte ich dem Kerl zur Unzeit: „Guten Appetit!“, der verschluckte sich bei der Antwort, erstickte daran, und ich hätte blechen müssen.

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Die mit Krücken zeigen. Ein Frau stochert ganz selbstverständlich mit ihrer Krücke im Brötchenkorb, um einer anderen ein bestimmtes Brötchen zu zeigen. Mit ihr saß ich einmal am Tisch. Da zeigte sie mir selig lächelnd ein Video ihrer Katze. Ich hoffe, nicht auszusehen wie einer, der sich für Katzenvideos interessiert, sondern es war ihrer Selbstvergessenheit geschuldet.

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Die Patientenbegrüßung fand in der ehemaligen Bibliothek statt. Es sei die Ärztebibliothek gewesen, sagte die Chefin der Patientenbetreuung, „und die enthielt wohl nur Fachliteratur.“
„Ich habe da auch Belletristik gelesen“, widersprach ich. Jedenfalls sind die Bücher weg. Bei der Pandemiebekämpfung mussten sie dran glauben. Ehrlich gesagt war ich schon 2015 der einzige Besucher. Im seltsam zusammengewürfelten Bestand der Bibliothek fand ich Herbert Rosendorfers wunderbaren Roman in „Briefe in die chinesische Vergangenheit“. Rosendorfer behauptet darin, der Heilungsquotient in unserem Gesundheitssystem habe 1980, im Jahr seines Zenits, bei 60 Prozent gelegen. Seither sei er nicht mehr gestiegen. Der Schamane, der mit seinem Mummenschanz den Kranken umtanzt, habe den gleichen Heilungsquotienten. Ich konnte die Zahl leider nicht verifizieren, halte sie aber für plausibel. Ein Freund und Exkollege, dem ich davon erzählte, als er mich besuchte, führte das auf die Zuwendung zurück, die der Kranke durch den Schamanen erfährt.

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Wann weiß man, dass man im Rheinland ist? Wenn die Präposition „um“ durch „für“ ersetzt wird. Mann und Frau unterhalten sich über einen See in ihrer Region. Er sei da früher immer mit den Kindern hingefahren „für die Enten zu füttern.“

Musiktipp
The Staves
Black & White

Burtscheider Kursplitter I – Pfeifen lernen

In der Reha fällt mir das Gehen noch schwer. Deshalb konnte geschehen, dass ich beim Verlassen des Speiseraums etwas hörte, was unter normalen Bedingungen meine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. So aber bekam ich nur Fetzen eines Berichts mit. Zwei ältere Frauen sitzen sich beim Abendessen diagonal gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. In meinem Rücken sagt eine: „Als Kind wollte ich unbedingt „Flöten“ [Pfeifen] lernen. Ich bin zum Bauern gegangen und habe nur noch Flötekies [Quark] gegessen. (…) Wie die Geschichte weiterging, kann ich nicht sagen. Derweil ich zum Aufzug humpelte, spulte der Besserwisser in mir ab, dass der Erfolg mäßig gewesen sein musste.

Denn Flötekies = Flötekäse ist ein altes Wort für Quark. Der erste Bestandteil dieses Wortes, das ausgestorbene Verbum ›Flöten‹, bedeutete ursprünglich: den Quark durch Rühren wieder fließend (flott) machen. Da die Grundform „Flöten“ im Rheinland außer Gebrauch kam, wurde der Ausdruck Flötekies nicht mehr verstanden; seine ursprüngliche Bedeutung ging verloren. Deshalb setzte eine volksetymologische Umdeutung ein: Das nicht mehr verstandene Wort Flöten wurde mit Pfeifen gleichgesetzt. So kam es zur volkstümlichen Auffassung, durch den Verzehr von Quark würde man pfeifen lernen.

Als ich Kind war, hörte ich die Behauptung, aber da ich Quark nicht mochte, verzichtete ich auf Virtuosität im Pfeifen. Leider habe ich die Sprecherin nicht gesehen und kann sie nicht nachträglich nach ihren Erfahrungen befragen. Vielleicht wäre aus ihr beinah eine bekannte Kunstpfeiferin geworden wie damals Ilse Werner, wenn der Quark nicht versagt hätte.