Die Jungfrauenhasser oder Warum die Jungfrauen immer seltener wurden

Kategorie MedienZu den schönen Momenten während meiner Arbeit als Schriftsetzerlehrling zählte, von einem fertigen Bleisatz den ersten Korrekturabzug zu machen. So ein Text im Bleisatz ist grau in grau. Die druckenden Teile, Schrift und Linien stehen zwar um weniges erhaben hervor, aber ist Spiegelschrift. Deshalb wird im Kopfstand gesetzt. Der Bequemlichkeit halber steht nicht der Schriftsetzer auf dem Kopf, sondern der Satz. Das hat den Vorteil, dass auch Spiegelschrift von links nach rechts gelesen und gesetzt werden kann. „Ausbinden, Abziehen!“, befahlen mir die Gesellen im Anfang meiner Lehrzeit, als ich noch nicht viel anderes konnte. „Ausgebunden“ wird die fertige Satzform durch Umwickelung mit einer festen Schnur, um zu verhindern, dass alles auseinanderfällt. Die ausgebundene Form lässt sich transportieren und für den Korrekturabzug in die Abzugspresse schieben.

Die einfachste Handabzugpresse bestand aus einem festen Metalltisch, mit Schienen an den seitlichen Rändern, über die kleine Eisenräder liefen, die wiederum eine Gummiwalze antrieben, wenn die Einrichtung von Hand vor und zurück bewegt wurde. Zum Abziehen wurden die Gesichter der Buchstaben mittels Handwalze satt eingefärbt mit schwarzer Druckfarbe, dann wurde ein Bogen Papier aufgelegt und die Druckwalze einmal darüber gezogen. Den jetzt bedruckten Bogen abzuheben und erstmals einen Druck zu sehen, wie er schwarz auf dem weißen Papier stand, war für mich der schönste Augenblick. Anschließend heftete ich den Abzug mit einer Büroklammer ans Manuskript und trug ihn zum Korrektor.

Die Jungfrauenhasser bei der Arbeit - (aus: Graphisches ABC 1964)

Die Jungfrauenhasser bei der Arbeit – (aus: Graphisches ABC 1964)

„Wie schön, wenns eine Jungfrau wäre“, habe ich oft gedacht und mir gewünscht, der Korrektor werde keinen Fehler finden. Doch meistens bekam ich meinen Korrekturabzug zurück und er war mit roten Korrekturvermerken beschmiert wie die Fahnen chinesischer Räuberbanden. Damals lernte ich: „Deshalb heißt ein fehlerloser Erstabzug ja auch ‚Jungfrau.‘ Weil er so selten wie eine Jungfrau ist!“ Da ich erst 13 Jahre war, als ich meine Schriftsetzerlehre antrat, verstand ich den Zusammenhang nicht zwischen dem Begriff aus der bilderreichen Druckersprache und der alltäglichen Bedeutung von Jungfrau.

Warum waren Jungfrauen so selten? Die meisten Korrektoren waren gelernte Schriftsetzer. Im vorgerückten Alter hatten sie Rückenprobleme, konnten sie die schweren Setzkästen nicht mehr heben und wurden in die Korrektorenstube versetzt. Dort war es ihre Aufgabe, Fehler zu finden. Da wollte der Korrektor seine Nützlichkeit beweisen. Gab es keine Setzfehler und war auch das Manuskript orthografisch einwandfrei gewesen, gab es noch immer die Zweifelsfälle, die nicht im Duden geregelt waren. Beispielsweise war der gesamte Bereich der Zusammen- und Getrenntschreibung im Jahr 1901 in den amtlichen Regeln nicht festgelegt worden, sondern konnte nach Gutdünken gehandhabt werden. Das galt auch für die sogenannten Doppelformen, bei denen verschiedene Schreibweisen erlaubt waren. Für Korrektoren waren nicht geregelte Schreibweisen „Zweifelsfälle.“ Sie waren Meister im Auffinden solcher Zweifelsfälle, teilten sie ihrem Verband mit, und der wandte sich an die Dudenredaktion mit der Bitte um Regelung. Der Duden bedankte sich regelmäßig bei ihnen in den Vorworten. In der Neuauflage des Duden war der Zweifelsfall dann geregelt. Es kamen Spitzfindigkeiten dabei heraus wie „Auto fahren“ aber „radfahren“ und ein immer komplizierteres Regelwerk der Groß- und Kleinschreibung.

Aus dem Vorwort des Dudens, 16. Auflage, 1967 - Scan und Markierung: JvdL (größer: bitte klicken)

Aus dem Vorwort des Dudens, 16. Auflage, 1967 – Scan und Markierung: JvdL (größer: bitte klicken)

Schon in den 1920-er Jahren hatte der Realschullehrer Josef Lammertz mit dem „Testament einer Mutter“, dem berüchtigten „Kosogschen Diktat“ , den Nachweis angetreten, dass niemand diese Regeln beherrschte. Im Jahr 1964 klagt der Germanist Leo Weisgerber:
„Dem Buchdruck (…) von orthographischer Toleranz zu predigen, ist ein aussichtsloses Beginnen. Die Drucker sind noch heute auf die Beseitigung der letzten Doppel- und Zweifelsformen aus.“

Auf diese Weise wurde unsere Rechtschreibung immer komplizierter. Sie hatte sich dem ordnenden Zugriff der Sprachwissenschaft entzogen. Der Dudenverlag hatte kein Interesse, die Regeln einfach zu halten, denn die Unsicherheit der schreibenden Deutschen sicherte Millionenauflagen. Das allein hat die Rechtschreibreform von 1994 nötig gemacht. Letztlich, um den Bestand an Jungfrauen zu sichern. Folgerichtig verlor der Dudenverlag mit der Orthographiereform das Monopol, die amtlichen Richtlinien herauszubringen und mithin das Prädikat „maßgebend in allen Zweifelsfällen.“

laeden-alltagskultur

Wie bekomme ich jetzt den Dreh zum Erzählprojekt „Die Läden meiner Kindheit? Sind wieder Beiträge erschienen. Und allesamt jungfräulich. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Bitte klicke aufs Bild!

Neues aus dem Zirkus des schlechten Geschmacks – Andauernd Ärger mit der Post

„Beide Briefmarkenautomaten sind defekt.“
„Ist bekannt. Und weitergemeldet“, sagt der Mann am Schalter ungerührt.
Ja, aber wohin? Wer nimmt bei der Post die Fehlermeldungen entgegen? Eine Sprachbox, die niemand je abhört, ganz gewiss. Anders ist nicht zu erklären, dass der Aufzug vor der Tür der Lindener Postfiliale seit Monaten außer Betrieb ist. Barrierefreiheit wird sowieso überschätzt. Ist die Schöpfung etwa barrierefrei? No, Sir, im Gegenteil. Wie lange beide Briefmarkenautomaten schon defekt sind, weiß ich nicht. Vielleicht haben sie den Geist aus automatenhafter Kumpanei aufgegeben. Jedenfalls stand ich vergangenen Sonntag da mit zwei Briefen in der Linken und einem Haufen Münzen in der Rechten und konnte keine Briefmarken ziehen. Ein weiterer Automat hatte mal auf der Limmerstraße gestanden, aber den fand ich nicht mehr. Man hat ihn abgebaut, vermutlich, damit er nicht kaputtgeht. Folglich musste ich gestern erneut zur Post fahren, wo sich dann der rudimentäre Dialog oben entspann.
desolate-post(Aktuelle Beweisfotos aus Hannover-Linden: Trithemius)

Du liebe Zeit! Was ist nur aus der einst stolzen Deutschen Bundespost geworden? Die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass die Post einmal Staatsbetrieb war, die Postbeamten einen Draht in der Dienstmütze hatten und die Postbeförderung als hoheitliche Aufgabe galt. Es gab in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren sogar den sogenannten Radikalenerlass, nach dem niemand auch nur Briefträger werden konnte, den der Verfassungsschutz schon mal bei einer Demonstration fotografiert hatte. Die wahren Radikalen kamen aber aus den späteren Bundesregierungen, die mit den fatalen Postreformen die Privatisierung und Aufspaltung der Deutschen Bundespost in Briefpost, Paketdienst DHL, Telekom und Postbank verbrochen haben. Heute ist man bei der Post nicht mal fähig, auf einem defekten Automaten anzugeben, wo der nächste erreichbare Automat steht. So geht’s, wenn man Menschen durch Automaten ersetzt.

Bis zum Jahr 2014 warb die Postbank mit dem Claim „Unterm Strich zähl ich“. Unklar blieb aber, wer dieses „ich“ denn war. Vermutlich war nicht der Texter dieser dubiosen Kampagne gemeint. Dann schon eher rückblickend der ichfixierte Klaus Zumwinkel oder sein Bruder im Geiste, Josef Ackermann, in dessen Ära als Vorstandsvorsitzender die Deutsche Bank die Postbank schluckte. Verbrochen hatte die Werbekampagne die BBDO Düsseldorf GmbH, Peter Schmidt Group, vom Art Directors Club und „Manager Magazin“ zu Deutschlands kreativster Agentur des Jahres 2013 gewählt. Stolz verkündete die BBDO damals auf ihrer Webseite:

„Die Kampagne erreicht höchst effizient ein neues Allzeithoch für die Markenbekanntheit, steigert die spontane Werbeerinnerung um 63 % und etabliert die Postbank als vertrauenswürdigste Privatkundenbank. Gerade in der aktuellen Krise ist das ein entscheidender Vorteil.“

Vor lauter effizienter Kreativität hatte man einen Aspekt der Vertrauenswürdigkeit vergessen, dass nämlich eine Verantwortung hat, wer den öffentlichen Raum mit schriftlichen Botschaften beschickt. Natürlich müssen sich nur Beamte, Schüler und Studenten an die amtlichen Orthographieregeln halten, “Kreative” können sich in blöden orthographischen Wortspielen austoben, doch gerade in der Orthographie noch unsichere junge Menschen sahen in Aushängen der Postbank Fehler, die sich nicht von der lautlichen Form der Wörter wie „riesig“, „großartig“, „leistungsfähig“ unterscheiden, da zumindest im Norden Deutschlands „ig“ standardsprachlich weich gesprochen wird. Weil der Post als ehemaligem Staatsbetrieb noch immer etwas Amtliches anhaftet, war der orthographische Sündenfall der Postbankplakate besonders ärgerlich.

Auf die amtliche Orthographie achtet man bei der Post auch nicht, wie der Aushang am Aufzug zeigt, wo mal wieder das Eszett fehlt. Aber der selbstgemachte Wisch machts sowieso nicht mehr lange. Man sollte vielleicht die BBDO Düsseldorf GmbH damit beauftragen, wetterfeste Aushänge zu entwickeln. „Eine Bank fürs Leben“, lautet ihr neuer Werbeslogan, illustriert mit einer postgelb angepinselten Sitzbank. Statt von einem Bank-Bank-Homonym zu schwafeln, könnte man eine echte Bank aufstellen, wo sich Post und Bank die Räumlichkeiten teilen wie in der Lindener Filiale, damit die Leute sich mal hinsetzen können, statt für ein paar lumpige Briefmarken anzustehen.