Bückling vor dem Formular (3) – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.
„Ich will dich nicht langweilen mit weiteren Beispielen“, sagte Coster und wärmte seine Hände an der Tasse. „Wenn der Mensch eine Pechsträhne hat, beginnt er sich zu fragen, welchen Anteil er daran hat und ob ihn das Schicksal für ein Fehlverhalten bestraft.“

„Dabei ertappe ich mich auch gelegentlich“, sagte ich. „Man fragt sich hingegen selten das Gegenteil. Wenn einem unverhofftes Glück widerfährt, sagt man nicht, ach, ich werde belohnt, aber wofür eigentlich? Gibt es nicht Bessere, die es mehr verdient hätten?“
„Wenn jemandem unverdientes Glück widerfährt, dann glaubt er nicht an eine Bestimmung“, sagte Coster ungehalten. „Es würde sein Glück schmälern, wenn er nicht glauben könnte, er habe kraft seiner Existenz verdient, glücklich zu sein. Der schrecklichste Mensch kann vom Glück verfolgt sein, nicht einmal seine Niedertracht, keine seiner Schandtaten vermag sein Glück zu schmälern, solange er an nichts anderes glaubt als an sich selbst. Und zwei Glücklichen kann gelingen, was nicht zu planen und nicht zu trainieren ist, und sei es, dass sie mit Nadel und Faden aufeinander zulaufen und einfädeln.

Aber wer Pech hat“, fuhr Coster fort und betrachtete seinen Handriss, „der muss sich einfach fragen, warum diese unerfreulichen Dinge geschehen, muss überlegen, ob er nicht durch Versäumnisse oder Fehlverhalten das Unglück herbei gepfiffen hat. Denn es gibt Gründe für Missgeschick.“
„Zum Beispiel?“
„Unachtsamkeit, mangelnde Vorsorge, fehlende Planung, missachtete Strukturen, Prokrastination.“
„Gilt denn nicht das Gegenteil als Gewährleistung für Glück? Kann ich es nicht ebenso herbeipfeifen durch Achtsamkeit, Vorsorge, Planung, rechtzeitiges Erledigen und dergleichen?“
„Zweifellos.“
„Was stehlen Sie mir die Zeit, Coster?“, sagte ich. „Wenn es sowohl unverdientes Glück wie verdientes Glück gibt wie auch verdientes und unverdientes Pech, worin liegt die Erkenntnis, die Sie hier an einem Ort verbreiten, den ich freiwillig nicht aufgesucht hätte? Ich sollte zu Hause sitzen und gar nichts denken.“
„Die Erkenntnis? Das Leben ist so, wie du glaubst, dass es ist, bis jemand kommt und dir das Gegenteil beweist. Dann ist es so, wie er glaubt, denn sein Glaube hat deinen überwunden. Da aber nichts in der Welt von Dauer ist, da das Leben schwingt wie alle Natur schwingt, wird sich die Sache irgendwann wieder wenden, wozu du freilich an irgendwas glauben musst. Und sei es nur daran, dass Vorsorge und Planung dein Leben begünstigen. Wer sich freilich hoffnungslos treiben lässt wie die Leute hier an den Tischen, wird bald vom Leben getrieben werden.“

„Ich weiß ja nicht, welche galaktische Schwingung gerade für Sie gilt, Coster“, sagte ich und stand auf. „Vielleicht haben Sie eine Pechsträhne, weil Sie etwas versäumt haben, vielleicht auch, weil Ihnen jemand das Leben schwer macht, der stärker an sich glaubt als Sie. Für meinen Teil weiß ich, was zu tun ist. Ich gehe jetzt nach Hause und mache einen Bückling vor dem Formblatt, das seit zwei Monaten geduldig auf mich wartet.“

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Bückling vor dem Formular (2) – Costers Pechsträne

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte Coster, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen. Ich folgte Coster in ein Café, das ich freiwillig nie betreten hätte. Das Publikum seltsam gemischt, reiche Tanten, die ihre Klatschsucht und ihren Kuchenhunger stillen und Leute, die vom Schicksal nicht begünstigt sind, die unter normalen Bedingungen ihr weniges Geld zusammenhalten. Und dann haben sie sich fast grundlos in die Stadt begeben, wo ihr Herz zu bluten begann, weil sie nicht kaufen konnten, was die glitzernden Läden anbieten. Jetzt auch noch in einen kalten Nieselregen zu geraten, zu frieren und trotzdem dem Gebot der Einschränkung zu gehorchen, das ist einfach zuviel! Solche Leute, auf der Flucht vor ihrem Leben, die kannst du hier sehen, wie sie über einem Kaffee und einem Stück Torte hocken und sich den Anschein von Wohlanständigkeit geben. Ihre Armseligkeit ist so offensichtlich, dass die Kellnerinnen ihnen den Respekt verweigern und sie maulig bedienen, obwohl man die besten Sachen hervorgeholt hat, um sich stadtfein zu machen.

Coster ignorierte die Kuchentheke und strebte der Treppe zu, die sich hinaufschwingt zur ersten Etage. Und wie wir die Stufen aus falschem Marmor nahmen, stolperte er und suchte krampfhaft Halt am Geländer aus Falschgold. Er fluchte nicht, wie es sonst seine Art war, sondern schien sich still zu ergeben. Und als wir an einem Tisch in der Nische Platz nahmen, da rammte er sich die Ecke der Tischkante in den Oberschenkel. Auch darüber verlor er kein Wort, sondern zwängte sich seufzend auf die Bank an der Rückwand.

„Was machen wir hier“, fragte ich und setzte mich auf den einzelnen Stuhl gegenüber.
„Es lag gerade auf dem Weg, und außerdem …“, Coster schaute sich um und zur Decke hinauf, wodurch sein Gesicht in den Schein eines runden Deckenstrahlers geriet und geisterhaft aufleuchtete, „außerdem – das hier gehörte nicht immer zum Café. Hier waren einst Wohnungen, und ich kannte eine Frau, deren Bett genau hier gestanden hat.“
Für einen Moment sah es aus, als wollte er sich auf der Sitzbank langmachen und in Erinnerungen eintauchen.
„Ich hoffe, das Bett war breiter als die Bank und man stieß sich nicht an Tischecken, wenn man hineinwollte“, sagte ich. Coster beugte sich vor und raunte: „Das ist es, worüber ich mit dir reden wollte, und wären wir woanders hingegangen, so säße ich auch nicht sicherer. Denn seit einigen Tagen ereilen mich die Missgeschicke. Man könnte auch sagen, ich bin vom Pech verfolgt.

Eben erst“, fuhr Coster fort, „ist mir die Kamera hingefallen, als ich aus dem Küchenfenster hinaus einen Baum filmen wollte. Ich hatte die Rändelschraube des Stativs zu weit hochgedreht, so dass die Schraube nicht richtig in die Windung eintauchen konnte. Da kippte mir die Kamera nach vorn und … ich habe nicht einmal versucht, sie zu fangen, es wäre ohnehin vergeblich gewesen. Jetzt ist das Objektiv verbogen. Da hörte ich einen Knall aus dem Bad, und als ich nachsah, lagen allerlei Utensilien auf den Fliesen, die ich in einem Plastikkorb aufbewahre, der mit zwei Saugnäpfen an den Kacheln haftet. Einer der Saugnäpfe hatte sich gelöst, und jetzt hing der Korb albern nach unten, als hätte er die Lust verloren, etwas aufzubewahren, was mir gehört.“

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.

Fortsetzung – Bückling vor dem Formular 3 – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

Bückling vor dem Formular (1) – Nichts tun

Ich sollte zu Hause sitzen und gar nichts tun, allenfalls mich besinnen. Aber besser sollte ich nicht einmal etwas denken. Auch Denken ist ja irgendwie Handeln, und ich sollte auch das nicht tun. Denn offenbar liegt es am Denken, dass ich mich seit Wochen und Tagen nicht dazu überreden kann, dieses Formular auszufüllen. Viel Aufwand wäre es nicht, einige Unterlagen zusammensuchen, das Formblatt auf den Tisch legen, einen Stift nehmen, das Vorgedruckte lesen und dann in die richtigen Spalten eintragen, was verlangt ist. Gelänge mir das, könnte ich unterschreiben, das Blatt in einen Umschlag stecken, das Couvert mit Adresse und Absender versehen, frankieren, – und ab damit zum Briefkasten. Der Augenblick, in dem das Schlitzmaul des Briefkastens den Umschlag verschlänge, er wäre erfüllt von Genugtuung. Und alles zusammen würde mich vielleicht eine Stunde meiner Lebenszeit kosten, allerhöchstens. Die Genugtuung jedoch würde eine Weile anhalten, denn ich hätte mich nicht nur einer Pflicht entledigt; das korrekt ausgefüllte Formular brächte mir eine erfreuliche Geldsumme.

Beinahe allabendlich habe ich im Bett gelegen und mich ermahnt, dass ich diese eine Stunde aufbringen sollte am nächsten Morgen. Und gelänge es mir nicht am Morgen, dann würde ich es mittags tun. Aber es wurde nicht getan, und nun ist Zeit verstrichen, Fristversäumnis droht. Was ist das nur? Warum scheue ich vor diesem Formular zurück wie ein … – mir fällt kein Vergleich dafür ein, denn wie gesagt, eigentlich sollte ich nicht denken und auch nicht sinnieren, wo ein passendes Beispiel zu finden wäre für mein seltsames und schädliches Verhalten. Das würde die Sache nur verschlimmern. Andererseits beschäftigt mich die Frage, warum ich wie so viele meiner Mitmenschen an Prokrastination leide, einer Krankheit, die so hässlich und sperrig ist wie das Wort. Aufschieberitis fühlt sich schon gleich besser an. Wozu ist sie gut? Welcher evolutionäre Vorteil ist durch sie gegeben? Oder ist die Aufschieberitis ein Produkt des modernen Lebens, generell der Formulare?

Dabei ist das Formular eine soziale Errungenschaft, ein Triumph von Recht und Demokratie. Es verspricht Gleichbehandlung nach allgemein bekannten Vorschriften. Würde ich lieber bei den abweisenden Unterbeamten der übermächtigen Bürokratie eines Despoten vorsprechen und Bücklinge machen, damit man mich anhört? Da wüsste ich nicht einmal die devoten Wendungen und Floskeln, sie gnädig zu stimmen. Und ließen sie mich reden, bekäme ich dann die richtigen Worte heraus, den Sachverhalt klar, knapp und überschaubar darzulegen? Sie würden erwarten, dass ich die notwendigen bürokratischen Ausdrücke kenne, damit sie mich weiterschicken können zu höheren Stellen, wo ich erneut vortragen müsste, warum ich gekommen war. In der Aufregung würde ich wichtige Einzelheiten meines Anliegens vergessen, und es könnte geschehen, dass man mich gar nicht erst ausreden ließe, dass man einen flüchtigen Blick auf meine zerfledderten Unterlagen werfen und stumm auf eine Tür zeigen würde, durch die ich unversehens wieder nach draußen gelänge. Und stünde ich ratlos auf dem Vorplatz, wüsste ich nicht einmal, ob es davon abgehangen hätte, die richtigen Worte zu finden, oder ob sie mich in jedem Fall durch den Nebenausgang geschickt hätten. Denn ich hätte ja kein Recht eingefordert, sondern Gnade erbeten.

Das alles dachte ich gegen meinen Willen, denn ich war ja unterwegs, konnte noch nicht still und gedankenlos zu Hause sitzen. Unversehens hatte es zu regnen begonnen, und plötzlich rammte mich ein Bus. Aber nein, es war Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Er war wohl wie ich in Gedanken versunken und hatte mich nicht gesehen.

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte er, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen.

Bückling vor dem Formular (1) Fortsetzung Costers Pechsträne

Neueste Nachrichten vom Nichtstun

Ich hätte durchaus einiges zu erledigen. Aber einige Stimmen in meinem Kopf vertreten die Ansicht, das könnte ich morgen, übermorgen oder in der nächsten Woche tun. Überhaupt wäre es besser, nichts zu überstürzen, sondern die Dinge zu tun, wenn ihre Zeit gekommen ist. Außerdem geht bestimmt die Sonne weg, sobald ich aufbreche. Also umgekehrt: Wolken kommen. Spätestens, wenn ich mein Fahrrad zur Haustür hinausschiebe, dann schieben sich dichte Wolken vor die Sonne, Wind kommt auf, lässt mich frösteln, und ich habe schon direkt keine Lust mehr. Am Ende regnet es noch auf mein mühsam aufgebautes Kartenhaus der Motivation, und das ist natürlich ganz und gar nicht wasserfest. Schon die Vorstellung, wie die Karten im Regen umfallen, laff auf dem Bürgersteig kleben, aneinandergepappt in schmutzigen Pfützen liegen, und ich versuche sie mit spitzen Fingern herauszufischen … Das Rad muss ich auch wieder auf den Hof schieben, abstellen und das lästige schwere Schloss drumwinden, bevor ich endlich die Treppenstufen hinaufsteigen darf, die ich doch eben erst herabgestiegen bin.

Wenn es mir nur gelänge, in Ruhe sitzen zu bleiben, ohne schlechtes Gewissen, ohne die endlosen Überlegungen, was möglicherweise erledigt werden könnte und wieviel besser es doch wäre, draußen unterwegs zu sein als hierinnen im Sessel zu hocken. Denn die Sonne scheint weiterhin. Warum auch nicht? Ich habe ja noch keinen Fuß vor die Tür gesetzt. „Das machst du, wenn die Zeit reif ist“, sagt es in meinem Kopf, und ich denke, die Zeit ist ein Harzer Käse und fängt furchtbar an zu stinken, wenn eine Sache endlich gemacht werden muss und keinen Aufschub mehr duldet. Es gibt also derzeit kaum einen Grund, aus dem Sessel aufzustehen, in die Welt hinauszufahren und den Leuten den Sonnenschein zu verderben. Ist ja auch nicht ein Hauch von Harzer Käse in der Luft.

Alles durcheinander – findet Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Hier sieht es ja aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Trithemius

Kein Lebender hat je unter das Sofa von Hempels geguckt, Frau Nettesheim, also trifft mich ihre Bemerkung nicht.

Frau Nettesheim

Wollen Sie mir eine sophistische Diskussion aufzwingen? Ich meine das Papierchaos hier.

Trithemius
Ja, mir sind die Dinge ein wenig entglitten, weil ich mit Schreiben beschäftigt war. Wenn das Durcheinander nicht mehr mit 30 Handgriffen zu beseitigen ist, kapituliere ich erst einmal und lasse es eine Weile zu, bis die mahnende Stimme mich zum Handeln veranlasst.

Frau Nettesheim
Dann ist ihre mahnende Stimme vermutlich heiser, weil sie seit Tagen auf taube Ohren stößt.

Trithemius
Hat sie sich deshalb Verstärkung durch Sie geholt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Nein, das ist letztlich Ihre Sache. Meine Bemerkung war ein spontaner Ausruf des Schreckens. Wenn Sie sich in dem Durcheinander wohlfühlen …

Trithemius
Ich fühle mich nicht wohl darin. Und wenn ich auch noch nicht zur Tat geschritten bin, so mache ich mir seit gestern schon Gedanken darüber, was es damit auf sich hat und wie ich es am besten beseitige.

Frau Nettesheim

Und? Müssen Sie zuerst noch eine Zeichnung davon machen, bevor sie tätig werden?

Trithemius
Mich interessiert die Theorie des Unzulänglichen, Frau Nettesheim. Zum Unzulänglichen gehören verschiedene Erscheinungen, und sie alle unterliegen dem gleichen Prinzip, das ich zu Ihrer Erbauung „Hempel-Effekt“ nennen möchte. Jeder Zustand des Unzulänglichen im menschlichen Dasein zieht dem jeweils Betroffenen Energie ab, und zwar im Quadrat zur Belastung durch den als unzulänglich empfundenen Umstand. Wenn ein solcher Zustand nicht mehr mit 30 Handgriffen beseitigt werden kann, reicht die Energie des Menschen nur noch dazu, den augenblicklichen Zustand zu halten, nicht aber, ihn zu beseitigen.

Frau Nettesheim

Selten habe ich erlebt, dass einer sich auf so komplizierte Weise darum zu drücken versucht, in seinem Umfeld Ordnung zu machen. Jetzt brauche ich erst einmal einen Kaffee.

Trithemius

Leider ist keine Tasse mehr sauber, Frau Nettesheim.

Kafka, die Schlamperei und Straße der Kindheit (9)

Franz Kafkas Brief - zum Betrachten bitte anklicken

Franz Kafkas Brief – zum Betrachten bitte anklicken – (Quelle: Tagebuch JvdL)

„Darauf dass die Schlamperei Ihnen langweilig werden sollte, darauf vertraue ich nicht; wer die Schlamperei einmal hat, dem wird sie nicht langweilig, das weiss ich aus eigener Erfahrung“,

schrieb Franz Kafka im November 1912 an seinen Literatur-Agenten Willy Haas“, und unterstellte dabei, dass mit „Schlamperei“ einiges an Kurzweil zu erleben wäre, eine Idee, auf die man erst mal kommen muss. Die von Kafka gemeinte „Schlamperei“ heißt neudeutsch Prokrastination oder ungeschickt eingedeutscht „Aufschieberitis.“ Langweilig wird sie nie, denn Aufgeschobenes pflegt sich ja nicht zu verflüchtigen, sondern weckt einen kleinen Kobold, der als ungebetener Gast in den Hinterkopf einzieht und einen Tag für Tag lauter piesackt, man müsse jetzt aber endlich zur Tat schreiten. Der die „Schlamperei hat“ wird jetzt bockig, denn je länger er aufschiebt, je lauter der Kobold randaliert, desto schwerer fällt der Angang.

An solchen Tagen spazieren tausend Gedanken an unerledigte Dinge über die innere Bühne, aber ein richtiges Stück wird nicht aufgeführt. Es bleibt nichts als den Gedanken zuzusehen, wie sie auf der einen Seite aus der Dekoration kommen, um auf der anderen hinter dem Vorhang zu verschwinden. Ja, und die nervigste Figur, die immer wieder auf der Bühne tritt und alle vor sich hertreibt, ist der Kobold. Man kann ihn kaum noch ansehen, denn er wird mit jedem Durchlauf lästiger.

Ab mit dem Pack! Wir rufen Szenen aus alten Slapstick-Filmen auf. Konflikte werden da mit einem kräftigen Arschtritt gelöst. Was ist?  Ich hätte „Arsch“ geschrieben? Auf der inneren Bühne gibt es keine Sprachpolizei. „Herr Inspizient, Sie dürfen den Kobold jetzt wieder auf die Bühne lassen.“ Mentale Arschtritte können auch befreien.

Den eigenen Kardinalfehler solle man kennen, rät Balthasar Gracian in „Die Kunst der Weltklugheit“. Sei der Kardinalfehler erkannt und erfolgreich bekämpft, würden die anderen Fehler wie Dominosteine fallen. Dann ist man endlich der Mensch, der man schon immer mal sein wollte. Der hat gut reden, wenn sich doch soviel aufgestaut hat, was zu erledigen wäre. Also eins nach dem anderen abarbeiten. Nebenan im Teppichhaus ist endlich die 9. Folge von „Straße meiner Kindheit“ erschienen. Ich glaube, es regnet da.