Mit dem Einkaufswagen durch ein verschwundenes Kaufhaus – nichts für Fußlahme

Für mich als Kind war der Wald der Inbegriff des Beständigen. Dass auch der Wald sich durch Bewirtschaftung verändert, erschloss sich mir erst, nachdem ich größere Zeitspannen überblicken konnte. Inzwischen weiß ich, dass nichts in der Welt von Dauer ist. Alleweil ändert sich was. Auch was uns heute selbstverständlich erscheint, verändert sich über Nacht oder verschwindet. Im vergangenen Sommer war ich wegen des Spiralbruchs meines Unterschenkels nach Krankenhaus, Kurzzeitpflege und Reha mehr als drei Monate nicht zu Hause. In der Zwischenzeit sind drei mir vertraute Obernachbarinnen weggezogen und das Real-Kaufhaus in meiner Nachbarschaft hat geschlossen.

Real war mir immer unsympathisch, aber für mich bequem zu erreichen. Er lag nämlich nur vier Gehminuten entfernt. Daher habe ich dort gelegentlich eingekauft. Den Monitor, auf den ich gerade schaue, habe ich dort an einem Samstag gekauft, nachdem der alte am Morgen kaputt gegangen war. Während des Lockdowns war Real die Rettung, denn der Markt bot nicht nur Lebensmittel, sondern auf der ersten Etage fast alles für den täglichen Bedarf. Mein im Unmut gekauftes Kochmesser stammt da her.

Inzwischen ist der Gebäudekomplex eine soziale Brache. Nicht nur die Verkaufshalle ist leer, sondern auch alle Geschäfte im Vorkassenbereich sind geräumt. Der gläserne Eingangsbereich wirkt verwahrlost. Auf jeder Hälfte der Automatikschiebetür ist noch das hübsche lebensgroße Paar zu sehen, das sich mit gespitztem Mund einander zuneigt, um sich bei jedem Öffnen der Türen zu trennen und beim Schließen einen Kuss zu geben. Das muss eine Bützerei gewesen sein, den lieben Tag lang. Denn der Markt war stets gut besucht. Nie wurden sie einander müde und jetzt sind sie bis zum Gebäudeabriss im Kuss vereint.
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Plausch mit Frau Nettesheim – Human Interest


Trithemius
Was muss ich da lesen, Frau Nettesheim!? Himmel hilf!

Frau Nettesheim

Warum diese Anrufung, Trithemius? Sie sind doch Atheist.

Trithemius

Eine fürchterliche Nachricht: Wolfgang Schwalm, der jüngere der Wildecker Herzbuben, ist unheilbar herzkrank. Und zu allem Überfluss leidet Wilfried Gliem, sein 73-jähriger Sangespartner, an Herzinsuffizienz.

Frau Nettesheim

Man hat es bei den schwer adipösen Männern erwarten können.

Trithemius

„Schwer adipöse Männer“ gelten doch bei Frauen Ihrer Nachkriegsgeneration als stattliche Mannsbilder, Frau Nettesheim, weil sie Wohlstand und Gemütlichkeit verkörpern.

Frau Nettesheim

Ich gebe Ihnen gleich „Nachkriegsgeneration. Sie unverschämter Rabulist stellen eine Behauptung auf und liefern gleich eine Begründung mit, so dass niemand an der Behauptung mehr zweifelt. Ihre eristischen Kniffe sind unterste Schublade.

Trithemius

Aber die Wildecker Herzbuben!

Frau Nettesheim

Sind Ihnen herzlich egal. Was haben Sie mit denen am Hut?

Trithemius

Wegen der sprachmagischen Komponente in der Erkrankung. Nennen sich „Herzbuben“, sangen das Lied „Herzilein“ und sind beide herzkrank.

Frau Nettesheim

Aber Trithemius! Wollen Sie mir die Zeit stehlen? Der Gedanke gibt doch nichts her.

Trithemius

Ich suchte nur nach einem unverfänglichen Thema. Denn eigentlich könnte ich reinhauen.

Frau Nettesheim

Wohin?

Trithemius

In unsere verkommene Medienlandschaft. Das staatstragende Geschwätz, derweil unsere demokratischen Grundrechte in Grund und Boden verordnet wurden, das Tuten und Blasen halbgarer Fakten und wie unser Mainstreamjournalismus die Virologen zu Medienstars aufgebaut hat. Am schlimmsten ist aber die faulige Darstellung der Realität. Nehmen Sie nur die Human-Interest-Storys, die uns die Vorabendmagazine wie „aktuelle Stunde“ (WDR), „Hallo Niedersachsen“ (NDR) und so weiter bieten. Weil man kaum noch ReporterInnen aussenden mag, nimmt man Familien aus dem eigenen Umfeld. Wir sehen, wie die gehobene Mittelschicht mit den Corona-Beschränkungen umgeht. Wie müssen sich Leute in einer engen Wohnung ohne Balkon und Garten verarscht vorkommen, wenn das Fernsehen ihnen Familien aus der weichgezeichneten Rama-Werbung vorführt, wie sie auf der besonnten Terrasse frühstücken, im Garten witzige Sportparcours aufgebaut haben, und es sich gut gehen lassen – mit dem einzigen Problem, nicht in den geplanten Urlaub fliegen zu können.

Frau Nettesheim

Ist die Luft jetzt raus? Denken Sie an die Herzbuben, Trithemius!

Trithemius
Nein! Erinnern Sie sich noch an den Milliardär Warren Buffett und seine Rede vom Klassenkampf der Superreichen? Es war nur die halbe Wahrheit. Die Corona-Krise entlarvt einen unterschwellig geführten Klassenkampf der Mittelschicht gegen das Prekariat. Die „fürsorglichen“ Einschränkungen zielen mit brutaler Härte auf die Ärmsten und Schwächsten.

Frau Nettesheim

Jetzt hat er es doch gesagt.