Postbeförderung im Schneegriesel

kategorie Mensch & NaturIn der Nacht hat sich Schneegriesel auf alles gelegt. Ich lese nach, dass Schneegriesel die nur Millimeter große Form der Graupel ist. Schon vorher ist mir klar, dass Griesel verwandt sein muss mit unserem Farbadjektiv „grau“. Dessen alte Form ist „greis“, was wiederum mit dem rheinischen „gries“ korrespondiert. Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße. Die dünne Schicht Schneegriesel auf dem Asphalt sieht schäbig aus, obwohl sie kaum Reifenspuren hat.

Plötzlich kommt von Rechts ein Radfahrer ins Bild. Er rollt rasch auf die Kurve zu, muss also ein geübter Radfahrer sein oder er ist leichtsinnig. Im Kindersitz hinter sich befördert er ein Kind. Nachdem er sicher die Kurve genommen hat, schaue ich auf seinen Rücken und sehe, dass er eine Dienstjacke der deutschen Post trägt. Die ziert ein großes Posthorn. Das Kind hat das Logo genau vor Augen. Weiterlesen

Nachricht aus dem Toten Briefkasten

kategorie alltagsethnologieLang ist’s her, da sah ich einen Ex-Agenten des KGB im niederländischen Fernsehen. Er plaudert einiges über die Kommunikations-Methoden des KGB aus, also wie man Nachrichten austauschte, bevor es das Internet gab. In fremden Städten unterhielt man für die Agenten Tote Briefkästen. War eine Nachricht hinterlegt, wurde auf dem Bürgersteig Joghurt ausgekippt. Die Farbe des Joghurts markierte die Dringlichkeit der Nachricht. „Warum Joghurt?“, fragte der Reporter.
„Weil Joghurt auf dem Bürgersteig eklig aussieht. Alle machen einen Bogen darum.“

Auf dem Weg durch die Stadt sehe ich manchmal, dass jemandem nächtens sein Essen aus dem Gesicht gefallen ist. Dann denke ich immer: Wer weiß, welcher perverse Nachrichtendienst hier einen Toten Briefkasten unterhält. Aber dass Kotze etwas anderes bedeutet als Kotze, ist Romantik früherer Tage.

Nur die Post hat noch Tote Briefkästen, also nicht die Briefkästen, die nur einmal in der Woche geleert werden. Es sind solche grauen Kästen, die unauffällig in der Stadt aufgestellt sind und zu den Stadtmöbeln zählen. Sie werden am frühen Morgen mit Briefen beschickt. Die Postboten der jeweiligen Bezirke laden dort ihre Karren nach. Früher hatten sie nur eine Fuhre, mit der sie sich morgens aus dem Postamt auf ihre Tour machten. Heute haben sie vielleicht fünfmal soviel, weil die Zustellbezirke vergrößert wurden. Deshalb rennt meine Postbotin auch immer so. Bei mir klingeln zwei Postboten, morgens einer von der blauen, mittags von der gelben Post. Sie klingeln, um ins Haus zu kommen, nicht weil sie Post für mich hätten. Beim blauen Postboten beeile ich mich, die Tür zu öffnen, besonders wenn’s regnet. Der junge Mann hat meine Hochachtung. Sein Gehalt reicht garantiert nicht, um jemals eine Familie zu gründen, denn er verdient ein Drittel weniger als der gelbe Kollege, und der bekommt schon wenig.

Postbote pausiert - Foto: JvdL

Postbote pausiert – Foto: JvdL

Weil er bei jedem Wetter auf dem Spielplatz vor meinen Fenstern Pause macht, muss ich viel über ihn nachdenken. Wie schaut er wohl in diese Welt? Bei schlechtem Wetter wie heute würde er gewiss lieber warm und trocken in einer Bäckerei sitzen, sich von einer rundlichen Verkäuferin einen heißen Pott Kaffee bringen lassen, in ein frisch belegtes Brötchen beißen und seine Zeitung lesen. Aber er hockt auf einer zugigen Bank, trinkt Kaffee aus der Thermoskanne, isst ein Brot, das er sich mitten in der Nacht auf dem Klodeckel geschmiert hat, weil er auf dem Küchentisch die Post sortieren muss, sitzt da und zankt sich mit dem nasskalten Wind um die Zeitung.

Obwohl beide Boten bei Wind und Wetter unterwegs sind, verödet mein Briefkasten langsam. Seine Ödnis passt zum Leben der Leute, die ihn befüllen, meistens aber nicht befüllen. Ich schließe den Briefkasten aus reiner Gewohnheit auf. Fast täglich gähnt mich das hässliche Blechmaul an. Ab und zu finde ich allerdings Lang-DIN-Umschläge mit Briefen, die von Textautomaten geschrieben wurden und „gültig ohne Unterschrift“ sind. Dazwischen liegen die bunten Faltblätter der Pizzabringdienste. Sich Pizza bringen zu lassen, womöglich von einem „Lieferheld“ gehört für mich zur Proll-Kultur. Als noch eine Frau in meinem Leben war, haben wir freilich ab und zu Essen bestellt, was nicht bedeutet, dass ich Beziehungen zur Proll-Kultur zähle, wohl die Botendienste. Schäbige Geschäftsmodelle wie die blaue Post, die nur mit Billiglöhnen funktionieren, würde eine anständige Regierung verbieten. Aber sie fördert das Elend noch. Mit den Worten einer Ex-Freundin: „In deren Richtung wollte ich mich nicht mal übergeben.“

Deutschland zum Spartarif – schön schäbig

Eine Ärztin schickte mir die Mahnung einer zehn Monate alten Rechnung, von der ich dachte, sie längst bezahlt zu haben. Dann konnte ich aber keine Unterlagen über den Bezahlvorgang finden und überwies den Betrag sofort, denn die Sache tat mir leid, vor allem der sozialen Härten wegen, denen sie vermutlich durch meine Säumigkeit ausgesetzt gewesen war. Deshalb hatte sie die Mahnung auch durch den privaten Postdienstleister zustellen lassen. Die 40 Cent für eine Briefmarke der blauen City-Post hatte sie vermutlich gerade noch zusammenkratzen können. Wie traurig. Und ich hatte dem Briefträger nicht mal aufgemacht, als er bei mir klingelte, um an die Hausbriefkästen zu kommen.
Das mache ich aus zwei Gründen nicht. Erstens ist meistens ein Mitbewohner des Hauses schneller als ich, so dass der Briefträger schon im Hausflur unten hantiert, wenn ich den Hörer der Sprechanlage am Ohr habe, zweitens mag ich seine Stimme nicht hören, in der immer ein Anflug von stillem Leid mitschwingt. Nur kurz nach Weihnachten klang sie kräftiger, und ich dachte, aha, er hat über die freien Tage Kraft getankt, guckte mal aus dem Fenster, und dann war er es gar nicht gewesen, sondern der Briefbote der gelben Post. Es strampeln nämlich am Vormittag zwei Briefträger durch die Gegend, einer von der blauen Citypost und ein gelber von der Deutschen Post. Der Gelbe mit der kräftigeren Stimme verdient mit 1800 Euro etwa 600 Euro mehr als sein blauer Kollege. Was will man machen? Botendienste können eben nicht besser bezahlt werden. Es ist ja fast nur Beinarbeit. Die Kopfarbeiter dieses Dienstleisters müssen schließlich angemessen bezahlt werden, und für die Kapitaleigner muss auch noch ein bisschen was übrig bleiben, was sich lohnt, der Steuer zu hinterziehen.

spartarifKein Geld für eine Jacke? Kann sich abstrampeln – Foto: Trithemius

Eigentlich verdient der von der blauen Post nicht zu wenig, sondern der von der gelben Post viel zu viel, noch von den Zeiten her, als der Postdienst eine hoheitliche Aufgabe war, die von Beamten wahrgenommen wurde. Entsprechend prächtig und repräsentativ waren die alten Postgebäude, in deren Hallen man sich ganz klein vorkam. Die Zeiten sind glücklicher Weise vorbei. Die alten Postgebäude sind längst an Investoren verhökert, die Deutsche Post hat ihre Filialen überwiegend in piefige Zeitungsläden verlegt, und die Postboten der blauen Post sortieren die Post überhaupt bei sich zu Hause am Küchentisch. Man kann sich ungefähr vorstellen wie es zu Hause bei einem aussieht, der grad mal 850 Euro netto verdient. Das reicht vielleicht nur für ein ungeheiztes Zimmer und Klosett. Da steht der Tisch neben Klo und Bett, wenn es einen gibt. Aber auf dem Bett ist sowieso mehr Platz zum Sortieren als zwischen Toastbrot und Aldi-Marmelade. Zur Not ist da noch der Klodeckel.

Ist es nicht wunderbar, wie die einst so arrogante und selbstherrliche Post zurückgestutzt wurde auf Verhältnisse, die an das 18. Jahrhundert gemahnen, wo selbst Lehrer so schlecht bezahlt wurden, dass sie im Klassenraum, in dem sie auch wohnten, noch eine Ziege halten mussten. Das wäre doch mal ein Idee, die sich wiederzubeleben lohnt. Oder lieber doch nicht. Am Ende frisst die Ziege den Brief oder er riecht ein bisschen streng. Und ich bekomme von meiner durch meine Schuld verarmten Ärztin eine Mahnung, die ich nur mit ausgestrecktem Arm lesen mag. Dann fällt mir vielleicht gar nicht auf, dass sie mir bei 40 Cent Porto nur 2,50 Euro Mahngebühr berechnet hat. Deutschland herrlich Billigland!

Neues aus dem Zirkus des schlechten Geschmacks – Andauernd Ärger mit der Post

„Beide Briefmarkenautomaten sind defekt.“
„Ist bekannt. Und weitergemeldet“, sagt der Mann am Schalter ungerührt.
Ja, aber wohin? Wer nimmt bei der Post die Fehlermeldungen entgegen? Eine Sprachbox, die niemand je abhört, ganz gewiss. Anders ist nicht zu erklären, dass der Aufzug vor der Tür der Lindener Postfiliale seit Monaten außer Betrieb ist. Barrierefreiheit wird sowieso überschätzt. Ist die Schöpfung etwa barrierefrei? No, Sir, im Gegenteil. Wie lange beide Briefmarkenautomaten schon defekt sind, weiß ich nicht. Vielleicht haben sie den Geist aus automatenhafter Kumpanei aufgegeben. Jedenfalls stand ich vergangenen Sonntag da mit zwei Briefen in der Linken und einem Haufen Münzen in der Rechten und konnte keine Briefmarken ziehen. Ein weiterer Automat hatte mal auf der Limmerstraße gestanden, aber den fand ich nicht mehr. Man hat ihn abgebaut, vermutlich, damit er nicht kaputtgeht. Folglich musste ich gestern erneut zur Post fahren, wo sich dann der rudimentäre Dialog oben entspann.
desolate-post(Aktuelle Beweisfotos aus Hannover-Linden: Trithemius)

Du liebe Zeit! Was ist nur aus der einst stolzen Deutschen Bundespost geworden? Die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass die Post einmal Staatsbetrieb war, die Postbeamten einen Draht in der Dienstmütze hatten und die Postbeförderung als hoheitliche Aufgabe galt. Es gab in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren sogar den sogenannten Radikalenerlass, nach dem niemand auch nur Briefträger werden konnte, den der Verfassungsschutz schon mal bei einer Demonstration fotografiert hatte. Die wahren Radikalen kamen aber aus den späteren Bundesregierungen, die mit den fatalen Postreformen die Privatisierung und Aufspaltung der Deutschen Bundespost in Briefpost, Paketdienst DHL, Telekom und Postbank verbrochen haben. Heute ist man bei der Post nicht mal fähig, auf einem defekten Automaten anzugeben, wo der nächste erreichbare Automat steht. So geht’s, wenn man Menschen durch Automaten ersetzt.

Bis zum Jahr 2014 warb die Postbank mit dem Claim „Unterm Strich zähl ich“. Unklar blieb aber, wer dieses „ich“ denn war. Vermutlich war nicht der Texter dieser dubiosen Kampagne gemeint. Dann schon eher rückblickend der ichfixierte Klaus Zumwinkel oder sein Bruder im Geiste, Josef Ackermann, in dessen Ära als Vorstandsvorsitzender die Deutsche Bank die Postbank schluckte. Verbrochen hatte die Werbekampagne die BBDO Düsseldorf GmbH, Peter Schmidt Group, vom Art Directors Club und „Manager Magazin“ zu Deutschlands kreativster Agentur des Jahres 2013 gewählt. Stolz verkündete die BBDO damals auf ihrer Webseite:

„Die Kampagne erreicht höchst effizient ein neues Allzeithoch für die Markenbekanntheit, steigert die spontane Werbeerinnerung um 63 % und etabliert die Postbank als vertrauenswürdigste Privatkundenbank. Gerade in der aktuellen Krise ist das ein entscheidender Vorteil.“

Vor lauter effizienter Kreativität hatte man einen Aspekt der Vertrauenswürdigkeit vergessen, dass nämlich eine Verantwortung hat, wer den öffentlichen Raum mit schriftlichen Botschaften beschickt. Natürlich müssen sich nur Beamte, Schüler und Studenten an die amtlichen Orthographieregeln halten, “Kreative” können sich in blöden orthographischen Wortspielen austoben, doch gerade in der Orthographie noch unsichere junge Menschen sahen in Aushängen der Postbank Fehler, die sich nicht von der lautlichen Form der Wörter wie „riesig“, „großartig“, „leistungsfähig“ unterscheiden, da zumindest im Norden Deutschlands „ig“ standardsprachlich weich gesprochen wird. Weil der Post als ehemaligem Staatsbetrieb noch immer etwas Amtliches anhaftet, war der orthographische Sündenfall der Postbankplakate besonders ärgerlich.

Auf die amtliche Orthographie achtet man bei der Post auch nicht, wie der Aushang am Aufzug zeigt, wo mal wieder das Eszett fehlt. Aber der selbstgemachte Wisch machts sowieso nicht mehr lange. Man sollte vielleicht die BBDO Düsseldorf GmbH damit beauftragen, wetterfeste Aushänge zu entwickeln. „Eine Bank fürs Leben“, lautet ihr neuer Werbeslogan, illustriert mit einer postgelb angepinselten Sitzbank. Statt von einem Bank-Bank-Homonym zu schwafeln, könnte man eine echte Bank aufstellen, wo sich Post und Bank die Räumlichkeiten teilen wie in der Lindener Filiale, damit die Leute sich mal hinsetzen können, statt für ein paar lumpige Briefmarken anzustehen.