Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache

Einige der Kritkpunkte Platons an der Schrift (lies hier) scheinen durch das Internet widerlegt zu sein. So schwirrt ein Text nicht gänzlich vaterlos durch die Welt. Sein Autor kann ihn gegen Missbrauch, Fehlinterpretation und Veränderung verteidigen. Auch der Vorwurf, dass ein Text zu sprechen scheine, aber wenn man ihn frage, gebe er keine Antwort, stimmt so nicht mehr. Der Autor eines digitalen Textes ist in der Regel noch anwesend und kann zu seinen Aussagen befragt werden. Auch stehen beispielsweise Bloggerinnen und Blogger für ihre Texte ein. Sie verstecken sich zwar manchmal hinter einem Pseudonym, sind aber real existierende Personen. Hinzu kommt ein Vorzug der Blogtexte, an die vor Erfindung des Internets niemand hätte denken können: Die Schrift im Internet ermöglicht wechselseitige Kommunikation, was bislang nur dem Mündlichen vorbehalten war. Diese neuartige soziale Komponente der Schrift führt zu der Idee, dass die Menschen im Netz sich um digitale Herdfeuer versammeln, wie unsere Vorfahren sich ums Feuer versammelt haben, wenn die stockfinstere Nacht herabsank.

Um den Unterschied zwischen solchen Feuerstellen und dem digitalen Herdfeuer zu verstehen, ist es nötig, sich vorzustellen, was es in der Zeit der Mündlichkeit bedeutete, sich ums Feuer zu versammeln. Wo es keine Schrift gibt, ist einer der Ältesten die Bibliothek. Er bewahrt die Erfahrungen und das Wissen einer Kultur wie auch die geschichtlichen Ereignisse in seinem Gedächtnis. Diese Erinnerungen sind von einem Alten auf ihn gekommen, als er selbst noch jung war. Aber er speichert natürlich auch neue Ereignisse und Erfahrungen. Damit er alles besser behalten kann, wurden der Reim und das Lied erfunden. Bei den Germanen wie in vielen mündlichen Kulturen gab es einen alten Rechtsbrauch. Wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, nahm man einen Knaben mit und versetzte ihm an Ort und Stelle eine kräftige Ohrfeige, damit er sich immer an die Stelle erinnerte, wo der Grenzstein gesetzt worden war. Manchmal zog man ihn auch schmerzhaft am Ohr. Unser Wort Zeuge meint eigentlich das am Ohr ziehen.

Stellen wir uns so einen Bewahrer der Erinnerungen vor. Nennen wir ihn Gisli. Denn es ist wichtig, den Personen einen Namen zu geben. Alte Erzählungen, etwa die Sagen der Isländer, fangen beispielsweise so an: „Da war ein Mann, der hieß Gisli …“ Sofort tritt da jemand vor unserem geistigen Auge auf und es kann mit der Erzählung losgehen: Die Sonne sinkt. Gleich fällt uns die Nacht auf den Kopf!

Hast du einmal hingefühlt, wie sie ist, die Nacht? Ist sie nicht wie ein dunkles Wesen, rätselhaft und manchmal beunruhigend? Und ist sie nicht wunderbar, wenn wir uns sicher fühlen? Wenn man zum Beispiel geschützt im Bett liegt und hat einen lieben Menschen in der Nähe? Dann darf sie ruhig kommen, die Nacht. Dann darf sie dich umfangen und hinweg tragen in das Land der Träume. Angst und Geborgenheit, solche Gefühle stecken in dem kleinen Wort „Nacht“. Denn aus jedem unserer Wörter steigen die Gefühle vergangener Zeiten auf, wenn man sie genauer betrachtet. Alle nächtlichen Gefühle der Menschen von den Anfängen bis heute, die hat der kleine Laut „Nacht“ eingesammelt und in sich bewahrt. So ist es mit alten Wörtern.

Wenn Gisli einst seine Geschichten sang, dann war um ihre Hütten herum tiefe Nacht. Die Nacht war stark und mächtig. Sie legte sich auf die Welt nieder, drang in alles hinein und ließ die Welt für viele Stunden nicht mehr los. Der mächtige Wald ringsum lag in tiefer Finsternis und rückte bedrohlich nah an die Hütten der Menschen heran. Da war nirgends ein Licht. Die Nacht war eine unerbittliche Herrscherin. Man musste sie fürchten, man musste sie achten.

Gif-Animation: JvdL

In einer solchen Nacht saßen sie in einer Hütte beieinander. Das Feuer knisterte und warf den einzigen Lichtschimmer. Doch jeder spürte jeden. Ihre Gerüche und ihr leises Atmen, das einte sie in dieser dunklen Hütte und gab ihnen Sicherheit. Und dann begann Gisli zu singen. Er öffnete den Mund, und aus seiner Kehle stiegen langsam die vergangenen Jahrhunderte herauf. Gislis heiserer Gesang zog durch den Raum und zog in ihre Herzen. Gislis Gesang von vergangenen Zeiten war ein stetes Schwingen, und allmählich, doch dann immer stärker begannen sie alle in der Hütte mitzuschwingen. Ihre Kehlen formten Gislis Laute nach, wie wir es noch heute beim leisen Lesen tun. Ihre Kehlen formten das Echo, die uralte Echolalie. In Gislis Gesang, da wurden sie eins. Es war eine Stimme, die da sang: ihre Stimme. Und in ihren Stimmen waren die Stimmen all ihrer Vorväter. So war Gislis Gesang. So hatte er ihn vom Ältesten gelernt. Und der Älteste hatte ihn als kleiner Junge von seinem Ältesten gehört. Das war eine lange Reihe von Meistern und Lehrlingen, eine lange Folge von Sängern. Sie zieht sich tief hinab in die Jahrtausende und verliert sich im Dunkel der Zeit. Und ganz tief unten, in der Nacht der Menschheit, am Anfang dieser langen Reihe der Sänger, da kehren wir alle zurück zu den ersten Menschen, zurück ans Feuer der Uralten.

Man kann sich vorstellen, dass die Sprache für die Menschen ohne Schrift etwas Magisches bedeutete. Mit ihr ließen sich vergangene Zeiten heraufbeschwören, die Verbindung zu den Ahnen herstellen, aber vor allem das Gemeinschaftserlebnis stärken.

Das alles ändert sich mit dem Aufkommen der Schrift. Geschriebene Sprache ist in vielerlei Hinsicht unsinnlich. Die Alten werden ab jetzt nicht mehr geachtet. Weil es ja Bibliotheken und Nachschlagewerke gibt, werden sie nicht mehr gebraucht. Wir wollen die mündliche Kultur nicht idealisieren. Schrift hat auch viele Vorteile. Doch klar ist, dass sich die Sprache unter dem Einfluss der Schrift verändert hat. Und nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache verändert sich, auch ihr Denken und Fühlen ist anders. Die Schrift ermöglicht die Trennung von Mensch und seinem Wort, Kommunikation aus der Ferne, sprachlichen Austausch über Zeit und Raum. Dadurch vereinzelt der Mensch. In der Schriftkultur ist jeder Mensch in ein einsames Universum verbannt.

Wir benutzen Schrift nicht nur zum Austausch von Informationen. Manche von uns versuchen sich in Poesie und Literatur, was nichts anderes ist, als der Sprache ihre Magie wieder zu entlocken. Manche tauschen nur einfache Freundlichkeiten aus. Diese Äußerungen wirken auf Außenstehende banal, weil man den Informationsgehalt vermisst. Aber diese schriftlichen Freundlichkeiten haben einen ganz anderen Sinn. Sie sind Streicheleinheiten aus der Ferne.
All das bietet uns das digitale Herdfeuer. Es ist nicht fassbar, aber tut trotzdem gut.

    Wiederveröffentlichung vom Oktober 2015

EDIT:13.04.2020
Das digitale Herdfeuer ist wegen der Corona-Beschränkungen demokratischer Grundrechte aktueller und nötiger und denn je.

Kuriose Rituale (2) – Der erste Spatenstich

Die Teestübchen-Redaktion verwahrt sich entschieden gegen den liebedienerisch sich anbietenden Reim „Polen“ auf „Vestohlen.“ In Wahrheit liegt uns keinerlei Erkentnis vor, wer den Erweiterungsneubau des Städelmuseums errichtet hat. Foto: User Dontworry via Wikipedia

Julia und die seltsame Poesie einer Maschine

Im schmucken Hodlersaal des hannoverschen Rathauses tönt aus einer Ecke das Klappern einer Schreibmaschine. Während einer Vorstellung alternativer Stadtentwicklungskonzepte sitzt da die „Rasende Poetin“ Julia Sander und schreibt ihre Poesie live zum Geschehen auf einer Schreibmaschine. In Zeiten von Computer und Smartphone wirkt das wie ein Anachronismus. Trotzdem bin ich hellauf begeistert. Warum? Was ist schon besonders an einer Schreibmaschine? Ein kleiner historische Rückblick macht das deutlich:

Schreibkontor

Diese bemerkenswerte Zeichnung zeigt den Beginn einer neuen Epoche. Zu sehen ist ein Schreibkontor des 19. Jahrhunderts, ein Vorläufer unserer Büros. Rechts im Bild sitzen zwei Schreiber oder Commis. Schreiber war ein Lehrberuf, den nur Männer ausüben durften. Sie waren darin ausgebildet, eine überindividuelle Schrift zu schreiben, denn sie fertigten allen Briefverkehr und alle Verwaltungsdokumente aus. Die Schriftstücke mussten demgemäß immer klar lesbar sein. Gelernt wurden die Schriften nach Vorlagen, die im Kupferstichverfahren gefertigt und gedruckt waren. Angestrebt war, genau wie die Vorlagen zu schreiben. Wer das konnte, schrieb „wie gestochen.“ Das Ergebnis war anders als heutige Handschriften eine von individuellen Elementen gereinigte, beinah „technische“ Schrift.

Die beiden Schreiber sitzen auf Schemeln und lehnen sich an ihre Schreibpulte. Offenbar haben sie nichts zu tun, denn die Schreibarbeit erledigt eine junge Frau auf einer Schreibmaschine. Sie wirkt ganz unpassend gekleidet, als hätte sie eigentlich ausgehen wollen und wäre von der Straße weg mal eben ins Schreibkontor gekommen. Ein kleiner Junge steht vor ihr und schaut ihr traurig zu. Die Schreiber blicken skeptisch, sehen sich und ihren Berufsstand nicht durch diese lächerliche Maschine bedroht, erst recht nicht durch eine Frau. Nur der Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.

Rechts im Hintergrund an der Wand hängt ein Kalender. Er zeigt den September 1873. Zu dieser Zeit, vor genau 137 Jahren, begann die Emanzipation der Frau. Die Schreibmaschine eröffnete der Frau den Weg ins Berufsleben. In einem Regierungsbericht von 1908 heißt es, die Arbeitgeber würden weibliche Arbeitskräfte wegen ihrer “größeren Wohlfeilheit und Willigkeit” bevorzugen. Frauen geben sich nicht nur mit geringerer Entlohnung zufrieden, ihre fingerfertigen Hände kommen auch besser mit der schlecht angeordneten Tastatur zurecht als die ihrer männlichen Kollegen. Mit zunehmendem Einsatz der Schreibmaschine verdrängen die sogenannten Tippmamsells die männlichen Schreibkräfte völlig. Der Berufsstand der Schreiber verschwindet.

Die größere „Willigkeit“ ermöglicht auch das geschwinde 10-Finger-Blindschreiben. Es konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. Heerscharen von Maschinenfräuleins in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, das wirkt wie ein kafkaesker Alptraum. So führt denn auch lange Zeit kein Weg von der Tätigkeit einer Schreibkraft zu der einer Autorin. Eine Tippmamsell schreibt keine eigenen, sondern fremde Texte. Erst mit dem Schreibcomputer weicht die Trennung von Kopf und Hand. Trotzdem gilt das 10-Finger-System unter Gebildeten noch immer als nichtswürdig; ja die instinktive Ablehnung gegen die Universaltastatur ist groß, und viele rechnen es sich als Vorzug an, nach dem “Adler-Suchsystem” zu schreiben. Ich selbst schreibe nach dem polizeibekannten Terroristensystem: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Anders als die Tippmamsells muss auch die Rasende Poetin nicht perfekt mit der Schreibmaschine schreiben. Im Gegenteil: Ein unterschiedlicher Anschlag, Tippfehler und Überschreibungen machen den besonderen Reiz eines Schreibmaschinentextes aus, wo wir doch längst an Computertexte gewöhnt sind, aus denen alle expressiven Spuren getilgt sind.
Poetin04Poetin03Poetin02Poetin01Poesie aus der Schreibmaschine, ins Leben geklappert von Julia Sander (größer: klicken)

Julia Sander, die Rasende Poetin, hat ihre Schreibmaschine, genannt „Lisa“, von ihrer Großmutter geerbt. Mitunter findet man die Rasende Poetin mit ihrer Maschine Lisa auf Stadtfesten und Märkten, am Samstagmorgen auf dem Altstadtflohmarkt in Hannover, wo sie spontan Poesie erzeugt. Das strahlt zurück auf dieses ehemals dienende Schreibgerät, dieses geschichtsträchtige Werkzeug der Emanzipation, das durch den speziellen Gebrauch selbst wieder etwas Poetisches bekommt.