Einfach mal vor die Tür

Bei den besseren Häusern an der Wittekindstraße nahe dem Lichtenbergplatz sind in einem Karton wieder Bücher ausgesetzt. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick hinein, lese auf dem Buchrücken eines weinroten Leineneinbands Jan Graf Potocki und weiß sofort, was es ist: „Die Handschrift von Saragossa.“ Dieses Meisterwerk der Phantastik mit seiner komplexen Erzählstruktur von Rahmenhandlung und unzähligen in einander verschachtelten Binnenerzählungen habe ich Ende der 1970-er Jahre als hübsche zweibändige Insel-Taschenbuchausgabe gekauft und gelesen.

Aber das hier ist ein echtes Ostergeschenk. Ich frage mich, wer ein solches Buch vor die Tür setzt. Das würde ich nicht mal mit Herders sprachphilosophischen Schriften tun. Das Buch hatte ich mir zu Hause gegriffen, um im Park etwas lesen zu können. Nun muss ich beide Bücher tragen. Auch Herders Schriften sind mir quasi in die Hände gefallen. Ursprünglich gehörte das Buch der Aachener Stadtbibliothek. Die hatte eine Zweigstelle in meiner Schule. Ein städtischer Bibliothekar hatte es ausgemustert. Ich dachte: „Mal sehen, was Herder mir zu sagen hat“ und nahm es an mich. Leider macht mir Herder immer schon mit den ersten Sätzen Verdruss, weshalb mein guter Wille erneut versandet. Ich kanns nicht lesen! Vermutlich liegt es an der großartigen Geste, mit der Männer wie er zu schreiben beginnen, an dieser selbstverliebten Geschwätzigkeit, die einem auch aus Goethes Farbenlehre entgegenschlägt. Ich liebe die Bescheidenheit großer Geister, glaube auch fest, dass nur diese Eigenschaft rechtfertigt, von einem großen Geist zu sprechen. Weise sind nicht eitel. Weiterlesen