Aus dem Sitzhimmel

Besonders am Anfang meiner Schriftsetzerlehre ist mir das Stehen den ganzen achtstündigen Arbeitstag schwer gefallen. Im Jahr 1967, ich war inzwischen Schriftsetzergeselle, sah ich in Düsseldorf auf der Messe der Printmedien, drupa, eine moderne Setzerei, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. Sie saßen auf schwenkbaren Stühlen, mit denen sie sich in der Setzereigasse frei bewegen konnten, indem sie sich mit den Füßen abstießen. Die schweren Setzkästen wurden über ein Transportsystem angeliefert. Mir schien, ich hätte einen Schriftsetzerhimmel gesehen.

Nachdem ich seit dem 5. Juni 2021 sieben Wochen gelegen oder im Rollstuhl gesessen habe, weiß ich, dass derartiges Sitzen gar nichts Himmlisches an sich hat. Ich habe meinen Geburtstag im Rollstuhl gefeiert und musste mich hinschieben, bzw. fahren lassen, konnte überhaupt jeden längeren Weg, so den in den kleinen Park der Pflegeeinrichtung, nur mit Hilfe bewältigen. Zur körperlichen Unterstützung war auch die psychische wichtig, denn als Mann in der Kurzzeitpflege belastete mich das Elend der anderen Bewohner ringsum. Grüße wurden nicht erwidert, sondern ich fühlte mich mit offenem Mund angestarrt, als wäre ich ein Außerirdischer. Dazu gehören wollte ich keinesfalls. Vom Freizeitangebot hielt ich mich fern. Es wurde aus Kinderbüchern vorgelesen oder wurden Kinderreime ersetzt. Dann lieber einsam. Der Gedanke, das Pflegeheim könnte der letzte Ort sein, aus dem ich dieses Dasein verlasse, hat mich manche Nacht schlaflos gelassen.

Besonders in den ersten Wochen konnte ich mich der Verzweiflung kaum erwehren, wenn beispielsweise die demente Frau X wieder mitten in der Nacht in mein Zimmer eingedrungen war und ich mich zu Tode erschreckt hatte oder ich bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe brauchte, sie aber nicht kam. Deprimierend die nächtlichen Hilferufe, wo es Hilfe nicht mehr geben kann. Schlimm war auch, gefragt zu werden, ob ich eine Windel bräuchte, obwohl ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Bei diesem Thema war man nicht zimperlich. Hilflose Bewohner wurden bei offener Tür gewickelt und in ihrem Elend zur Schau gestellt. Pflegenotstand ist nicht nur Personalmangel. Pflege geht einher mit dem Schwund der Intimsphäre auf der einen und Schwund der Empathie auf der anderen Seite. Weil aus praktischen Gründen alle über einen Kamm geschoren werden, droht den zu Pflegenden ein deprimierender Verlust an Würde. Sich die zu bewahren, kostet Kraft.

Kraft gaben mir die Besuche meiner Lebensgefährtin, zweier meiner Söhne mit Schwiegertöchtern und eines jungen iranischen Paars, dem ich zeitweise kostenlos Deutschunterricht gegeben hatte. Es kam schöne Post von Christian Dümmler (CD) und anderen, darüber hinaus waren die zahlreichen Genesungswünsche von Freunden, Nachbarn und der Teestübchen-Community mir eine große Hilfe. Der Wunsch „gute Besserung!“ mag etwas hilflos klingen, wenn bekannt ist, dass die Besserung nicht beschleunigt werden kann. Es dauert halt sechs bis acht Wochen, bis ein Bruch verheilt ist, manchmal viel länger. Nach sieben überstandenen Wochen kann ich sagen, dass ein jeder Besserungswunsch eine moralische Hilfe war und somit zur Heilung beigetragen hat.
Dafür danke ich euch allen recht herzlich.

Derzeit lerne ich zum dritten Mal das Gehen, als Kleinkind, nach dem Schlaganfall und jetzt nach dem Beinbruch. Diesmal fehlt nicht das Gleichgewicht. Diesmal ist da noch zuviel Sorge, das Bein könnte die Belastung nicht halten. Auch die Muskulatur muss sich wieder an die übliche Beanspruchung gewöhnen. Trotzdem ist der aufrechte Gang erhebend, und ich fühle mich wieder als kompletter Mensch. Also nochmals herzlichen Dank allen, die mich Anteil nehmend unterstützt haben, als an Aufrichtung nicht zu denken war, Ihr und euer

Plausch mit Frau Nettesheim – Wider den Nachtmahr

Frau Nettesheim
Ihr gestriger Text klang ein wenig beunruhigend. Die metaphorische Umschreibung des Pflegeheims ist zwar passend, doch achten Sie etwas auf Ihre geistige Verfassung!

Trithemius
Es fällt mir schwer, das Elend des Pflegeheims nicht an mich ranzulassen, Frau Nettesheim. Heute morgen kurz vor fünf ging die Tür auf und eine verwirrte Frau schob ihren Rollator in mein Zimmer. Nachdem ich ihr gesagt hatte, sie sei im falschen Zimmer, brabbelte sie etwas Unverständliches und schob wieder ab.

Frau Nettesheim
Das hat auch etwas Ulkiges, worüber Sie sich früher erheitert hätten.

Trithemius
Diese heitere Distanz fehlt mir noch, zumal sich gestern eine Nachtschwester vorstellte, die mir ein wenig verrückt vorkam.

Frau Nettesheim
Wie?

Trithemius
Sie redete mit lauter Stimme über meinen Kopf hinweg, wie es Menschen tun, die daran gewöhnt sind, dass man Ihnen nicht zuhört. Dann drängte sie mir ein Flasche Orangenlimonade auf, hängte mir die Klingel so, dass sie kurz vor meiner Nase baumelte, hörte gar nicht, dass ich weder das eine noch das andere wollte, ein Elend.

Frau Nettesheim
Alles für sich wenig schlimm. Sie hat’s nur gut gemeint.

Trithemius
Aber der Kontext, Frau Nettesheim. Wenn ich sowieso schon da liege und damit hadere, in welche Situation ich geraten bin, und dass ihr nicht zu entkommen ist, wenn ich nah daran bin zu verzweifeln angesichts von drei Wochen, die ich noch in der Einrichtung ausharren muss …

Frau Nettesheim
… Machen Sie sich auch noch selbst verrückt mit einem Text wie gestern. Sie unterschätzen die Macht der Selbstsuggestion. Beachten Sie das Positive. Denken Sie daran, wie viele liebe Menschen sich bemühen, Ihnen Ihre Lage erträglich zu machen! Suchen Sie nach den witzigen Aspekten Ihrer derzeitigen Situation. Sie werden sehen, das hilft.

Trithemius
Ach, Frau Nettesheim, da fällt mir grad nur ein Witz ein, der mir von irgendwo zugeflogen ist, wollen Sie hören? Er ist ganz kurz.

Frau Nettesheim
Nur zu.

Trithemius
Also: ‚Ich möchte ruhig im Schlaf sterben wie mein Großvater, nicht angstvoll schreiend wie seine Beifahrer.‘